Selenski warnt Europa am WEF
«Wacht auf aus dem Grönland-Modus!»

Der ukrainische Präsident ist kurzfristig aus Kiew ins Bündnerland gereist. Seine Hoffnung auf einen Deal mit Trump ist geplatzt. Seiner Enttäuschung – vor allem auch über Europa – liess er in seiner scharfen Ansprache freien Lauf.
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Der ukrainische Präsident hielt Europa eine ziemliche Standpauke.
Foto: keystone-sda.ch

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Samuel SchumacherAusland-Reporter

Wolodimir Selenski (47) verdiente sein Geld einst als Kabarettist. Heute fürchtet er, die Welt vergesse im Theater der Weltpolitik den Ernst der Lage. «Wacht endlich auf aus dem Grönland-Modus», warnte der ukrainische Präsident bei seiner Rede am WEF. Die Ukraine könne die russischen Schiffe – falls die wirklich kommen sollten – problemlos versenken: vor Grönland genauso wie vor der Krim. Damit sei das Thema erledigt. Punkt!

Zu schnell lasse sich die Welt von Nebenschauplätzen ablenken. In Europa sei immer gerade wieder irgendwas dringender als die wirklich zentralen Probleme. Die Alte Welt habe noch immer nicht verstanden, dass sie ihre Kalkulationen ohne die USA unter Präsident Donald Trump (79) machen müsse. Der interessiere sich nur für eines: sich selbst.

«Trump wird sich nicht ändern. Er liebt, wer er ist», mahnte Selenski in deutlich besserem Englisch als bei vergangenen WEF-Auftritten. Wann der Mann, der sein Land seit vier Jahren im grössten Krieg Europas seit dem Zweiten Weltkrieg verteidigt, auch noch Zeit hat, um Fremdsprachen zu büffeln – bleibt ein Rätsel.

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Wolodimir Selenski reiste am Donnerstag kurzfristig nach Davos.
Foto: Keystone

Selenski brachte seine Enttäuschung über Trump und dessen Ukrainepläne offen zum Ausdruck. Er bedankte sich namentlich bei zahlreichen europäischen Staatslenkern für ihre Unterstützung – nicht aber bei Trump. Er erwähnte den 800-Milliarden-Wiederaufbau-Deal, den er ursprünglich mit den Amerikanern am WEF unterzeichnen wollte, mit keinem Wort. 

«Nicht alle, die aus Europa sind, sind auch für Europa», sagte Selenski. Ein klarer Seitenhieb gegen den US-Präsidenten, der tags zuvor auf derselben Bühne erzählt hatte, er sei «100-Prozent-Europäer» mit schottischer Mutter und deutschem Vater. Immerhin haben sich die beiden am Rande des WEF offenbar auf Sicherheitsgarantien für die Ukraine geeinigt, die von den Parlamenten in Kiew und Washington allerdings noch abgesegnet werden müssen.

«Wenn Putin kein Geld hat, gibt es keinen Krieg»
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Selenski über Öl-Verkauf:«Wenn Putin kein Geld hat, gibt es keinen Krieg»

600'000 Menschen haben Kiew verlassen

Dass auf Trump kein Verlass ist, macht es für den Kriegspräsidenten aus Kiew umso wichtiger, sich auf europäische Verbündete stützen zu können. Die aber enttäuschen Selenski offenkundig. «Ich habe euch schon vor einem Jahr hier in Davos gesagt, dass Europa sich selbst verteidigen können müsse. Seither hat sich nichts verändert. Deshalb muss ich meine Warnung wiederholen.»

Dass es nicht ganz so einfach ist, nach Jahrzehnten des verteidigungstechnischen Schlummerschlafs unter dem amerikanischen Schutzschirm alle Schalter umzulegen und über Nacht zur militärischen Supermacht zu mutieren, weiss auch Selenski. Auch er sieht, wie fast sämtliche EU-Länder ihre Verteidigungsbudgets massiv erhöhen.

Geduldiges Abwarten kann sich die Ukraine allerdings nicht leisten. Russlands Terror sorgt derzeit in weiten Teilen der eiskalten Hauptstadt für komplette Blackouts. Heizungen, warmes Wasser, Licht: All das funktioniert nicht mehr. Rund 600'000 Hauptstadtbewohner haben Kiew im Januar laut Bürgermeister Vitali Klitschko (54) verlassen, weil sie es nicht mehr aushielten. Und obwohl die Russen laut Selenski monatlich 35'000 Soldaten verlieren (im Vergleich zu 13'000 vor einem Jahr), höre Wladimir Putin (73) mit seinem Terror nicht auf.

«Maduro ist vor Gericht, aber Putin läuft noch immer frei herum», kritisierte Selenski. Niemand rede mehr vom Sondertribunal für den Kriegsverbrecher. Stattdessen fokussiere man sich komplett auf die Zeit nach dem Kriegsende: Sicherheitsgarantien, Wiederaufbaupläne, Zukunftsvisionen.

Treffen mit den Russen noch diese Woche

Die seien wichtig, sagte Selenski. «Aber Europa darf nicht nur über die Zukunft sprechen, es muss im Hier und Jetzt aktiv werden. Sonst bleiben wir ein Salat von Mittelmächten, die immer nur reagieren und Problemen hinterherrennen, statt auch mal die Initiative zu ergreifen.»

Man habe ihm gesagt, er solle hier nicht über ausbleibende Waffenlieferungen (amerikanische Tomahawks, deutsche Taurus) reden, er solle die gute Stimmung nicht trüben: vielsagendes Schulterzucken. Und Trumps Friedensrat? Man müsse sich nur anschauen, wer da mitmache. Wieder Schulterzucken. Mit übersensiblen Europäern kann der Realpolitiker Selenski genauso wenig anfangen wie mit übermütigen Amerikanern.

Konkret warnte Selenski Europa davor, sich allzu stark auf den amerikanischen Nato-Schutz zu verlassen. «Niemand weiss, was wirklich passiert, wenn Putin ein Nato-Land angreift. Europa braucht eine eigene Streitkraft», sagte Selenski. Und mit der müsste man den Russen das Öl blockieren – genau, wie das die USA jetzt in Venezuela täten. «Damit würde Putins Kriegskasse im Nu geleert.»

Eine starke Ansprache lieferte der ukrainische Präsident ab, eine Standpauke an Europa, letztlich aber nichts als eine geballte Ladung Worte. Dass sich mit denen allein der Krieg nicht beenden und die Welt nicht verbessern lässt, weiss Selenski. Dazu braucht es mehr. In den kommenden Tagen finden neue Friedensgespräche mit den Amerikanern und den Russen statt, aufgegleist von den USA, mit den Arabischen Emiraten als Gastgeber. «Ich hoffe, die Emirate wissen, dass wir kommen», sagte Selenski zum Schluss seines Auftritts. «Bei all den amerikanischen Überraschungen kann man sich da nie ganz sicher sein.»

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