Schweizer Botschafter in Kuba warnt
«Es ist eine humanitäre Krise»

Stromausfälle, Wasserknappheit und Proteste stürzen die Karibikinsel ins Chaos. Wie lange kann die Regierung dem Druck noch standhalten?
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Vergangenes Wochenende kam es in der kubanischen Stadt Morón zu Protesten.
Foto: Screenshots via "X"

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • In Kuba kommt es zurzeit immer wieder zu Protesten
  • Stromausfälle bis zu 20 Stunden täglich, Benzin auf 20 Liter rationiert
  • Schweizer Botschafter in Kuba spricht von humanitärer Krise
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Sara BelgeriRedaktorin

Es ist dunkel, wie so oft zurzeit in Kuba. Einzig die Flammen erhellen die Nacht. Manche beobachten das Geschehen vom Strassenrand aus, andere werfen Steine. Rufe mischen sich mit dem Scheppern von Löffeln und Kellen, die auf Töpfe schlagen. Diese Szenen sind in einem Video zu sehen, das seit einigen Tagen auf der Plattform X kursiert.

Laut staatlichen kubanischen Medien handelte es sich dabei um Ausschreitungen in der Stadt Morón, im Zentrum der Insel, wo Demonstrierende vergangenes Wochenende die kommunale Parteizentrale angriffen und Mobiliar auf der Strasse anzündeten.

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Proteste sind in Kuba selten. Doch die Insel, die seit der Revolution von 1959 von der Kommunistischen Partei autoritär regiert wird, steckt derzeit in einer tiefen Krise. Immer wieder kommt es zu Stromausfällen. Anfang Woche war die gesamte Insel betroffen, weil das landesweite Stromnetz zusammenbrach.

«Die Nächte sind pechschwarz»

Das bestätigt auch der Schweizer Botschafter in Kuba, Stefano Vescovi (55). Den Mitarbeitenden der Botschaft in Havanna und ihm gehe es gut, sagt er am Telefon. «Aber einfach ist es nicht.» Die öffentlichen Verkehrsmittel würden praktisch nicht mehr fahren, Benzin sei rar und auf 20 Liter pro Monat und Auto rationiert. Wer keinen Zugang zu Solarpanels oder Dieselgeneratoren hat, muss mit bis zu 20 Stunden Stromausfall täglich rechnen. «Die Nächte sind pechschwarz», sagt Vescovi.

Das Stromnetz der Karibikinsel wird grösstenteils von veralteten, ölbetriebenen Kraftwerken betrieben. Seit Monaten erhält Kuba wegen einer US-Blockade allerdings kein Öl aus Venezuela mehr, einem der wichtigsten Öllieferanten und Verbündeten. Hinzu kommt, dass US-Präsident Donald Trump (79) Ende Januar per Executive Order ein De-facto-Ölembargo verhängte. Er drohte Ländern mit Zöllen, wenn sie Kuba weiterhin mit Öl beliefern. Nach Angaben von Kubas Präsident Miguel Díaz-Canel (65) hat das Land seit drei Monaten keinen Treibstoff mehr erhalten.

Zunehmende Wasserknappheit

Weil Treibstoff fehlt, kommt die Müllabfuhr nicht, in den Strassen stapelt sich der Abfall. Auch Lebensmittel und Medikamente sind knapp. «Das Gesundheitssystem ist am Limit», sagt Vescovi. Und ohne Strom und Treibstoff steht nicht nur der Verkehr still, sondern auch Kühlsysteme, Kochherde und Wasserpumpen. «Die Wasserversorgung wird zunehmend zum Problem», sagt der Botschafter. Insgesamt sei die Lage dramatisch. «Es ist eine humanitäre Krise.» Die Schweiz sei deshalb unter anderem im humanitären Wasserbereich aktiv, beispielsweise mit einem Projekt zur Wasseraufbereitung in Santiago de Cuba, einer Stadt im Südosten der Insel.

Dort hat bis vor kurzem der Schweizer Kuba-Kenner Mark Kuster (52) gelebt, der vor 25 Jahren die Kinderhilfsorganisation Camaquito gründete. Seine Frau und sein Sohn sind weiterhin dort. «Vielen Menschen geht es schlecht. Sie sind im absoluten Elend», sagt Kuster. Zwar seien Kubanerinnen und Kubaner für ihr Durchhaltevermögen bekannt, «aber man merkt, dass sie physisch und psychisch jede Woche mehr leiden».

Für seine Organisation hat die Krise direkte Folgen. «Unter diesen Umständen zu arbeiten, ist eine enorme Herausforderung», sagt Kuster. Es fehle nicht nur an Ressourcen, auch die Belastung für die Mitarbeitenden sei stark gestiegen. Umso grösser sei seine Anerkennung für die vielen Menschen, die trotz allem weitermachten. «Es gibt Tausende Kubanerinnen und Kubaner, die unter diesen Bedingungen versuchen, das Beste für ihr Land zu tun.»

Trump droht mit Übernahme

Die ohnehin angespannte Lage wird durch die jüngsten Drohungen aus den USA verschärft. Trump erklärte kürzlich, er werde «die Ehre haben, Kuba zu übernehmen» und könne mit dem Land machen, was er wolle. Die kubanische Führung reagierte scharf. Präsident Díaz-Canel kündigte «unerschütterlichen Widerstand» an. Trotz allem bestätigen beide Seiten, dass es Gespräche zwischen den Regierungen gebe.

Doch die aktuellen Spannungen sind nur ein Teil eines tieferliegenden Problems. Die Ursachen der Krise sind aus Sicht des Schweizer Botschafters vielfältig. Es sei eine Mischung aus den US-Sanktionen und Misswirtschaft der kubanischen Regierung. «Es ist eine Art Teufelsspirale», sagt Vescovi. «Die Menschen möchten Veränderung.» Zwar habe die Regierung nach der Covid-Pandemie Reformen angestossen und kleine sowie familiengeführte Unternehmen zugelassen. Doch der Wunsch nach mehr wirtschaftlicher Autonomie sei weiterhin gross.

Auch Kuster sagt: «Ich bin überzeugt, dass eine Mehrheit der Kubaner ein anderes Kuba will.» Viele hätten die Hoffnung in die aktuelle Führung verloren und wünschten sich mehr Mitsprache.

Er plädiert dafür, den Fokus stärker auf die Bedürfnisse der Bevölkerung zu legen, unabhängig von geopolitischen Interessen. «Wichtig ist nicht, was Trump oder die Regierung sagen, entscheidend ist, was das Volk will», so Kuster. Und das sei weder eine militärische Intervention noch vom Ausland gesteuert zu werden. Entscheidend sei ein innerer Wandel. «Die Regierung hätte es in der Hand, mehr Mitsprache zuzulassen und pragmatische wirtschaftliche Schritte zu gehen.»

Das Beste aus der Krise machen

Trotz allem funktioniert die Gesellschaft laut Botschafter Vescovi weiterhin erstaunlich gut. Kuba sei ein strukturiertes Land, und die Menschen wüssten sich zu helfen. «Die Kubaner haben ein ausgeprägtes Improvisationstalent und begegnen auch schwierigen Situationen mit einer gewissen Portion Humor», sagt er.

Doch mit jedem weiteren Stromausfall wächst der Unmut. Und damit der Druck auf die kubanische Regierung.

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