Putins Drohnen setzen Rumänien unter Druck – und zwingen die Nato zum Handeln
«Eine eskalierende Drohkampagne ist im Gang»

Seit Jahresbeginn wurden in Rumänien Dutzende russische Drohnen gesichtet. Zuletzt schossen Nato-Kampfjets mehrere davon ab. Experten vermuten, dass Moskau gezielt Schwachstellen der europäischen Luftverteidigung testet und Reaktionen provoziert.
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Ende Mai schlug eine russische Drohne in ein Hochhaus im rumänischen Galați ein. Zwei Menschen wurden verletzt.
Foto: AFP

Darum gehts

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Marian NadlerRedaktor News

Seit dem Frühjahr 2022 schlagen tagtäglich Drohnen in der Ukraine ein. Am Freitag starben bei einem Angriff auf ein Einkaufszentrum in Krywyj Rih im Süden des Landes mehrere Menschen. Zahlreiche weitere Personen wurden verletzt. Die ukrainische Armee hat alle Hände voll zu tun, um die im Land verbliebene Bevölkerung vor Drohnen zu schützen. Nicht immer gelingt es.

Doch auch wer in diesen Tagen für die Drohnenabwehr in Rumänien zuständig ist, hat kein leichtes Leben. Schon Ende Mai zählte man 15 Drohneneindringlinge in diesem Jahr. Das berichtete damals «Le Monde». Eine russische Drohne hatte gerade ein Hochhaus in der Stadt Galati getroffen. Zwei Personen wurden verletzt.

Seit Jahresbeginn ist aus einem Problem mit herumirrenden Drohnen zunehmend eine reale Luftverteidigungsaufgabe geworden. Am 16. August schaltete ein spanischer F-18-Jet im Dienste der Nato eine mutmasslich russische Drohne im rumänischen Luftraum aus. Vier Tage später mussten rumänische Kampfjets eine maritime Drohne versenken. Sie war östlich der Stadt Constanța im Wasser gesichtet worden. Der rumänische Präsident Nicușor Dan (56) verurteilte die «Intensivierung solcher unverantwortlicher Vorfälle seitens der Russischen Föderation». Schon im Juli hatten rumänische F-16-Jets innerhalb weniger Tage drei Drohnen wohl russischen Ursprungs abgefangen.

Mehr als nur ein Versehen?

Rumänien teilt sich eine Grenze mit der Ukraine. Verirrt sich eine Drohne um wenige Hundert Meter, liegt sofort eine Verletzung des Nato-Luftraums vor. Nicht jede russische Drohne über Rumänien bedeutet also einen russischen Angriff auf Rumänien, könnte man zur Verteidigung des Kremls vorbringen.

Ob einzelne Grenzverletzungen bewusst erfolgen, ist nicht belegt. Nach Dutzenden Vorfällen dürfte der russischen Militärführung das Risiko jedoch bekannt sein. Trotzdem lässt Kremlchef Wladimir Putin (73) die ukrainischen Donauhäfen Reni und Ismajil weiter mit Drohnen angreifen – unmittelbar an der Nato-Grenze.

Unabhängig davon, ob die Grenzverletzungen beabsichtigt sind, kann Russland aus den Reaktionen wertvolle Informationen gewinnen. Wie schnell wird eine Drohne entdeckt? Wann steigen Abfangjäger auf? Unter welchen Umständen wird geschossen? Eine Untersuchung des International Institute for Strategic Studies (IISS) zu Drohnenvorfällen in Europa kommt laut AP zum Schluss, dass Russland damit unter anderem Schwachstellen der europäischen Verteidigung auskundschaften und Reaktionen testen dürfte. Ob dies auch mit den Vorfällen in Rumänien beabsichtigt wird, ist bislang nicht belegt.

Video zeigt das getroffene Hochhaus
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In rumänischer Stadt:Video zeigt das getroffene Hochhaus

Kampfjet-Einsätze sind enorm teuer

Umgekehrt wird Rumänien immer mehr zum Trainingslabor der Nato für Drohnenverteidigung. Bereits im April übten dort rund 500 Militär- und Industrievertreter aus 21 Nato-Staaten gemeinsam. Die Vorfälle treffen auf eine Nato, die ihre Drohnenabwehr derzeit massiv ausbaut.

Kampfjets können Drohnen wirksam abschiessen – doch ihre Einsätze können schnell Hunderttausende kosten. Das räumte die Nato indirekt auch ein. Nach dem Abschuss Mitte August erklärte das Bündnis laut dem «Wall Street Journal», Rumänien und andere Alliierte beschafften zusätzliche bodengestützte Abfangsysteme, um ihre Drohnenabwehr zu verbessern.

Von der Leyen meldet sich zu Wort

Die maritime Drohne im Schwarzen Meer deutet einen weiteren Eskalationsschritt an. Sie wurde nahe der Gasplattform Neptun Deep gesichtet. Das Gasprojekt besitzt strategische Bedeutung für die rumänische und europäische Energieversorgung.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (67) ordnete den Vorfall in eine breitere Kampagne zunehmender Bedrohungen ein. «Eine eskalierende Drohkampagne ist im Gange, die unsere Bürger verunsichert und versucht, unsere Union zu spalten», schrieb sie in einem Post auf der Plattform X, ohne Russland explizit zu nennen.

Die Nato muss sich auf weitere Vorfälle einstellen

Ob Versehen, kalkuliertes Risiko oder gezielter Test der Nato: Mit jedem neuen Eindringling steigt der Druck auf Rumänien. Moskau weiss inzwischen, welche Folgen seine Drohnenangriffe nahe der Grenze haben können – und setzt sie trotzdem fort.

Für die Nato wird damit eine Frage immer dringlicher: Wie lange kann sie es sich leisten, auf vergleichsweise günstige Drohnen mit Kampfjets zu reagieren? Die Vorfälle über Rumänien zeigen, dass Putins Drohnenkrieg längst nicht mehr an der ukrainischen Grenze endet.

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