Kein Job, kein Geld, keine Mitsprache – Europas Jugend rebelliert
Haben die Babyboomer den Jungen die Zukunft versaut?

Die Alten haben die Macht, die Jungen die Wut: Europas Jugend fürchtet um ihre Zukunft. Wohnen wird zum Luxus, der Wohlstand der Eltern bleibt unerreichbar. Jetzt rebelliert eine Generation, die immer mehr bezahlen soll – aber in ihren Augen immer weniger zu sagen hat.
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In Frankreich gehen Tausende junge Menschen auf die Strasse. Sie protestieren gegen steigende Lebenshaltungskosten und für eine Zukunft, die sie sich leisten können.
Foto: Imago

Darum gehts

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Chiara SchlenzAusland-Redaktorin

100'000 Menschen demonstrieren am Samstag in Paris, landesweit sind es mehr als 400'000. Schüler, Gewerkschafter und Gelbwesten protestieren gegen Lehrermangel, überfüllte Klassenzimmer und die steigenden Lebenshaltungskosten. Zunächst bleibt es friedlich, doch an der Porte de Vincennes kippt die Stimmung. Auch in anderen französischen Städten kommt es zu schweren Zusammenstössen, während in Mailand, Brüssel und Tirana ebenfalls protestiert wird – Europa erlebt einen Herbst der Wut.

Die Auslöser unterscheiden sich, die Wut dahinter kaum. Eine Generation, die mit Klimakrise, Pandemie und wirtschaftlicher Unsicherheit aufgewachsen ist, fordert ihre Zukunft zurück. Während die Jungen um ihre Zukunft kämpfen, haben die Älteren längst die Macht. Haben die Babyboomer ihren Kindern den Wohlstand verbaut?

Eine Generation verliert den Anschluss

Ein guter Abschluss, ein sicherer Job, irgendwann die eigenen vier Wände: Was für viele Eltern noch erreichbar war, rückt für ihre Kinder in immer weitere Ferne. Zwischen 2010 und 2024 stiegen die Immobilienpreise in der EU um 53 Prozent, die Mieten um 25 Prozent. Besonders in Südeuropa wird das Elternhaus deshalb zunehmend zur Dauerlösung. Gleichzeitig lag die Jugendarbeitslosigkeit in der EU im August bei 15,4 Prozent – mehr als doppelt so hoch wie die allgemeine Arbeitslosenquote von 6,1 Prozent.

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In Frankreich gehen Tausende junge Menschen auf die Strasse. Sie befürchten, dass ihnen eine schlechtere Zukunft bevorsteht als ihren Eltern.
Foto: Imago

Das bedeutet nicht, dass es allen Jungen schlechter geht als ihren Eltern. Doch gerade bei Wohneigentum, finanzieller Sicherheit und Zukunftsperspektiven wird der Aufstieg schwieriger. Die Angst vor dem sozialen Abstieg ist längst zu einem politischen Problem geworden.

Die Alten haben die Macht

Doch Europas Jugend hat noch ein zweites Problem: Sie ist politisch in der Unterzahl – und das wird sich so schnell nicht ändern. 2005 waren 17 Prozent der EU-Bevölkerung mindestens 65 Jahre alt. Heute sind es bereits 22 Prozent. In Italien liegt das Medianalter inzwischen bei 49,1 Jahren. Europa altert – und damit verschieben sich auch die politischen Gewichte.

Ältere Menschen stellen einen wachsenden Teil der Wahlberechtigten. Ihre Interessen haben entsprechend grosses Gewicht, wenn Parteien um Mehrheiten kämpfen. Wer Wahlen gewinnen will, kann es sich kaum leisten, die Rentner zu verärgern. Investitionen in Schulen, bezahlbaren Wohnraum oder den Klimaschutz dagegen entfalten ihre Wirkung oft erst Jahre später.

Das heisst nicht, dass Rentner den Jungen absichtlich die Zukunft verbauen. Doch die politische Rechnung ist brutal: Die Babyboomer gehen in Rente, die Jüngeren müssen ihre Altersversorgung mitfinanzieren – und gleichzeitig versuchen, sich selbst eine Existenz aufzubauen.

Der Aufstand gegen ein gebrochenes Versprechen

Die Folgen sind längst sichtbar. In Frankreich fühlen sich laut Umfragen 74 Prozent der unter 30-Jährigen von der politischen Klasse weder vertreten noch gehört. In Italien sind es 69 Prozent, in Spanien 59 Prozent. Das zeigen Umfragen der spanischen «El País».

Das Misstrauen zeigt sich auch an der Wahlurne. Junge Franzosen wenden sich verstärkt Parteien an den politischen Rändern zu. In Italien sympathisieren viele mit der linken Opposition. Auch in Deutschland erhalten die AfD und Die Linke viel Zuspruch. Die Generation Z ist politisch keineswegs einheitlich, aber in einer These einig: Die etablierten Parteien haben sie im Stich gelassen.

Wie weit sich dieser Frust entladen kann, haben die vergangenen Jahre ausserhalb Europas gezeigt. In Bangladesch trugen junge Demonstranten 2024 zum Sturz der Regierung bei. In Nepal und Indonesien richteten sich Jugendproteste gegen Korruption und die Privilegien politischer Eliten. Die politischen Verhältnisse sind kaum vergleichbar. Doch das Grundgefühl ähnelt sich: Die Mächtigen profitieren, während die Jungen um ihre Chancen kämpfen.

Jetzt rebelliert die Zukunft

Wie ernst der Konflikt geworden ist, zeigt Brüssel. Im März verabschiedete die EU-Kommission erstmals eine Strategie für Generationengerechtigkeit. Ein neuer Index soll künftig messen, wie gut die Mitgliedstaaten die Interessen jüngerer und noch ungeborener Generationen schützen.

Doch die Proteste werden die demografischen Verhältnisse nicht verändern. Auch eine neue Regierung kann jahrzehntelange Versäumnisse nicht über Nacht korrigieren. Die Jungen haben aber etwas entdeckt, das ihnen an der Wahlurne zunehmend fehlt: die Möglichkeit, gemeinsam politischen Druck aufzubauen.

Auf einem Protestplakat italienischer Studenten stand kürzlich ein Satz, der Europas Regierungen zu denken geben sollte: «Wenn ihr uns unsere Zukunft nehmt, blockieren wir eure Gegenwart.»

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