Darum gehts
Damit hat Donald Trump (80) wohl nicht gerechnet. Ausgerechnet Kanada, engster Nachbar und militärisch und wirtschaftlich einiges schwächer als die USA, bietet ihm die Stirn. Auf Trumps 50-Prozent-Strafzölle reagiert Kanadas Premierminister Mark Carney (61) überraschend mit Gegenzöllen in gleicher Höhe.
Trotz der klaren Kräfteverteilung besitzt Underdog Kanada gegen den Wirtschaftsriesen USA eine massive Hebelkraft. Ottawa setzt diesen Hebel da an, wo es den US-Amerikanern wehtut. Es ist ein Lehrstück einer Trump-Rebellion, das sich Europa zum Vorbild nehmen muss.
Bisher lief die Zusammenarbeit zwischen Kanada und den USA wie geschmiert. Im vergangenen Jahr wurden Waren und Dienstleistungen im Wert von 880 Milliarden Dollar gehandelt. Viele Kanadier arbeiten in den USA, viele US-Amerikaner verdienen ihr Geld in Kanada.
Seit Samstag gelten in den USA Strafzölle von 50 Prozent auf kanadische Waren wie Alkohol, Milchprodukte, Möbel, Sperrholz und Hockeyschläger. Grund: Laut Trump beutet Kanada die USA aus. Ab 2027 will der US-Präsident auch die Zölle für Autos, Lastwagen, Autoteile und Stahl auf 50 Prozent erhöhen. Die Zölle gegen kanadische Importe sollen rund 20 Milliarden Dollar einbringen.
Trumps Zollhammer trifft Kanada hart. Rund 70 Prozent aller kanadischen Exporte gehen in die Vereinigten Staaten.
Trump droht
Anstatt zu jammern und einzuknicken, zauderte Premier Carney nicht lange. Nach gescheiterten Verhandlungen ging er zum Gegenangriff über. Auf den 8. September hat er Vergeltungszölle von bis zu 50 Prozent angekündigt. Erhoben werden sie auf US-Produkte wie Stahl, Aluminium, Haushaltsgeräte, landwirtschaftliche Ausrüstung, Zellstoff, Papier und Elektronik. Die Zölle aus Importen aus den USA sollen umgekehrt Kanada ebenfalls umgerechnet 20 Milliarden US-Dollar in die Kasse spülen.
Trump kocht. Auf die kanadische Retourkutsche drohte er mit Konsequenzen, die «weit schlimmer» seien als die verhängten Zölle. Doch Carney kann weiteren Drohungen relativ entspannt entgegenblicken. Denn er hat Massnahmen im Köcher, die andere bestrafte Staaten Folgendes lehren:
Die unterschätzte Hebelkraft
Zwar sind die USA Kanada bei der Einwohnerzahl, der Wirtschaftsleistung und auch der militärischen Kraft weit überlegen. Dennoch kann Kanada den Riesen empfindlich treffen. Denn als ehemaliger Zentralbankchef kennt Mark Carney die Schwachstellen der US-Wirtschaft.
Die eine Strategie zielt auf Staaten mit Schlüsselindustrien. Eine andere Strategie trifft die grenznahen US-Betriebe, für die Kanada der wichtigste Abnehmer ist. Von diesen Gebieten wird der Druck der lokalen Lobby auf das Weisse Haus massiv ansteigen.
Die Auswirkungen
Kanada will sich nach neuen, verlässlichen Partnern umschauen. Der ständige Ärger mit Trump geht sogar so weit, dass der finnische Präsident Alexander Stubb (58) im Juni vorgeschlagen hatte, Kanada in die EU aufzunehmen. Stubb sagte: «Wäre es nicht wunderbar, wenn Kanada der 28. EU-Staat wäre anstatt der 51. Staat der USA?»
So weit wird es kaum kommen, da laut EU-Vertrag nur europäische Staaten die Mitgliedschaft beantragen können. Dafür gewinnt das CETA-Freihandelsabkommen zwischen der EU und Kanada eine neue strategische Brisanz. Der reine Handelsvertrag wandelt sich zum Schutzschild gegen die US-Willkür.
Carney wird sogar weitergehen. Was für ihn infrage kommt, hatte er im Januar am WEF in Davos verraten: Er will die Zusammenarbeit zwischen der Trans-Pazifischen Partnerschaft (CPTPP) – mit unter anderem Kanada, Australien, Japan, Grossbritannien und Neuseeland – und der EU intensivieren. Träte CPTPP-Kandidat China dazu, entstünde ein Handelsblock von 1,5 Milliarden Menschen und 48,5 Prozent des Welt-BIP.
Das Signal an Europa
Carneys Auftritt am WEF muss in Europa zu denken geben. Seine Kernthese: Wer versucht, Protektionismus durch Zugeständnisse abzuwenden, macht sich erpressbar. Es ist genau das Leitmotiv, nach dem er auf die Strafzölle Trumps reagiert hat.
Als Supermacht können die USA alle anderen Staaten unter Druck setzen. Wenn sich aber die Betroffenen zusammenschliessen und gemeinsam Gegenzölle auf US-Produkte erheben, verschiebt sich die Kosten-Nutzen-Rechnung für Washington drastisch. Die EU hatte zwar reziproke Strafzölle verabschiedet, diese Gegenmassnahmen aber bisher ausgesetzt.
Für Europa ist Carneys Vorgehen ein überfälliger Weckruf. Obwohl die EU wirtschaftlich viel stärker ist als Kanada, verharrt sie im zögerlichen Abwarten. Wenn Europa und andere strafzollgeplagte Staaten nicht gemeinsam zurückschlagen, bleiben sie weiterhin ein Spielball trumpscher Willkür.