Wie China von Trumps Chaos-Politik profitiert
Davos als Schaufenster einer neuen Unordnung

Während Donald Trump in Davos mit Zoll-Drohungen und Grönland-Fantasien für Unruhe sorgt, präsentiert sich China als ruhiger Gegenpol. Peking nutzt das amerikanische Chaos geschickt – und gewinnt damit Gehör bei verunsicherten US-Verbündeten.
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Xi Jinping lässt sein Land als ruhige, berechenbare Weltmacht auftreten – und profitiert davon, dass Washington unter Trump Vertrauen verspielt.
Foto: Imago

Darum gehts

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Chiara SchlenzAusland-Redaktorin

Die Welt schaut nach Davos – und erkennt eine tektonische Verschiebung. Nicht weil dort neue Allianzen feierlich besiegelt werden, sondern weil alte Gewissheiten sichtbar erodieren. Auf der einen Seite Donald Trump (79), der mit Zoll-Keulen und Annexionsfantasien rund um Grönland selbst engste Partner vor den Kopf stösst. Auf der anderen Seite China, das sich demonstrativ ruhig gibt, die Sprache der internationalen Ordnung spricht und genau dort andockt, wo Trumps Politik Unsicherheit, Misstrauen und strategische Orientierungslosigkeit hinterlässt.

China gibt den Erwachsenen im Raum

Peking nutzt diesen Moment mit bemerkenswerter Disziplin. Während Trump das internationale Parkett zur persönlichen Kampfbühne macht, inszeniert sich China als vernünftige Weltmacht mit langen Linien und kühlem Kopf. In Davos predigt Vizepremier He Lifeng (70) Multilateralismus, freien Handel und Kooperation – bewusst gesetzte Kontrapunkte zu amerikanischem Protektionismus und geopolitischem Muskelspiel. Die Erzählung: China als stabiler Pol in einer aus den Fugen geratenen Weltordnung.

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Donald Trump sorgt in Davos mit Zoll-Drohungen und Grönland-Fantasien für Unruhe bei Verbündeten und Gegnern gleichermassen.
Foto: AP

Die Botschaft ist so schlicht wie wirkungsvoll. Während Washington droht, sanktioniert und eskaliert, bietet Peking Gespräche, Handelsabkommen und rhetorische Berechenbarkeit an. Dass diese Versprechen nicht immer mit der chinesischen Realität übereinstimmen, tritt dabei in den Hintergrund. Entscheidend ist die Wahrnehmung: China wirkt kalkulierbar, die USA unter Trump nicht mehr.

Wenn Vertrauen zur Währung wird

Und diese Wahrnehmung beginnt, politische Konsequenzen zu haben. Trumps Konfrontationskurs trifft nicht primär Rivalen, sondern untergräbt vor allem das Vertrauen seiner eigenen Verbündeten. Kanada, jahrelang einer der verlässlichsten Partner Washingtons, rückt wirtschaftlich näher an China heran, lockert Zölle und spricht offen von einer neuen Weltordnung. Grossbritannien sucht den Dialog mit Peking und genehmigt den Bau einer chinesischen Grossbotschaft in unmittelbarer Nähe der Londoner City – ein symbolischer Schritt, der vor wenigen Jahren noch als sicherheitspolitischer Tabubruch gegolten hätte. Es sind keine Abkehrbewegungen von den USA, aber klare Signale: Europa und seine Partner sichern sich Optionen für eine Zeit nach der transatlantischen Gewissheit.

Kanadas Premier Mark Carney (60) hat in Davos explizit davon gesprochen, dass kleinere und mittlere Staaten neue Koalitionen bilden müssten, weil das alte, auf Regeln basierende System zerbrochen sei – eine Diplomatie jenseits der traditionellen Grossmächte.

Grönland, Nato, Vertrauensbruch

Aus chinesischer Sicht ist das ein strategischer Idealfall. Peking muss nicht aggressiv vorgehen, muss selbst keine Allianzen sprengen. Es kann abwarten, wie Washington seine Partnerschaften selbst zerlegt. Besonders deutlich wird das am Streit um Grönland. Trumps ursprüngliche Drohungen, die Kontrolle über das strategisch wichtige Territorium an sich zu reissen, hatten nicht nur diplomatische Verstimmungen mit Dänemark und dem Europäischen Rat ausgelöst, sondern am Fundament der Nato gerüttelt. Nach diplomatischem Druck und Rückschlägen einigte man sich nun auf einen Sicherheitspakt, der US-Zugang zu Grönland über Nato-Strukturen sichern soll – ohne Souveränitätsfragen zu tangieren.

Ein Bündnis, das sich plötzlich mit Loyalitätsfragen und innerem Misstrauen beschäftigt, verliert an Abschreckungskraft – für China ein strategischer Gewinn.

Die ruhige Maske Pekings

Doch Chinas neue Gelassenheit ist vor allem Fassade. Hinter der wohlklingenden Rhetorik vom fairen Handel stehen ein gigantischer Handelsüberschuss, staatlich gelenkte Industrien, abgeschottete Märkte und klare Machtansprüche, etwa gegenüber Taiwan oder in der Arktis. Europas Führung weiss das, spricht es sogar offen an. Doch Trumps Dauerprovokationen verschieben die Prioritäten. Wer ständig Krisen aus Washington managen muss, führt keine grundlegende Debatte über Chinas Systemkonkurrenz.

So wird China weniger aus eigener Stärke gross, sondern aus der Schwäche der USA unter Trump. Peking erscheint nicht als ideale, sondern als berechenbare Option in einer Welt, die nach Stabilität sucht. Ob daraus eine dauerhafte Führungsrolle erwächst, bleibt offen. Klar ist nur: Solange Washington Chaos exportiert, sammelt China Punkte mit Ruhe – und nutzt diese geopolitische Gelegenheit mit bemerkenswerter Konsequenz aus.

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