Darum gehts
- Mark Carney beeindruckte am WEF in Davos mit geopolitischer Rede
- Donald Trump kritisierte Carney und Kanada scharf nach dessen Aussagen
- Carney forderte mittlere Mächte zu wirtschaftlicher Unabhängigkeit auf
«Historisch», «brillant», «grossartig»: Der kanadische Premierminister Mark Carney (60) überzeugte am WEF in Davos mit einer pointierten und illusionslosen Rede, in der er die Machtverhältnisse in der heutigen Geopolitik aufzeigte und von den mittelgrossen Mächten verlangte, für ihre eigene, wirtschaftliche Unabhängigkeit zu sorgen.
Der Kanadier erntete viel Lob – doch US-Präsident Donald Trump (79) war über die Worte des Regierungschefs gar nicht glücklich. Er trat einen Tag nach Carney in Davos auf und äusserte seinen Unmut über das Gesagte.
«Kanada existiert nur wegen der USA», behauptete Trump und warf dem Nachbarland Undankbarkeit vor. Seit diesem Zeitpunkt schiesst Trump täglich gegen Carney und Kanada. Die Beziehung scheint immer brüchiger zu werden. Die Geschehnisse in drei Episoden.
Ausladung aus Friedensrat
Nach der Carney-Rede in Davos hat Trump auf Truth Social erklärt, dass er Kanada wieder aus dem von ihm gegründeten «Friedensrat» ausladen möchte. Zuvor hatten mehrere Staatschefs in Davos ein entsprechendes Gründungsdokument unterzeichnet. Welche konkrete politische Bedeutung dieses Gremium haben wird, ist bislang unklar.
Die genauen Gründe für die Ausladung nannte Trump nicht. Carney erklärte in seiner Rede, dass das US-geführte globale Regierungssystem einen Bruch erlebe, der durch die Konkurrenz der Grossmächte und eine schwindende regelbasierte Ordnung gekennzeichnet sei. Carney nannte Trump nicht namentlich. Beobachter gehen jedoch davon aus, dass sich Trump von Carneys Ansprache angegriffen gefühlt hat.
Ärger über Handelsbeziehungen mit China
In den vergangenen Tagen folgte eine Reihe von Äusserungen, in denen Trump Carney für die neuen Handelsgespräche mit China kritisiert. Er drohte Kanada mit 100-prozentigen Strafzöllen auf alle Waren, falls das Land ein Handelsabkommen mit China abschliessen sollte. Hintergrund: Passend zu Carneys Rede unternehmen Ottawa und Peking einen Versuch, ihre Beziehungen zu verbessern und die Handelsbeziehungen zu vertiefen.
Kanada hatte 2024 wie die USA 100 Prozent Zoll auf chinesische E-Autos sowie 25 Prozent auf Stahl und Aluminium eingeführt. China reagierte mit 100-Prozent-Zöllen auf kanadisches Rapsöl und -schrot sowie 25 Prozent auf Schweinefleisch und Meeresfrüchte.
Bei einem China-Besuch brach Premier Mark Carney nun mit dieser Linie. Kanada und China senkten die gegenseitigen Zölle.
Trump befürchtet, dass Kanada von China als Umschlagplatz genutzt werden könnte, um US-Zölle zu umgehen. Auf Truth Social warnte er, China würde Kanada wirtschaftlich und gesellschaftlich zerstören. «Das Letzte, was die Welt braucht, ist, dass China Kanada übernimmt. Das wird nicht passieren, und es wird nicht einmal annähernd passieren!», schrieb Trump.
Reaktion aus Kanada
«Kanada und die Vereinigten Staaten haben eine bemerkenswerte Partnerschaft in den Bereichen Wirtschaft, Sicherheit und kultureller Austausch aufgebaut», sagte Carney am Donnerstagabend. «Aber Kanada lebt nicht wegen der Vereinigten Staaten. Kanada floriert, weil wir Kanadier sind.»
Am Sonntag legte Trump nochmals nach. Auf Truth Social schrieb er: «China übernimmt erfolgreich und vollständig das einst so grossartige Land Kanada. Es ist traurig, das mitanzusehen. Ich hoffe nur, dass sie das Eishockey in Ruhe lassen.»
Carney erklärte unterdessen, dass sein Land aktuell kein Interesse an einem Freihandelsabkommen mit China habe. Man wolle jedoch mit mehreren wirtschaftlichen Partnern zusammenarbeiten, sodass das Land eigenständiger werden kann.