Mark Rutte – Schleimer oder Strippenzieher?
Er hat Trump gezähmt, die Nato gerettet – und neuen Streit entfacht

In Davos stand die Zukunft der Nato auf der Kippe. Donald Trump drohte mit neuen Grönland-Zöllen und dem Bruch des Bündnisses. Vermittelt hat Mark Rutte – der Mann, der Trump hofierte, einflüsterte und Europa Zeit verschaffte. Wo wird er die Nato hinführen?
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Der Nato-Generalsekretär führt das Bündnis in einer Phase, in der sein grösster Test nicht aus Moskau kommt, sondern aus Washington.
Foto: Getty Images

Darum gehts

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Chiara SchlenzAusland-Redaktorin

Er ist keiner, der den Raum dominiert. Kein Pult-Pocher, kein Alpha-Tier. Mark Rutte (58) kommt leise daher: grauer Anzug, schmaler Schlips. Ein entspanntes Lächeln, das mehr Geduld als Macht ausstrahlt. Der Niederländer trägt derzeit einen der schwersten Jobs der Welt. Nato-Generalsekretär in einer Zeit, in der das Bündnis nicht nur von aussen bedroht wird – sondern von seinem wichtigsten Mitglied.

In Davos wird das sichtbar wie unter einem Brennglas. Während draussen die Alpen glühen, drinnen die Weltelite netzwerkt, geht es im Kern um eine Frage: Hat die Nato unter Donald Trump (79) noch eine Zukunft? Rutte hat es diese Woche am WEF zwar geschafft, eine Implosion des Militärbündnisses zu verhindern. Sein eigenmächtiges Vorgehen machte jedoch neue Risse innerhalb von Europa sichtbar. 

Der Mann, der Trump versteht

Rutte ist der, den sie den Trump-Flüsterer nennen. Nicht unbedingt liebevoll. Er hofierte den US-Präsidenten, reiste mehrfach nach Washington, schmeichelte, lobte, nickte. Er nannte Trump einmal scherzhaft «Daddy» bei einem Nato-Gipfel – ein flapsiger Kommentar, der als Zeichen seiner bewusst persönlichen, fast unterwürfigen Diplomatie gelesen wurde. Schleimer oder Kriecher, sagten die Kritiker. Rutte liess es an sich abperlen. Seine Logik: Wer Trump öffentlich konfrontiert, verliert. Wer ihn persönlich erreicht, gewinnt – zumindest Zeit.

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Der Nato-Chef setzt auf persönliche Nähe, wo andere die offene Konfrontation suchen.
Foto: AP

Diese Strategie wurde in der Grönland-Krise auf die Probe gestellt. Als Trump offen mit der Annexion der Insel drohte und sogar militärische Gewalt nicht ausschloss, stand plötzlich mehr auf dem Spiel als eine arktische Landmasse. Ein Nato-Staat bedrohte einen anderen. Der Alptraum jedes Bündnisses. Rutte aber blieb auffallend still. Kein empörter Tweet, keine grosse Pressekonferenz. Stattdessen: Gespräche. Treffen. Hinterzimmer-Diplomatie.

Charme und neue europäische Härte

Und dann, beim WEF, die Kehrtwende: Trump rudert zurück. Keine Gewalt. Keine neuen Zölle. Stattdessen ein «Rahmenabkommen». Europa atmet auf. Und fragt sich: War es Ruttes Charme, der wirkte – oder Europas neu entdeckte Härte? Die ehrliche Antwort: Rutte brauchte beides. Seine persönliche Beziehung zu Trump, ja. Aber auch das neue europäische Rückgrat. Gegenzoll-Pakete lagen bereit. Wirtschaftliche Vergeltung war plötzlich kein Tabu mehr. Rutte fungierte als Übersetzer zwischen zwei Welten: dem erratischen America-first-Präsidenten und einem Europa, das nicht mehr nur bitten wollte.

Kritik aus Dänemark und Grönland

Doch nicht alle sind zufrieden mit Ruttes Leistung, wie die italienische Repubblica schreibt. Besonders in Dänemark sorgt Ruttes Vorgehen für erheblichen Unmut. Der dänische Verteidigungsminister Troels Lund Poulsen (49) stellte unmissverständlich klar, dass Rutte nicht im Namen Dänemarks über Grönland verhandeln könne. Auch Grönland selbst fühlte sich übergangen. Regierungschef Jens-Frederik Nielsen (34) betonte, niemand habe das Recht, Vereinbarungen über Grönland zu treffen – ausser Grönland und dem Königreich Dänemark selbst. Dass weder Kopenhagen noch Nuuk über konkrete Inhalte informiert waren, lässt Zweifel an Ruttes Vorgehen aufkommen.

Auch auf EU-Ebene sorgt der Deal für Irritation. Zwar habe Rutte vor dem Treffen mit Trump mit mehreren europäischen Spitzenpolitikern gesprochen. Doch laut Berichten ging es dabei lediglich um rote Linien – nicht um einen konkreten Deal. Weder die EU-Kommission noch der Europäische Rat sollen über die Vereinbarung informiert gewesen sein. In Brüssel wird hinter vorgehaltener Hand von einem diplomatischen Alleingang gesprochen.

Der Pragmatiker an der Spitze

Genau hier liegt Ruttes Bedeutung für die Nato-Zukunft – und ihre Grenze. Er ist kein Visionär, der das Bündnis neu erfindet. Er ist ein Verwalter des Übergangs. Einer, der weiss: Die Nato von gestern gibt es nicht mehr. Die USA sind kein verlässlicher Schutzschirm mehr. Europa muss mehr leisten – militärisch, politisch, mental. Doch statt einer selbstbewussten Neuaufstellung wirkt die Allianz unter Rutte bisweilen wie ein Bündnis, das sich an Trumps Launen anpasst.

Das zeigt sich auch bei den Verteidigungsausgaben. Ruttes Vorschlag: 3,5 Prozent für Militär, 1,5 Prozent fuer Infrastruktur. Ein Kompromiss, der Trump zufriedenstellt und Europa Spielraum lässt. Rutte verkauft diese Transformation nicht mit Pathos. Sondern mit Pragmatismus. Vielleicht ist genau das seine Stärke. 13 Jahre lang hielt er als Ministerpräsident die Niederlande zusammen, überlebte Koalitionschaos, Krisen, Skandale. Jetzt überträgt er dieses Prinzip auf ein Bündnis mit 32 Staaten – und einem US-Präsidenten, der jederzeit den Tisch umwerfen könnte.

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