Darum gehts
Donald Trump (79) tut, was Donald Trump immer tut: Er lässt Situation eskalieren – laut und mit maximalem Druck. Diesmal ist Grönland der Hebel. Weil Dänemark die arktische Insel nicht verkaufen will, droht der US-Präsident Europa mit massiven Strafzöllen. Deutschland und sieben weitere Länder sollen ab Februar zehn Prozent mehr bezahlen, ab Juni sogar 25 Prozent. Der EU-US-Handelsdeal, erst im Sommer mühsam zusammengezimmert, liegt damit in Trümmern.
Grönland als Druckmittel
Das Vorgehen ist kein Ausrutscher, sondern Methode. Donald Trump nutzt Handel als politisches Zwangsmittel. Wer nicht spurt, wird bestraft. Neu ist allerdings die Qualität der Drohung. Trump greift nicht die EU als Ganzes an, sondern einzelne Staaten – ein bewusster Versuch, den Binnenmarkt zu spalten und Brüssel zu umgehen. Genau deshalb schrillen in der EU die Alarmglocken. Denn wenn nationale Sonderdeals wieder salonfähig werden, ist die gemeinsame Handelspolitik faktisch tot.
Besonders heikel ist die Verknüpfung mit Grönland. Die Insel gehört zu Dänemark, ist geopolitisch strategisch enorm wichtig – und wird von Trump offen als Verhandlungsmasse benutzt. Wer Zölle androht, um territoriale Forderungen durchzusetzen, verlässt den Bereich klassischer Handelspolitik. Das ist Erpressung. Und sie trifft Europa an einer empfindlichen Stelle: bei seiner exportabhängigen Wirtschaft. Allein Deutschland hat in den vergangenen Jahren bereits spürbare Einbussen im US‑Geschäft hinnehmen müssen. Weitere Zölle würden Jobs kosten, Investitionen bremsen und ganze Branchen unter Druck setzen.
Brüssels schärfste Waffe
Lange setzte Brüssel auf Deeskalation im Handelsstreit mit den USA. Man akzeptierte Sonderzölle auf Stahl und Aluminium, senkte im Gegenzug Abgaben auf US-Produkte und hoffte auf Stabilität. Diese Hoffnung hat Trump nun zerstört. Deshalb liegt erstmals ernsthaft das Anti-Coercion-Instrument auf dem Tisch – die handelspolitische Bazooka der EU. Das Instrument wurde genau für solche Fälle geschaffen: wenn Drittstaaten wirtschaftlichen Druck ausüben, um politische Zugeständnisse zu erzwingen.
Der Werkzeugkasten ist beachtlich. Die EU könnte Gegenzölle erheben, US-Firmen von öffentlichen Ausschreibungen ausschliessen, Lizenzen entziehen oder sogar Patente aussetzen. Besonders Letzteres würde amerikanische Tech- und Pharmakonzerne empfindlich treffen. Es geht nicht um Symbolik, sondern um realen Machtgebrauch. Der Preis: eine offene Eskalation mit Washington. Der Nutzen: Glaubwürdigkeit. Denn wenn selbst dieses Instrument nicht gezogen wird, stellt sich die Frage, wozu es überhaupt existiert.
Handel wird zur Sicherheitsfrage
Parallel dazu taucht eine zweite, politisch noch schwergewichtigere Option auf: Artikel 42.7 des EU-Vertrags, die Beistandsklausel. Sie verpflichtet alle Mitgliedstaaten, einem angegriffenen EU-Land Hilfe zu leisten. Militärisch ist sie kein Ersatz für die Nato, politisch aber ein starkes Signal. Sollte der Druck auf Dänemark weiter steigen oder sich die Lage um Grönland zuspitzen, würde eine Berufung darauf klar machen: Europa betrachtet territoriale Drohungen nicht als bilaterales Problem, sondern als Angriff auf seine Sicherheitsordnung.
Noch ist dieser Schritt unwahrscheinlich. Aber allein, dass er diskutiert wird, zeigt die Dimension der Krise. Trump hat den Konflikt verschoben – vom Zollstreit zur Grundsatzfrage europäischer Souveränität. Und er testet, wie weit er gehen kann.