Darum gehts
Am Morgen noch Machtdemonstration und markige Sprüche, am Abend die Vollbremsung: Donald Trump sorgte in Davos einmal mehr für diplomatisches Schleudertrauma. Beim Weltwirtschaftsforum polterte der US-Präsident über Grönland, Zölle und Besitzansprüche. Wenige Stunden später dann die Kehrtwende: keine Strafzölle gegen Europa, ein «Rahmen für einen Deal» mit der Nato – vorerst Entwarnung. Offiziell verkauft Trump die Kehrtwende als Ergebnis kluger Verhandlungen. Doch wer genauer hinschaut, erkennt ein anderes Muster: Der US-Präsident ist nicht zur Einsicht gelangt – er wurde gestoppt.
Europa zeigt Zähne
Denn diesmal reagierte Europa anders als gewohnt. Statt sich irritiert, aber passiv zu geben, formierte sich rasch Widerstand. EU und Nato signalisierten hinter den Kulissen unmissverständlich, dass man neue US-Zölle nicht schlucken würde. Für Trump, der seine Macht gerne in bilateralen Duellen ausspielt, war diese Geschlossenheit ungewohnt – und gefährlich. Diplomaten in Davos sprachen gegenüber Sky News davon, dass der Ton gegenüber Washington schärfer war als bei früheren Eskalationen.
Dabei fiel erstmals offen ein Begriff, der in Washington genau registriert wurde: die Handels-Bazooka. Gemeint ist das sogenannte Anti-Coercion-Instrument der Europäischen Union. Es erlaubt der EU, Staaten zu bestrafen, die wirtschaftlichen Druck als politisches Erpressungsmittel einsetzen. Anders als klassische Gegenzölle kann dieses Instrument weit über den Handel hinausgehen: Investitionsbeschränkungen, Ausschluss von öffentlichen Aufträgen, Einschränkungen bei Dienstleistungen oder geistigem Eigentum sind möglich. Kurz gesagt: Die EU könnte gezielt empfindliche amerikanische Wirtschaftsbereiche treffen.
Wenn die Märkte nervös werden
Parallel dazu begannen die Finanzmärkte zu reagieren. Nach Trumps aggressiven Aussagen gaben US-Börsen nach, die Renditen von Staatsanleihen stiegen. In Washington weiss man, was das bedeutet: Europa hält Billionen an US-Schuldtiteln, allein die Aussicht auf politische Nervosität kann die Finanzierungskosten der USA nach oben treiben. Trump hat diese Lektion bereits in seiner ersten Amtszeit gelernt. Wenn die Märkte zittern, endet sein Eskalationsdrang oft schneller, als seine Berater reagieren können.
Auch diesmal war die Botschaft klar: Ein Handelskrieg mit Europa würde nicht nur Partner treffen, sondern Amerika selbst. Übrigens: Kurz nach der Verkündigung des «Deals» sprang der Dow Jones um 588 Punkte nach oben.
Die Nato als Notbremse
Doch den eigentlichen Wendepunkt markierte das Gespräch mit Mark Rutte, dem Generalsekretär der Nato. Rutte führte Trump weg von grossen Gesten und hin zu den bestehenden Fakten. Die USA haben bereits heute weitreichende Rechte in Grönland, verankert im Abkommen von 1951 mit Dänemark. Militärische Präsenz, Ausbau der Infrastruktur, sicherheitspolitische Kooperation – all das ist möglich. Als Vorbild soll hier das Zypern-Modell gelten: Dort gehören die Luftwaffenstützpunkte Akrotiri und Dhekelia bis heute zu Grossbritannien.
Ein direkter Besitzanspruch hingegen wäre politisch kaum durchsetzbar und strategisch riskant. Der gefundene «Rahmen» erlaubt Trump, Gesicht zu wahren, ohne eine neue transatlantische Krise zu provozieren.
Ein Land, das sich nicht kaufen lässt
Hinzu kommt: Grönland ist kein Selbstbedienungsladen. Die Rohstoffe liegen tief unter Eis, der Bergbau ist extrem teuer, die Infrastruktur begrenzt. Noch wichtiger ist die Stimmung vor Ort. Viele Grönländer empfinden Trumps Ton als herablassend und kolonial. Statt Begeisterung für Investitionen zu wecken, schürt er Misstrauen. Selbst amerikanische Experten warnen, dass Washington sich langfristig selbst schadet, wenn es Grönland wie eine geopolitische Trophäe behandelt. Hinzu kommt: Auch in den USA regt sich Widerstand gegen Trumps Pläne – laut einer Reuters-Umfrage unterstützt nur jeder fünfte Amerikaner die Expansionsfantasien des Präsidenten.
Bleibt die Frage, wie belastbar Trumps Rückzug ist. Die Erfahrung mahnt zur Vorsicht. Zu oft hat der US-Präsident Drohungen zurückgenommen, nur um sie später erneut aufzugreifen. An den Märkten hat sich dafür ein spöttischer Begriff etabliert: Taco – «Trump Always Chickens Out». Auch diesmal wirkt die Kehrtwende weniger wie ein Strategiewechsel als wie eine taktische Pause.