Editorial über das brennende Frankreich
Der Fluch des Sonnenkönigs

Frankreich leidet an einer politischen Kultur, die ganz Europa prägt – und der Schweiz bis heute fremd geblieben ist.
Kommentieren
1/2
Verabschiedete das dümmstes Gesetz der Geschichte: Ludwig XIV. (1638–1715).
Foto: imago/United Archives International
Reza-Rafi-Ringier
Reza RafiChefredaktor SonntagsBlick

Es war die Zeit der gepuderten Perücken, als Ludwig XIV. 1685 das «Edikt von Fontainebleau» unterzeichnete. Es hob die Religionsfreiheit der protestantischen Hugenotten auf. Mit diesem Federstrich wollte der «Sonnenkönig» die katholische Mehrheit, den Klerus und den eigenen Machtapparat gleichermassen zufriedenstellen.

Der Preis war hoch: Weit über hunderttausend Hugenotten verliessen das Land, viele von ihnen in Richtung Schweiz. Frankreich verlor Handwerker, Kaufleute und Unternehmer, etwa in der Seidenweberei, der Papierherstellung und der Uhrmacherei. Die wirtschaftliche Schwächung trug zu jenen Spannungen bei, die letztlich in die Revolution mündeten. Womit sich das Edikt als eines der dümmsten Gesetze der Geschichte entpuppte, geboren aus einem zentralistischen, antiliberalen Geist.

Mehr als drei Jahrhunderte später brennen in Frankreichs Städten wieder die Barrikaden, Läden werden geplündert; ähnliche Bilder erreichen uns aus anderen westeuropäischen Ländern. Die Zerstörer haben die Proteste von Schülern gekapert, die gegen den katastrophalen Zustand der öffentlichen Bildung demonstrierten. Die giftige Mischung aus linksradikalem Mob, kleinkriminellem Milieu und muslimisch geprägter Machokultur verdeckt eine Frage, auf die es kaum Antworten gibt: Wie sollen diese Leute je Arbeit finden?

Die Krawallbrüder sind Vorboten des sozialen und ökonomischen Unheils in ganz Europa, das Ergebnis fehlgeleiteter Zuwanderung, gescheiterter Integration und einer Wirtschaftspolitik, die trotz aller Reformversuche noch immer dem Geist Ludwigs XIV. folgt: dem Glauben, in der Machtzentrale lasse sich Wohlstand wie am Reissbrett planen.

Die Elite in Frankreichs Hauptstadt setzt dabei auf untaugliche Rezepte. Der strenge Kündigungsschutz und die 35-Stunden-Woche schrecken Investoren ab, und jeder Versuch, den Arbeitsmarkt und das Rentensystem zu reformieren, wird mit Streiks beantwortet, die das Land lahmlegen. Diese Tradition fehlt der republikanischen, föderalen Schweiz. Wer die helvetischen Verhältnisse mit den französischen oder italienischen gleichsetzt, übersieht diesen Unterschied.

Die Verantwortung liegt deshalb nicht allein im Élysée, sondern auch bei den Spitzen der Gewerkschaften und Linksparteien Europas. Sie berufen sich auf soziale Gerechtigkeit und verteidigen ein System, das jenen den Aufstieg erschwert, für die sie zu kämpfen vorgeben. Dabei steht der persönliche Machterhalt über allem: «L’État, c’est moi» – nur die gepuderten Perücken fehlen.

Was sagst du dazu?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen