Darum gehts
- Ehepaar aus Neuenburg von Motorrad erfasst, Frau stirbt in Bosnien
- Mutmasslicher Täter ist Polizeichef, Familie fordert transparente Untersuchung
- Unfall mit 4 Fussgängern, Polizei ermittelt, Täter wieder freigelassen
Für Alija* (†53) und Nermin (50) D.* sollte die Rückkehr nach Bosnien und Herzegowina ein Neuanfang werden. Das Ehepaar hatte viele Jahre in der Schweiz gelebt, zuletzt im Kanton Neuenburg. Dann entschieden sich die beiden, in ihre alte Heimat zurückzukehren. Sie wollten dort jene Jahre nachholen, die sie fern von Bosnien verbracht hatten, ihren beiden Kindern ihr Vaterland näherbringen.
So erzählt es ihre Cousine Sedina Delić-Tanović gegenüber Blick. Denn: Nur kurze Zeit nach der Rückkehr wird die Familie von einer Tragödie getroffen. Am 11. August werden Alija, Nermin und weitere Angehörige in Hadžići nahe der bosnischen Hauptstadt Sarajevo von einem Motorrad erfasst. Alija stirbt, ihr Mann wird schwer verletzt und liegt weiterhin im Spital.
«Schrecklich, dass sie das in ihrem Vaterland erleben musste», sagt Alijas Cousine Sedina. Sie weiss selbst, wie viel hinter einer solchen Rückkehr steckt. Auch Sedina zog im vergangenen Jahr nach vielen Jahren in der Schweiz mit ihren Kindern nach Bosnien. «Ein Umzug, der so viel Mut und Liebe und Organisation gebraucht hat. Und dann endet es so brutal.»
Ausgerechnet ein Polizeichef
Am Samstag wurde Alija nahe Hadžići beerdigt. Zur Trauer kommt für die Familie inzwischen eine zweite Belastung: die Frage, ob Alijas Tod tatsächlich lückenlos aufgeklärt wird.
Denn der mutmassliche Unfallverursacher ist kein gewöhnlicher Verkehrsteilnehmer. Bosnische Medien identifizieren den Motorradfahrer als Viktor Ć.* (49), Chef der örtlichen Polizeistation. Laut Angaben des bosnischen Innenministeriums erfasste er mit seinem Motorrad vier Fussgänger. Ein Augenzeuge soll gegenüber der Polizei angegeben haben, das Motorrad sei mit hoher Geschwindigkeit unterwegs gewesen. Ćatić wurde nach dem Unfall festgenommen. Laut der Familie befindet er sich inzwischen wieder auf freiem Fuss. Es gilt die Unschuldsvermutung.
Genau hier beginnt für Sedina die Sorge. Die Familie fürchtet, dass Ćatićs berufliche Stellung oder mögliche Beziehungen innerhalb der Behörden Einfluss auf die Aufarbeitung haben könnten. Belege dafür gibt es bislang nicht. Die Angehörigen betonen ausdrücklich, dass sie niemanden vorverurteilen wollen. Sie fordern aber Transparenz, eine unabhängige Untersuchung und Gleichheit vor dem Gesetz.
«Es geht uns alle etwas an», sagt Sedina. Ihr Vertrauen in die Institutionen ist nach dem Unfall schwer erschüttert: «Ich habe kein Vertrauen mehr in die Polizei.»
Die Familie will Antworten
Deshalb wendet sich die Familie nun an die Öffentlichkeit in der Schweiz. Alija war Schweizer Bürgerin, ihre Familie hat enge Verbindungen zum Kanton Neuenburg. Um dem Fall ein Gesicht zu geben, hat die Familie Blick persönliche Bilder zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt, deshalb wird das Opfer unverpixelt gezeigt. Die Angehörigen wollen verhindern, dass ihr Tod nach einigen Tagen als weiterer Verkehrsunfall aus den Schlagzeilen verschwindet. Sie wollen wissen, wie es zum Zusammenstoss kommen konnte, ob alle Beweise ausgewertet werden und ob die Ermittlungen unabhängig geführt werden. «Wir suchen keine Rache», sagt Sedina. Es gehe um «Wahrheit, Transparenz, Verantwortung und Gerechtigkeit für Alija».
Dabei geht es der Cousine inzwischen nicht mehr nur um ihre eigene Familie. Seit ihrer Rückkehr erlebt Sedina nach eigenen Angaben selbst, wie gefährlich der Verkehr in Bosnien sein kann. Sie spricht von rücksichtslosem Verhalten, fehlenden Gehwegen und unsicheren Verkehrswegen für Kinder und Fussgänger. «Bosnien ist ein wunderschönes Land – aber der Verkehr ist schrecklich.»
Alijas Tod hat diese Sorge für Sedina zur persönlichen Gewissheit gemacht. Sie selbst hat mit ihren Kindern denselben Schritt gewagt wie ihre Cousine und ist aus der Schweiz nach Bosnien gezogen. Heute fragt sie sich, wie sicher ihre Kinder dort tatsächlich sind. Für die Familie steht deshalb fest: Alija soll nicht einfach zu einer weiteren Zahl in der Unfallstatistik werden. Sedina will «Licht ins Dunkel bringen» und dafür sorgen, dass der Fall nicht vergessen wird.
* Namen der Redaktion bekannt