Darum gehts
- 18-jähriger Henry Nowak wurde am 3. Dezember 2025 in Southampton erstochen
- Täter Vickrum Digwa erhielt lebenslange Haftstrafe, mindestens 21 Jahre
- Messer mit 21 cm Klinge, auch Digwas Mutter wurde verurteilt
Die Bilder des Bodycam-Videos sind nur schwer zu ertragen: Zu sehen ist ein junger Mann, hilflos am Boden liegend, eingeklemmt zwischen Hauswand und Auto. Um ihn herum stehen mehrere Menschen, keiner von ihnen bereit, ihm zu helfen. So finden mehrere Polizisten von Southampton am Abend des 3. Dezember 2025 den Tatort vor. Wenige Minuten nach Eintreffen der Beamten ist der Mann am Boden tot.
Was war passiert?
Henry Nowak, ein 18-jähriger Student der Universität Southampton, geriet am 3. Dezember 2025 in Southampton mit Vickrum Digwa in einen Streit, als er sich spätabends auf dem Heimweg von einem Pub-Besuch machte. Nowak dokumentierte die Situation mit seinem Smartphone. Kurz darauf wurde er mit fünf Messerstichen attackiert. Dabei wurde er im Brustbereich schwer verletzt. Obwohl Nowak noch versuchte, zu fliehen, indem er über einen Zaun kletterte und laut um Hilfe rief, brach er wenig später zusammen und starb am Tatort.
Was zeigt Nowaks Video?
Das auf Nowaks Handy gesicherte Video zeigt die Szene kurz vor der Tat. Darin ist zu sehen, wie Nowak Digwa filmt und ihn verbal provoziert, während dieser sich entfernt. Eine Attacke ist auf der Aufnahme nicht zu erkennen. Für die Anklage war das Video ein zentrales Beweisstück, weil es die Notwehr-Version des Täters entkräften sollte.
Wie hat die Polizei reagiert?
Als die Polizei am Tatort eintraf, erklärte Digwa, er sei selbst angegriffen worden. Die Beamten glaubten ihm zunächst und legten Nowak Handschellen an, obwohl dieser mehrmals sagte, er sei erstochen worden und könne nicht atmen. Wenige Minuten später reagierte Nowak nicht mehr. Ein Beamter teilte ihm daraufhin mit, dass er wegen Körperverletzung verhaftet sei. Zu diesem Zeitpunkt war noch nicht klar, wie schwer er bei dem Messerangriff verletzt wurde. Die Polizei hat das Bodycam-Video inzwischen an die unabhängige Aufsichtsbehörde IOPC weitergeleitet.
Am Dienstagabend hat die Polizei der Grafschaft Hampshire laut Sky News bekannt gegeben, dass einer der an der Verhaftung beteiligten Polizisten zurückgetreten ist. «Drei der Beamten sind noch im Dienst, ein Beamter hat seinen Dienst quittiert», zitiert der TV-Sender einen Polizeisprecher. Alle viel Beamte würden als Zeugen behandelt, erklärte er weiter.
Wer ist der Täter?
Der 23-jährige Vickrum Digwa wurde inzwischen verurteilt. Vor Gericht behauptete er, Nowak habe ihn rassistisch beleidigt, verfolgt und angegriffen, weshalb er in Notwehr gehandelt habe. Digwa selbst, wie auch seine Familie, gehören der Sikh-Religion an. Die Jury glaubte ihm nicht und befand ihn Ende Mai 2026 des Mordes schuldig. Digwa erhielt eine lebenslange Haftstrafe mit einer Mindestdauer von 21 Jahren.
Was weiss man zur Tatwaffe?
Digwa stach mit einem Messer mit einer rund 21 Zentimeter langen Klinge zu. Zunächst war von einem sogenannten Kirpan die Rede, einem kleinen religiösen Sikh-Messer. Das erwies sich jedoch als falsch. Die Tat wurde mit einem Messer mit einer anderen, deutlich grösseren Klinge verübt. Nach der Tat nahm Digwas Mutter Kiran Kaur die Tatwaffe an sich und versteckte sie zu Hause. Dafür wurde sie ebenfalls verurteilt – wegen Beihilfe zu einer Straftat.
Wie reagiert England?
Der Fall Henry Nowak hat in Grossbritannien eine heftige Debatte ausgelöst. Im Zentrum steht die Frage, ob die Polizei in der Nacht des Verbrechens schwer versagt hat. Nowak lag bereits schwer verletzt am Boden, wurde aber zunächst von den Beamten festgenommen – und eben nicht als Opfer erkannt. Kritiker sprechen von einem fatalen Fehlentscheid, der womöglich wertvolle Zeit kostete.
Der Fall nährt in England eine Debatte über Polizeiversagen, Fehlurteile unter Druck und den Umgang mit Messergewalt. Zugleich hat der Fall eine politische Aufladung erfahren: Rechte Stimmen nutzen ihn als Beleg für ein angebliches «two-tier policing» (dt.: Zwei-Klassen-Polizei-Praxis), während Vertreter der Sikh-Community vor Pauschalverurteilungen warnen.