Darum gehts
- Eine Frau erlitt in Brasilien durch ein Medikament eine schwere Hautkrankheit
- Ihr Gesicht wurde dunkelviolett, schälte sich und vernarbte
- 66 Tage stationäre Behandlung führten zu einem guten Ergebnis
Für die Patientin eines brasilianischen Spitals waren die vergangenen Monate die Hölle. Die 42-Jährige wurde laut der «Daily Mail» eingeliefert, nachdem bei ihr eine schwere Hautentzündung aufgetreten war.
Die toxische epidermale Nekrolyse (TEN) wurde bei ihr als unerwünschte Nebenwirkung eines Medikaments mit dem Wirkstoff Lamotrigin ausgelöst. Dieses nahm sie gegen ihre Depressionen ein. Neben der Behandlung von Depressionen wird das Antiepileptikum hauptsächlich zur Behandlung von Epilepsie sowie bei einer Borderline-Störung eingesetzt.
Ihr Gesicht wurde violett und schälte sich
Die ersten Anzeichen der Nebenwirkungen machten sich bei der 42-Jährigen nach drei Wochen bemerkbar. Der Verlauf der Entzündung: rasant und extrem schmerzhaft.
Am Tag ihrer Einlieferung war ihr Gesicht mit offenen Wunden übersät und verfärbte sich im Verlauf der nächsten 24 Stunden dunkelviolett. Bis zum vierten Tag schälte sich ein Teil der Haut langsam ab und liess brandähnliche Verletzungen um ihre Mundpartie zurück. Neben dem Gesicht waren auch Hals, Kopf und Rumpf betroffen.
Es folgte eine langwierige Genesung
Die Behandlung des Ärzteteams schien zu Beginn nicht viel zu helfen. Eine starke Narbenbildung erschwerte zudem die Behandlung. Erst nach dem Tiefpunkt an Tag vier zeigten sich erste Anzeichen einer Linderung. Bei der Behandlung wurden unterschiedliche Antibiotika kombiniert und die Geweberegeneration wurde zudem mit speziellen antibakteriellen Materialien unterstützt.
Die Patientin musste insgesamt 66 Tage stationär im Spital bleiben, bevor sie nach Hause durfte. Die sorgfältige Behandlung lohnte sich jedoch – nach einem halben Jahr freuten sich die Ärzte bei der Nachuntersuchung laut «Daily Mail» über ein ausgezeichnetes Ergebnis.
Lamotrigin wird in der Schweiz vielfach verschrieben
Auch in der Schweiz findet der Wirkstoff Lamotrigin Anwendung. Blick hat mit dem Medizinischen Direktor des Schweizerischen Epilepsie-Zentrums an der Zürcher Klinik Lengg, Lukas Imbach, über das Medikament und seine Risiken gesprochen.
In der Epilepsiebehandlung ist Lamotrigin ein Erstlinienmedikament. «Das bedeutet, es ist im Normalfall bei Erwachsenen die erste Wahl für die Behandlung», so der Facharzt für Neurologie. Dies läge daran, dass es neben Wirksamkeit auch eine sehr gute Verträglichkeit mit vergleichsweise wenig Nebenwirkungen aufweist.
Die Problematik mit den Hautreaktionen ist dem Arzt jedoch bekannt. «Leichte, vorübergehende Hautausschläge treten häufiger auf, aber schwere allergische Reaktionen wie eine TEN sind extrem selten.» Das läge vor allem an den Präventionsmassnahmen der Klinik. «Zum einen wird das Medikament über einen Zeitraum von acht Wochen langsam eindosiert und stetig gesteigert», so Imbach. Dadurch kommt es nicht so schnell zu einer Überreaktion auf das Medikament.
Allergische Reaktionen treten nur zu Beginn auf
«Zum anderen werden Patienten zuvor umfassend aufgeklärt und gebeten, sich bei Hautproblemen sofort zu melden.» Die Medikation werde dann vorerst pausiert. «Häufig stellt sich bei einer anschliessenden Untersuchung heraus, dass die Ausschläge einen anderen Hintergrund haben und das Medikament wieder eingenommen werden kann», sagt der Arzt aus Erfahrung. «Bei Auftreten einer echten allergischen Reaktion wird das Medikament aber gestoppt und nicht mehr eingesetzt.»
Auch wird jeweils im Voraus abgeklärt, ob Patienten in der Vergangenheit bereits auf ähnliche Wirkstoffe allergisch reagiert haben. «Neben genetischen Prädispositionen, die Nebenwirkungen auslösen können, können auch allergische Kreuzreaktionen auftreten.» Wer das Medikament schon lange nimmt, braucht sich laut Imbach keine Sorgen zu machen. «Allergische Reaktionen treten in aller Regel nur ganz am Anfang auf.»
Letzter Fall von TEN im vergangenen Jahr
Wie häufig es in der Schweiz zu schwerwiegenden Nebenwirkungen mit Lamotrigin kommt, verrät die schweizerische Zulassungs- und Kontrollbehörde Swissmedic Blick. Seit Beginn der Überwachung 1993 für diesen Wirkstoff wurden insgesamt 84 Meldungen zu schwerwiegenden Reaktionen der Haut gemacht. Bei 15 Fällen handelte es sich dabei um eine TEN. Zuletzt trat eine solche im vergangenen Jahr auf. Weitere 19 Mal trat das Stevens-Johnson-Syndrom auf. Dabei handelt es sich ebenfalls um eine schwere Hauterkrankung.
Weder eine Zu- noch eine Abnahme der Fälle konnte im Verlauf der Überwachung beobachtet werden. Des Weiteren sei nicht immer klar, ob es am Lamotrigin lag, oder an anderen Medikamenten, die die Patienten zusätzlich einnahmen. Swissmedic macht klar: «Medikamente können immer Nebenwirkungen hervorrufen, daher müssen sie stets sinnvoll und nur, wenn nötig eingesetzt werden.»