Schweizer Rettungskette auf dem Weg nach Caracas
Die Rettungskette Schweiz wird noch in der Nacht nach Venezuela aufbrechen, wie Özgür Ünal, Kommunikationsbeauftragter der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza), mitteilt. 80 Mitglieder, acht Suchhunde und 18 Tonnen Rettungsmaterial wurden für die Mission mobilisiert. Der Auftrag der Rettungskette Schweiz ist, Erdbebenopfer in den Trümmern zu suchen, zu bergen und zu retten.
Am frühen Freitag, kurz vor 3 Uhr, hob der Airbus 340 mit den Rettungskräften an Bord Richtung Caracas ab. Planmässige Ankunft ist rund 13 Uhr MESZ. Den Flug kannst du hier mitverfolgen.
Vor dem Abflug konnte Blick-Reporterin Annalena Müller mit Teamleiter Sebastian Eugster sprechen. «Die ersten 72 Stunden sind entscheidend», sagt der Rettungschef. Das gesamte Interview siehst du in diesem Video:
Wir schliessen den Liveticker
Liebe Leserinnen und Leser, die Lage in Venezuela bleibt ernst. Die Rettungsarbeiten dauern an, doch neue gesicherte Informationen erreichen unsere Redaktion inzwischen deutlich seltener als in den vergangenen Stunden.
Deshalb schliessen wir an dieser Stelle unseren Liveticker. Über die weiteren Entwicklungen, neue Erkenntnisse und die Folgen der Erdbeben halten wir euch selbstverständlich weiterhin auf Blick.ch auf dem Laufenden.
Vielen Dank, dass ihr unseren Liveticker verfolgt habt.
Das Wichtigste im Überblick
- Erdstösse der Stärke 7,2 und 7,5 erschüttern das Land
- Hohe Opferzahlen befürchtet: Die USGS warnt vor einem möglichen schweren Katastrophenszenario mit Tausenden bis über 100'000 Todesopfern
- Schweizer Rettungskette auf dem Weg nach Venezuela
- Notstand ausgerufen: Präsidentin Delcy Rodríguez ruft Notstand aus, 235 Tote bestätigt
- Schwere Schäden: Zahlreiche Gebäude stürzen ein, Flughafen Caracas stellt Betrieb ein, weite Teile des Landes kämpfen mit Strom- und Kommunikationsausfällen
Hast du die Katastrophe erlebt?
Bist du gerade in Venezuela und hast die Katastrophe selbst miterlebt? Melde dich und schicke uns deine Bilder, Videos oder persönlichen Eindrücke von der Situation vor Ort.
✉️ redaktion@blick.ch
📱 Tel./Whatsapp: 079 813 80 41
Opferzahl dürfte stark ansteigen
In Venezuela wächst die Sorge vor einer deutlich höheren Opferzahl nach den schweren Erdbeben. Offiziell sind inzwischen mindestens 235 Tote und 4300 Verletzte bestätigt, doch die Lage bleibt unübersichtlich, weil in der besonders betroffenen Region weiter Daten fehlen und Tausende von Menschen vermisst werden.
Berichten zufolge sind Hunderte von Gebäuden eingestürzt. Die Zahl der Opfer dürfte in den kommenden Tagen weiter stark steigen.
Noch gibt es aus vielen Gebieten keine verlässlichen Nachrichten, weil die Kommunikations- und Rettungswege in mehreren Regionen unterbrochen sind.
Zahl der Todesopfer steigt auf 188
Die Zahl der Todesopfer des schweren Erdbebens, das Venezuela am Mittwoch erschütterte, ist auf 188 gestiegen. Parlamentspräsident Jorge Rodríguez gab dies bekannt und teilte mit, dass mindestens acht Spitäler, 20 Einkaufszentren und 68 Infrastruktureinrichtungen beschädigt und evakuiert wurden. «Es gibt 188 Todesopfer durch das Erdbeben, 1.520 Verletzte, denen derzeit Hilfe geleistet wird, und 157 Vermisste», teilte der Bruder von Interimspräsidentin Delcy Rodriguez in einer Erklärung mit. Der Politiker fügte hinzu, dass derzeit etwa 200 Menschen unter den Trümmern verschüttet, dass über 250 Gebäude zerstört worden und dass unter den Betroffenen der Erdbeben – mit einer Stärke von 7,5 und 7,2 – insgesamt knapp 3000 Familien seien.
Staatsfernsehen zeigt Wunderrettung dreier Kinder
Auf Aufnahmen des staatlichen venezolanischen Fernsehens ist am Donnerstagabend Schweizer Zeit eine Wunderrettung zu sehen: Rettungskräfte ziehen drei lebende, mit Staub bedeckte Kinder aus den Trümmern. Passiert sein soll es in dem am schlimmsten getroffenen Bundesstaat La Guaira.
Bereits am Mittwochabend Ortszeit war ein Hundewelpe in der Hauptstadt Caracas aus den Ruinen eines Hauses gezogen worden. «Der Welpe erhielt sofort Wasser, bevor er in die Obhut der Feuerwehr von Caracas übergeben wurde», berichtet «The Weather Channel».
Grosse Anlage mit Ferienwohnungen teilweise eingestürzt
Wie der BBC-Journalist Shayan Sardarizadeh auf der Plattform X schreibt, ist bei dem heftigen Erdbeben auch das La Mar Suites Conjunto Residencial Hotel, dass Ferienwohnungen anbietet, teilweise eingestürzt. Es befindet sich Tucacas, nordöstlich der Hauptstadt Caracas. Ein Video zeigt die Überreste eines grossen Gebäudes. Es sind nur noch Trümmer übrig geblieben.
Glückskette lanciert Spendenaufruf
Die Glückskette ruft am Donnerstag zu Spenden für die betroffene Bevölkerung in Venezuela auf. «Während sich die Zahl der Opfer und das Ausmass der Schäden laufend erhöht, zeichnen sich bereits sehr grosse humanitäre Bedürfnisse ab. Angesichts dieser Katastrophe lanciert die Glückskette eine Solidaritätskampagne und sammelt Spenden für die humanitäre Hilfe über ihre Schweizer Partnerorganisationen», hält die Stiftung in einer Medienmitteilung fest.
Die Glückskette verfügt über mehrere akkreditierte Schweizer Partnerorganisationen, die schnell Hilfe leisten können, dazu zählen Caritas, HEKS, Save the Children Schweiz und das Schweizerische Rote Kreuz. Miren Bengoa, Direktorin der Glückskette, betont: «Die Katastrophe trifft Venezuela in einer Zeit der Instabilität und Prekarität und ist sehr besorgniserregend. Die betroffenen Regionen sind dicht besiedelt und sowohl die Wohngebäude als auch die wichtige Infrastruktur sind fragil. Wir befürchten, dass viele Menschen dringend Hilfe benötigen werden, und appellieren an die Solidarität der Bevölkerung in der Schweiz.»
Erste Bilder am Morgen: Sonnenlicht legt Zerstörung offen
Am Morgen danach legen die morgendlichen Sonnenstrahlen den Blick frei auf das Ausmass der Zerstörung. Die Menschen haben die Nacht auf der Strasse verbracht, weil ihre Häuser zerstört oder einsturzgefährdet sind. Auch 15 Stunden nach dem Hauptbeben ist mit weiteren Nachbeben zu rechnen.
Diese Vorher-Nachher-Bilder machen die Zerstörung besonders deutlich:
Caraballeda, an der Küste nördlich von Caracas:
Hotel Eduard's in La Guaira, an der Küste nördlich von Caracas:
Telefon, Internet und TV 48 Stunden kostenlos
Das staatliche Telekommunikationsunternehmen CANTV hat erklärt, dass keine Kosten anfallen für Internet, Telefon und TV. Das gilt für 48 Stunden. CANTV teilt mit, dass dieser Schritt eine Reaktion auf das katastrophale Erdbeben sei. In der Not will das Unternehmen den Menschen helfen, so gut es CANTV kann.
Vermisstenregister eingerichtet
Noch ist das Ausmass der Katastrophe nicht vollends klar. Zehntausende Menschen suchen verzweifelt nach vermissten Angehörigen und Freunden. Jetzt wurde ein kostenloses und digitales Register eingerichtet, damit es eine Liste aller Vermissten gibt. Der Name: Venezuela sucht dich! Angehörige können dort den Namen ihrer vermissten Liebsten eintragen und ein Foto hinterlegen.
Schwere Erdbeben haben Venezuela am Mittwochabend erschüttert und landesweit Panik ausgelöst. Die US-Erdbebenwarte (USGS) registrierte innerhalb von weniger als einer Minute zwei starke Beben der Magnituden 7,2 und 7,5. Damit zählen die Erschütterungen zu den stärksten weltweit seit mehr als einem Jahrhundert.
Besonders alarmierend: Das zweite und stärkere Beben ereignete sich in nur 10 Kilometern Tiefe. Solch flache Erdbeben verursachen oft besonders schwere Schäden an der Oberfläche.
USGS warnt vor schwerem Katastrophenszenario
Die USGS stufte beide Erdbeben mit der höchsten Warnstufe «Rot» ein. Diese Einschätzung deutet auf ein hohes Risiko für zahlreiche Todesopfer und massive Schäden hin. Erste Modellrechnungen der Behörde nennen Szenarien mit Tausenden bis über 100'000 Todesopfern. Dabei handelt es sich allerdings um statistische Prognosen – verlässliche Opferzahlen lagen zunächst nicht vor.
Das erste Beben ereignete sich um 18.04 Uhr Ortszeit rund 24 Kilometer östlich von San Felipe im Nordwesten Venezuelas in einer Tiefe von 21,9 Kilometern. Das zweite folgte nur wenige Augenblicke später wenige Kilometer weiter nördlich. Allein in den nahe gelegenen Städten San Felipe und Puerto Cabello leben nach USGS-Angaben mehr als 400'000 Menschen.
Gebäude eingestürzt – Flughafen stellt Betrieb ein
Die Erschütterungen waren auch in der rund 200 Kilometer entfernten Hauptstadt Caracas deutlich zu spüren. In den Social Media verbreiteten sich Videos von beschädigten Gebäuden, einstürzenden Fassadenteilen und Menschen, die panisch auf die Strassen flüchteten.
Innenminister Diosdado Cabello (63) sprach im Staatsfernsehen von einer «äusserst alarmierenden Situation». Er bestätigte den Einsturz mehrerer Wohnhäuser und Gebäude in Caracas. Feuerwehr, Polizei und Rettungskräfte seien mit allen verfügbaren Mitteln im Einsatz.
Am internationalen Flughafen Simón Bolívar kam es zu Schäden durch herabfallende Trümmer. Der Flugbetrieb wurde vorübergehend eingestellt. Bilder und Videos zeigen Reisende, die Schutz vor herabfallenden Gebäudeteilen suchen.
Regierung ruft Notstand aus
Wenige Stunden nach den Beben rief die geschäftsführende Präsidentin Delcy Rodríguez (57) den nationalen Notstand aus. Sie sprach von einem «Vorfall mit schwerwiegenden Folgen» und bestätigte erste Todesopfer, ohne konkrete Zahlen zu nennen.
Als Sofortmassnahmen setzte die Regierung den Schulunterricht aus und stellte den Zugverkehr ein. Zudem ordneten die Behörden die Unterbrechung der Gasversorgung an, um Brände und Explosionen zu verhindern.
Strom- und Internetausfälle erschweren Rettungseinsätze
Die Katastrophe trifft ein Land, dessen Infrastruktur bereits seit Jahren als marode gilt. Aus mehreren Regionen werden grossflächige Stromausfälle und Störungen der Kommunikationsnetze gemeldet. Dadurch wird die Koordination der Rettungsarbeiten zusätzlich erschwert.
Nach Einbruch der Dunkelheit suchten Einsatzkräfte in den Trümmern nach Verschütteten. Aufnahmen zeigen Rettungsteams bei der Suche nach Vermissten, während Angehörige auf Nachrichten über ihre Familien hoffen.
Hinzu kommt, dass sich die Beben an einem gesetzlichen Feiertag zur Unabhängigkeit Venezuelas ereigneten. Viele Menschen befanden sich zum Zeitpunkt der Erschütterungen zu Hause.
Tsunami-Warnung wieder aufgehoben
Das US-Tsunami-Warnzentrum gab zunächst Warnungen für Puerto Rico, die Amerikanischen Jungferninseln sowie die vor der venezolanischen Küste gelegenen Inseln Aruba, Curaçao und Bonaire heraus. Rund eine Stunde später wurden diese Warnungen jedoch wieder aufgehoben.
Die Behörden rechnen weiterhin mit starken Nachbeben. Experten warnen, dass bereits beschädigte Gebäude dadurch einstürzen könnten.
Hilfe aus dem Ausland
Der stellvertretende US-Aussenminister Christopher Landau (62) erklärte, die Vereinigten Staaten stünden mit den venezolanischen Behörden in Kontakt und würden Hilfsmassnahmen vorbereiten. Auch mehrere Länder in Süd- und Mittelamerika signalisierten Unterstützung. Eine Schweizer Soforthilfe wurde zunächst nicht bekannt.
Venezuela liegt in einer seismisch aktiven Zone an der Grenze zwischen der Karibischen und der Südamerikanischen Platte. Zu den schwersten Naturkatastrophen der Landesgeschichte zählt das Erdbeben von 1812, bei dem in Caracas und Mérida schätzungsweise 30'000 Menschen ums Leben kamen.