Darum gehts
- Pavlo Shmulevych wurde kurz nach der Invasion in Cherson verhaftet
- Er erlebte 39 qualvolle Tage in einem Folterknast der Russen
- Heute lebt er mit seiner Mutter in Zürich
Wenn Pavlo Shmulevych (35) durch Zürichs Strassen geht, sieht man ihm nicht an, welche Hölle er durchlebt hat. Der Ukrainer hat ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen. Er strahlt Ruhe aus. «Die Schweiz bietet eine hundertprozentige Sicherheit für mich», sagt er. Dass es ihm heute so gut geht, hat er auch einer Psychotherapie zu verdanken, die er nach seiner Ankunft vor dreieinhalb Jahren begonnen hat.
Shmulevych ist promovierter Ökonom und arbeitete bis im Sommer 2022 in Cherson für den ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski (48) als Experte am Nationalen Institut für Strategische Studien. Seine Aufgabe: Touristen und Wirtschaftsunternehmen anziehen. Regelmässig stand er daher mit der Regierung in Kiew in Kontakt.
Als die Russen am 24. Februar 2022 in die Ukraine eindrangen und nach kurzer Zeit auch Cherson kontrollierten, flohen viele Ukrainer aus der Stadt im Süden des Landes. Nicht Shmulevych. Er kümmerte sich mit anderen darum, die verbliebenen ukrainischen Bewohnerinnen und Bewohner mit Lebensmitteln zu versorgen. «Wir hatten Hunger, da uns die Russen alles Essen wegnahmen.»
Angeblich ein Geheimagent
Doch nach einigen Monaten verschwanden immer mehr seiner Kolleginnen und Kollegen. Bis es am 6. Juli auch an seiner Wohnungstür läutete und jemand «Aufmachen, Polizei!» schrie. Sechs maskierte Männer in Tarnkleidung stürmten die Wohnung, warfen Shmulevych zu Boden und traten brutal auf ihn ein. «Ich spürte keinen Schmerz, nur eine unendliche Demütigung.»
An viel mehr erinnert er sich nicht mehr, der Schock war zu gross. Seine Mutter, die zu dieser Zeit ausser Haus war, erzählte ihm später, dass sein Kopf in einer Blutlache gelegen habe und die Soldaten Computer, Telefon und Geld mitgenommen hätten.
Gefesselt und mit einem Sack über dem Kopf wurde Shmulevych in eine provisorische Isolationshaftanstalt am Stadtrand von Cherson verschleppt. In den feuchten, überfüllten Kellern des Gebäudes regierte die nackte Willkür. Hier drangen Tag und Nacht die Schreie der Gefolterten durch die Wände.
Den Grund für seine Verhaftung erfuhr er im Knast. «Du warst in Kontakt mit Kiew und arbeitest für den ukrainischen Geheimdienst. Wir geben dir 30 Jahre Gefängnis für Spionage», sagte man ihm da. Auch dass er ein Jahr in Israel studiert hatte, lasteten sie ihm an. «Du bist auch ein Mossad-Agent», sagten sie. Shmulevych dachte zuerst an einen Spass. Erst nach einiger Zeit wurde er sich bewusst, dass es die Russen ernst meinten.
Lieblingsbeschäftigung: Stromfolter
Shmulevych wurde nicht nur psychisch gebrochen, er wurde als Reinigungskraft für die schrecklichsten Spuren des Gefängnisalltags missbraucht. Jeden Tag musste er die Folterzellen und Gänge von den Hinterlassenschaften der Qualen reinigen. Er schrubbte das Blut, das Erbrochene und die Fäkalien seiner Mithäftlinge vom nackten Beton.
«Ich war dabei, als zwei rauchende russische Geheimdienstagenten zwei nackte Ukrainer auf dem Boden herumkriechen liessen und mit Strom malträtierten», sagt Shmulevych. Es war ein System, das darauf ausgelegt war, jede menschliche Würde im Keim zu ersticken.
Strombehandlungen waren die Lieblingsbeschäftigung der russischen Folterer, die im 24-Stunden-Schichtbetrieb arbeiteten. Gefangene wurden oft an den Hoden misshandelt. «Den Strom dazu erzeugten sie mit einer Handkurbel, die sie immer schneller drehten», sagt Shmulevych. Er selber sei wegen guter Führung mit Strombehandlungen nur an den Ohren davongekommen.
Kampf gegen Profi-Schläger
Besonders brutal wurde es, als einem jungen Zelleninsassen befohlen wurde, Shmulevych zu vergewaltigen. Weil sich der Mitgefangene weigerte, dachten sich die Folterer eine andere Methode aus. Shmulevych: «Ich wurde mit einem Schlagstock, dem sie ein Kondom überzogen, vergewaltigt.» Das Präservativ musste er anschliessend essen.
Immer wieder dachte Shmulevych, dass seine letzte Stunde geschlagen habe. Auch dann, als er vor den Augen anderer Insassen zu einem Ringkampf gegen einen erfahrenen Schläger der Russen gezwungen wurde. Der Mann habe gesagt: «Der Ukraine-Krieg ist mein dritter Krieg. Jetzt töten wir dich.»
Im Kreis der Schaulustigen habe der halbnackte Agent auf ihn eingedroschen und, wie sich später herausstellte, einen Wangenknochen gebrochen. «Ich fühlte nichts mehr und dachte nur noch ans Sterben.» Nur das Eingreifen junger Soldaten konnte den betrunkenen Schläger von weiteren Angriffen abhalten. «Mein Kopf war geschwollen wie ein Fussball», erzählt Shmulevych.
Das Leben schätzen gelernt
Nach quälenden 39 Tagen kam Pavlo Shmulevych überraschend frei. Er wurde gezwungen, ein Papier zu unterschreiben, in dem er seine volle Solidarität mit Russland bekräftigte. Die Drohung: «Falls du das nicht tust, finden wir dich überall.»
Als die Folterer Shmulevych vor das Gefängnis stellten, bemerkte er, dass er nur 20 Gehminuten von zu Hause festgehalten worden war. Seine Mutter hatte ihn in dieser Zeit überall gesucht, aber überall abweisende Antworten erhalten. Per Bus reisten die beiden schliesslich nach Georgien. Im September 2022 flogen sie dann in die Schweiz.
Ukrainische Zivilisten werden schon seit Beginn der Invasion 2014 verschleppt. Dennoch wird über diese Menschen bis heute kaum gesprochen. Ihre Schicksale bleiben häufig im Verborgenen.
Die Schweizer Friedens- und Menschenrechtsorganisation Art of Peace will diesen Menschen eine Stimme geben und damit den internationalen Druck erhöhen. Je höher der Druck, desto grösser die Chance, dass sie freikommen.
Präsidentin Polina Sommer (42) sagt gegenüber Blick: «Pavlo hatte das grosse Glück, freizukommen.» Viele andere würden seit Jahren auf ihre Freiheit warten. Ebenso litten ihre Familien, die seit dem Verschwinden ihrer Angehörigen unermüdlich nach Antworten suchen und für deren Rückkehr kämpfen. Sommer: «Wir werden weiterhin alles in unserer Macht Stehende tun, damit diese Menschen nicht vergessen werden und hoffentlich gesund zu ihren Familien zurückkehren können.»
Ukrainische Zivilisten werden schon seit Beginn der Invasion 2014 verschleppt. Dennoch wird über diese Menschen bis heute kaum gesprochen. Ihre Schicksale bleiben häufig im Verborgenen.
Die Schweizer Friedens- und Menschenrechtsorganisation Art of Peace will diesen Menschen eine Stimme geben und damit den internationalen Druck erhöhen. Je höher der Druck, desto grösser die Chance, dass sie freikommen.
Präsidentin Polina Sommer (42) sagt gegenüber Blick: «Pavlo hatte das grosse Glück, freizukommen.» Viele andere würden seit Jahren auf ihre Freiheit warten. Ebenso litten ihre Familien, die seit dem Verschwinden ihrer Angehörigen unermüdlich nach Antworten suchen und für deren Rückkehr kämpfen. Sommer: «Wir werden weiterhin alles in unserer Macht Stehende tun, damit diese Menschen nicht vergessen werden und hoffentlich gesund zu ihren Familien zurückkehren können.»
Shmulevychs Geschichte wird von der Menschenrechtsorganisation Art of Peace bestätigt. «Wir hatten in Cherson viele Pläne und viele Träume», sagt Shmulevych gegenüber Blick. Doch inzwischen ist die Stadt zweigeteilt, jeden Tag würden die Russen auf «Drohnensafari» gegen ukrainische Zivilisten gehen. An eine Rückkehr sei nicht zu denken. «Wir wollen uns in der Schweiz integrieren und ein neues Leben aufbauen.»
Erste Schritte sind gemacht: Shmulevych arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter in einer Beratungsfirma sowie für die jüdische Kultusgemeinde in Zürich.
Die Russen haben ihnen alles genommen. «Wir verstehen jetzt, welchen Wert unser Leben hat», sagt er. Und lächelt wieder, als ob er nie durch die Hölle gegangen wäre.