Darum gehts
- Zwei schwere Erdbeben (Stärke 7,2 und 7,5) erschütterten Venezuela am 24. Juni
- Eine Mutter floh mit drei Kindern aus dem zehnten Stock eines Hochhauses
- Epizentrum bei San Felipe, 200 Kilometer westlich von Caracas, 180 Beben seit 1600
Das Erdbeben in Venezuela liess nicht nur Gebäude einstürzen, sondern legt auch die ganze Fragilität des Landes offen. Rouven Born (46) lebte mehrere Jahre in Venezuela und hat dort noch immer zahlreiche Freunde und Bekannte. «Das sind Gebäude, die ich täglich gesehen habe – und jetzt liegen sie am Boden», sagt der Journalist zu Blick.
«Sie betete zu Gott»
Kurz nach dem Beben nahm Born Kontakt mit Freunden vor Ort auf. Zwei Bekannte spürten die Erschütterungen auch in Caracas deutlich – rund 200 Kilometer vom Epizentrum entfernt. Ein anderer Freund befand sich zum Zeitpunkt des Bebens – gegen 18 Uhr – im Kino und konnte sich rechtzeitig in Sicherheit bringen.
Besonders bewegte Born die Nachricht einer befreundeten Mutter. Sie befand sich während des Bebens im zehnten Stock eines Hochhauses. «Sie rannte mit ihren drei Kindern aus dem Hochhaus, umarmte sie und betete zu Gott.» Das Unheimlichste sei nicht die Bewegung, sondern das laute Grollen und Donnern gewesen. Von zwei weiteren Kontakten hat Born bislang keine Rückmeldung erhalten.
Parallel dazu organisiert sich die Bevölkerung selbst. Auf Social Media veröffentlichen Menschen die Namen Vermisster und hoffen auf Hinweise. Das Internet funktioniere grundsätzlich, falle aber teilweise aus. Whatsapp und Instagram seien in Venezuela die zentralen Kommunikationskanäle – auch für staatliche Informationen.
Gesundheitssystem am Kollabieren
Die Katastrophe trifft ein Land, das seit Jahren unter einer schweren wirtschaftlichen Krise leidet. Entsprechend angeschlagen ist die Infrastruktur – allen voran das Gesundheitssystem. «Die Spitäler und Altersheime waren schon vorher komplett überlastet», sagt Born. Pflegepersonal fehle an allen Ecken und Enden, weil viele junge Mediziner und Pflegekräfte das Land verlassen hätten. «Ich habe von über 80-jährigen Ärzten gehört, die immer noch operierten.»
Lange erhielt Venezuela Unterstützung aus Kuba. Doch auch diese Hilfe ist zuletzt zurückgegangen, weil das Inselland selbst mit grossen Problemen kämpft. Wer es sich leisten kann, lässt sich im Ausland behandeln. Der Mehrheit der Bevölkerung bleibt diese Möglichkeit verwehrt.
Rouven Born bezweifelt deshalb, dass Venezuela die Folgen der Katastrophe ohne Hilfe von aussen bewältigen kann. Das habe auch mit dem politischen System zu tun: Seit Nicolás Maduro im Januar von den Amerikanern aus dem Amt gedrängt wurde, regiert Delcy Rodríguez – ebenfalls eine überzeugte Sozialistin. Sie hat Armeekommandanten ausgetauscht und die Parteifarben von Rot-Weiss zu Blau gewechselt. «Aber das System funktioniert weiterhin gleich – den Leuten geht es nicht besser», sagt Born.
Das Wort «Erdbeben» war kaum präsent
Dabei blickt Venezuela auf eine lange Geschichte von Erdbeben zurück. Rund 180 habe es in den vergangenen vier Jahrhunderten gegeben, erklärt Xavier Borgeat vom Schweizerischen Erdbebendienst der ETH Zürich. «Die Beben von heute Nacht gehören allerdings zu den stärksten Beben, die bisher in dieser Region aufgetreten sind.»
Sie hätten sich an der Grenze der Karibischen Platte im Norden und der Südamerikanischen Platte im Süden ereignet. «Die Karibische Platte bewegt sich jedes Jahr um etwa zwei Zentimeter nach Osten, was enorme Spannungen im Untergrund aufbaut – diese entladen sich in Form solcher Erdbeben», erklärt Borgeat.
Dass Venezuela erdbebengefährdet ist, war also bekannt – im Alltag spielte die Gefahr jedoch kaum eine Rolle. Gebäude wurden selten erdbebensicher gebaut. Die Menschen hätten bislang stets dringendere Sorgen gehabt.
Kommt Hilfe von aussen?
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob der Staat eine solche Katastrophe überhaupt bewältigen kann. Born ist skeptisch. Zwar existieren staatliche Strukturen und auch das Militär, doch wie einsatzfähig diese tatsächlich sind, sei unklar. Gleichzeitig ist internationale Hilfe politisch heikel: In Venezuela gilt sie schnell als Eingeständnis staatlicher Schwäche. Bereits in der Vergangenheit wurde externe Unterstützung aus genau diesem Grund blockiert.
«Ohne Hilfe von aussen wird es kaum gehen», ist Born überzeugt. Die Schweiz schickt einen Rettungstrupp, auch Trump hat Unterstützung versprochen, internationale Hilfe formiert sich.
Für Rouven Born bleibt dennoch vor allem ein bitteres Gefühl: «Es trifft ausgerechnet die Menschen, die ohnehin schon am Limit leben.»