Darum gehts
Kann ein Land wirklich so viel Pech haben? Das tödliche Doppelbeben binnen 38 Sekunden gestern Nacht hat eine Nation erschüttert, die seit Jahrzehnten einen Schlag nach dem anderen einstecken muss. Die Aufnahmen der verzweifelten Schreie, die aus den Hochhaustrümmern an die schwüle Luft nach draussen dringen: Sie stehen symbolisch für das harte Los der Venezolaner.
Die Erdbeben sind längst nicht die einzige Bedrohung, die den knapp 29 Millionen im Land ausharrenden Venezolanern das Leben zur Hölle macht. Hinzu kommen mordende Gangs, Armut und seit Neuem auch noch Donald Trumps (80) mafiöses Gehabe. Der Mix hat dazu geführt, dass Venezuela jetzt überraschend ganz zuoberst auf einer himmeltraurigen Statistik steht.
Aus keinem anderen Land der Welt (nicht einmal aus dem Kriegsland Ukraine!) sind in den vergangenen Jahren prozentual so viele Menschen abgehauen wie aus Venezuela. Fast acht Millionen Venezolaner sind geflohen. 2025 führten sie erstmals die EU-Asylstatistik an – weit vor den Afghanen und den Syrern.
89'000 Menschen aus dem lateinamerikanischen Land (benannt einst von Amerika-Entdecker Amerigo Vespucci als «Kleines Venedig» wegen der vielen Pfahlbauten entlang der Küsten) haben in der Europäischen Union ein Asylgesuch gestellt. Die US-Denkfabrik Council on Foreign Relations (CFR) schreibt von der «schlimmsten Migrationswelle und humanitären Krise in Friedenszeiten».
Terror-Gangs und Trumps Geheimnis
Die Gründe für den Massenexodus:
Venezuelas Diktatoren-Kultur:
Seit das Gebiet vor rund 500 Jahren erstmals von den Spaniern besetzt worden ist, haben machthungrige Männer das Volk gegängelt. Die Spanier zwangen die Venezolaner einst, für das Königshaus in den gefährlichen Gewässern nach Perlen zu tauchen.
Moderne Unterdrücker wie Hugo Chávez (†2013) und sein Nachfolger, der frühere Bus-Chauffeur Nicolás Maduro (63), beschränkten sich darauf, die Erdöl-Millionen des ressourcenreichen Landes in die eigenen Taschen umzuleiten und jeden Widerspruch mit drakonischen Gefängnisstrafen zu ahnden.
Trumps Öl-Hunger:
Der Verhaftung Maduros am 3. Januar, für die Trump international viel Bewunderung erhielt, folgte nicht der erhoffte Befreiungsschlag für das unterjochte Volk, sondern ein schummriger Deal. Trump lässt Maduros Nachfolgerin, dessen langjährige Vizepräsidentin Delcy Rodríguez (63), freie Hand, solange sie den USA uneingeschränkten Zugang zum schwarzen Gold garantiert.
Auf mindestens 8 Milliarden Dollar schätzt das Council on Foreign Relations den Wert der knapp 100 Millionen Fässer Öl, die Venezuela unter amerikanischer Kontrolle seit Maduros Sturz gefördert hat. Was mit dem Geld genau passiert ist, weiss niemand. Nicht einmal der Vertrag, den Trump mit der venezolanischen Regierung abschloss, ist öffentlich einsehbar. Klar ist nur: Die gebeutelten Venezolaner haben einmal mehr nichts von all den Entwicklungen an ihrer Staatsspitze.
Die brutalen Gangs:
Mit 26 Morden pro 100'000 Einwohner hat Venezuela eine der höchsten Mordraten der Welt. In den «barrios», den Wellblechsiedlungen rund um die Hauptstadt Caracas, grassiert das Verbrechen. Die Polizei: längst nicht mehr präsent. Das Zepter übernommen haben Organisationen wie die Tupamaros, eine bewaffnete Miliz, die sich auf die Fahne schreibt, die Bevölkerung vor anderen bewaffneten Organisationen zu schützen.
Keine ist so gefürchtet wie die Tren-de-Aragua-Gang. Deren Hauptquartier – ein Gefängnis, aus dem die Gang-Mitglieder kurzerhand die Wächter verjagt und selbst das Kommando übernommen hatten – musste die Regierung 2023 mit 11'000 Polizisten (!) räumen lassen. Seit kurzem steht die für ihre Brutalität bekannte Gang auf der Terrorliste der USA. Dass Tren de Aragua die Katastrophensituation für sich nutzen wird, ist sehr wahrscheinlich. Plünderungsmöglichkeiten, Hilfsgelder, ein abgelenkter Staatsapparat: Das spielt den bewaffneten Gangstern in die Hände.
Arm trotz Öl:
Kein Land der Welt hat grössere Öl-Reserven als Venezuela. Dennoch liegt die Armutsrate nach traditioneller Zählweise bei krassen 96 Prozent. Die Wirtschaftsleistung ist zwischen 2013 und 2021 um drei Viertel eingebrochen. 2018 betrug die Inflation kurzzeitig mal 344'000 Prozent! Die Währung Bolívar: nicht mehr wert als das billige Papier, auf das sie gedruckt wird.
Fazit: Die multiplen Monsterbeben treffen ein äusserst verletzliches Volk. Wie das gebeutelte Land diese Katastrophe überstehen soll, ist völlig unklar. Paradox daran: Das Doppelbeben passierte ausgerechnet am Abend des 24. Juni, an dem Venezuela den Sieg seiner Kämpfer gegen die spanischen Besatzer in der Schlacht von Carabobo 1821 feiert. Heute würden sich wohl viele in Venezuela wünschen, dass man die Besatzer von damals nie vertrieben hätte.