Darum gehts
- Martha Lillard, letzte Patientin in Eisener Lunge, starb am 26. Juni
- Sie lebte fast 74 Jahre mit einer 600 Kilogramm schweren Maschine
- Ärzte gaben ihr 20 Jahre, sie wurde beeindruckende 78 Jahre alt
Über 70 Jahre lang war ein tonnenschwerer Stahlzylinder ihr treuester Begleiter, ihr Lebensretter, ihr «sehr lieber Freund». Nun ist Martha Lillard, die letzte US-Patientin in einer Eisernen Lunge, im Alter von 78 Jahren gestorben. Ihre Schwester Cindy McVey bestätigte, dass Lillard am 26. Juni in Oklahoma verstarb – bis zuletzt nutzte sie das archaische Beatmungsgerät aus den 1920er-Jahren.
Nur neun Tage nach ihrem fünften Geburtstag im Juni 1953 wachte die kleine Martha mit Schmerzen im Hals und Nacken auf. Die Diagnose im Krankenhaus: Kinderlähmung. Das Poliovirus lähmte ihre Atemmuskulatur, Arme und Beine. Die Ärzte gaben ihr gerade einmal 20 Jahre – sie lebte fast viermal so lange. «Sie hatte den Enthusiasmus und den Willen, weiterzuleben und das Beste aus ihrem Leben zu machen», erinnert sich ihre Schwester.
Leben mit 600 Kilogramm Stahl
Die Eiserne Lunge funktioniert mit Unterdruck: Der Körper liegt luftdicht verschlossen in einem Zylinder, nur der Kopf ragt heraus. Durch wechselnden Druck wird die Atmung möglich. Obwohl es längst modernere Alternativen gibt, schwor Lillard auf ihren Koloss: «Die effizienteste, beste und bequemste Art» nannte sie die Maschine, die bis zu 600 Kilogramm wiegt.
Durch intensive Therapie lernte Martha, stundenweise selbst zu atmen. Sie besuchte die Schule, später bekam sie Telefonunterricht. Mit ihren Eltern machte sie sogar Ausflüge, die Maschine reiste im Anhänger mit. Über Nacht aber kletterte sie stets in ihre Eiserne Lunge. Die Therapie ermöglichte ihr ein erstaunlich selbständiges Leben: Sie kochte für sich selbst und lebte allein. Im Internet lernte sie Baha Salh aus Ägypten kennen, 20 Jahre lang schrieben sie sich, bis er endlich ein Visum erhielt. Im Februar 2026 heiratete das Paar.
Zwischen Tornado und Todesangst
Zweimal überlebte Lillard lebensbedrohliche Stromausfälle. Bei einem Eissturm Anfang der 2000er versagte das Notstromaggregat. «Es war, als wäre man lebendig begraben, furchtbar beängstigend», beschrieb sie die Erfahrung. Während eines Tornados 2025 fiel erneut der Strom aus, ihr Mann beatmete sie von Hand, bis die Rettungskräfte eintrafen.
Zwei Covid-Erkrankungen schwächten ihre Lunge weiter. In den letzten zwei Jahren lebte sie fast ununterbrochen in der Maschine. Trotzdem schrieb sie Gedichte, engagierte sich im Tierschutz und verfasste ihren eigenen Nachruf. Bis zuletzt suchte sie nach Ersatzteilen und Mechanikern für ihre Eiserne Lunge. Ihre Schwester sagte: «Aber da sie die Letzte war, brauchen wir das nicht mehr.»