Darum gehts
Wenn die Russen die Ukraine mit Raketen überziehen und Zivilisten in ihren Wohnungen töten, kommt in Lora Shevandina (60) die blanke Wut hoch. Der Krieg des Kremls gegen ihr Land trifft die Unschuldigen. Jene, die mit dem Krieg nichts zu tun haben und in Frieden leben wollen. Da es der ukrainischen Luftabwehr an Munition fehlt, ist inzwischen fast jeder russische Raketenangriff ein Treffer. In der Nacht auf Mittwoch starben in der Hauptstadt Kiew mindestens 17 Menschen. Zivilisten.
Als grosses Thema wurde der russisch-ukrainische Krieg in Westeuropa erst mit der grossen Invasion vom 24. Februar 2022 ernstgenommen. Doch schon 2014 kämpften die Russen in der Ostukraine und annektierten die Halbinsel Krim. Lora Shevandina, die damals im Donbass wohnte, erlebte den Krieg seit Anfang aus nächster Nähe. Der wahre Albtraum begann aber am 1. Mai 2015, wie sie Blick am Telefon erzählt.
Es war der Tag, an dem ihr Ehemann Oleg Shevandin (62) verschleppt wurde. Als er in Debalzewe im Donbass seine Mutter abholen wollte, stoppten maskierte russische Soldaten mit Maschinengewehren sein Auto, zerrten ihn aus dem Wagen, legten ihm Handschellen an, zogen ihm einen Sack über den Kopf und brachten ihn zum Stab einer Militärbrigade. Ohne Haftbefehl, ohne offizielle Anklage und ohne die Möglichkeit, einen Anwalt einzuschalten.
Die Russen verärgert
Der Grund für die Entführung lag in Olegs unbeugsamer Haltung. Als die russischen Besatzer im Donbass wenige Monate zuvor die Kontrolle übernommen hatten, forderten sie von ihm die vollständige Kooperation. Sie verlangten die vertraulichen Daten der Athleten und Trainer seines Verbands und wollten seinen prominenten Namen für ihre eigene Propaganda missbrauchen.
Als Inhaber von drei Universitätsabschlüssen, Autor mehrerer Fachbücher über Sport und Psychologie sowie Gründer eines Verbandes für die chinesische Kampfkunst Wushu/Kung-Fu gilt Oleg als eine der prägendsten Sportpersönlichkeiten in der Ukraine. Er war auch erfolgreicher Nationaltrainer des Kung-Fu-Teams. Sein Wort hatte Gewicht, weit über die Sportwelt hinaus.
Doch Oleg weigerte sich standhaft, Daten herauszurücken. Während der schweren Kämpfe um Debalzewe fuhr er persönlich in die Krisengebiete, um Zivilisten aus der Schusslinie zu evakuieren und den Menschen beim Überleben zu helfen. Genau diese Zivilcourage machte ihn für die Besatzer zum Ziel. Oleg wurde zu einer der ersten zivilen Geiseln dieses Krieges. (Lies hier über einen anderen Gefangenen: «Sie haben mich mit dem Schlagstock vergewaltigt».)
Seit elf Jahren auf der Suche
Seit elf Jahren sieht Olegs Alltag völlig anders aus. Er lebt unter unmenschlichen Bedingungen in russischer Gefangenschaft – isoliert von der Aussenwelt, ohne Kontakt zu seiner Familie, ohne angemessene medizinische Versorgung und ohne jeglichen Zugang für internationale Hilfsorganisationen wie das Rote Kreuz. Durch Folter versuchen die Russen, Informationen aus ihm herauszupressen.
Diese Informationen hat seine Ehefrau Lora Shevandina über verschiedene Quellen erhalten, die sie aus Sicherheitsgründen nicht preisgeben will. Seit 2022 ist es für sie viel schwieriger, an Nachrichten heranzukommen. «Genau darauf setzt das russische System», sagt sie gegenüber Blick am Telefon. «Sie versuchen, seinen Namen allmählich aus dem öffentlichen Raum zu löschen.»
Doch sie lässt nicht locker. Unermüdlich versucht sie, herauszufinden, wo die Russen ihren Mann versteckt haben. Sie will ihn wiedersehen. Aufgeben kommt für sie nicht infrage.
Die Liebe gibt ihr Kraft
Inzwischen lebt Lora in Deutschland. Es gehe ihr schlecht. Lange habe sie kaum schlafen können. Doch anstatt an der Verzweiflung zu zerbrechen, hat sie den Weg nach vorn gewählt. Sie leitet die ukrainische Bewegung «Return Freedom» und ist Botschafterin der Organisation «Save Ukrainian Civilian Hostages Together», die sich für die Freilassung ziviler Geiseln einsetzt. Auch über Facebook sucht sie nach ihrem Oleg.
Sie weist darauf hin, dass die diplomatischen Werkzeuge für eine Freilassung längst existieren. So könnten beispielsweise Austauschmechanismen über neutrale Drittstaaten wie die Schweiz genutzt oder hochrangige Gefangene unter internationaler Gerichtsbarkeit einbezogen werden. «Es liegt nicht am Mangel an Mechanismen. Es liegt am Willen, die bestehenden Werkzeuge auch für ukrainische Zivilisten einzusetzen, die schon am längsten in Haft sind», stellt sie klar. Gefordert seien vor allem jene Instanzen, die auf diplomatischer Ebene über Gefangenenaustausche verhandeln.
Auf die Frage, woher sie nach all den Jahren im Ungewissen noch immer die Energie für diesen schmerzhaften Kampf nehme, antwortet sie: «Die Hauptquelle meiner Kraft sind mein Mann und meine Liebe zu ihm.» Sie hätten eine so tiefe Verbindung, dass sie ihn selbst über die Distanz spüre. «Ich fühle, dass es ihm sehr schlecht geht, aber ich glaube, dass er durchhält und lebend zurückkommen wird.»