Darum gehts
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Ein schwer verletzter Jugendlicher braucht Hilfe. Doch die Polizei kommt nicht zu ihm durch. Ein Mob bedrängt die Beamten, beschädigt ihren Streifenwagen und zwingt sie zum Rückzug. Zwei bewaffnete Männer im Alter von 19 und 21 wurden verhaftet. Was sich in der Nacht auf Sonntag an der Zürcher Langstrasse laut Polizei abgespielt hat, macht sprachlos.
Die Schweiz ist in dieser Halloween-Nacht kein Einzelfall. In Frankfurt fliegen Molotowcocktails, in Hamburg werden Einsatzkräfte angegriffen. In Paris steht ein Polizist nach einem Brandsatzwurf in Flammen. Frankreich zählt am Samstag 320'000 Demonstrierende. Europa ist in Aufruhr. Und plötzlich ist überall von einem Aufstand der Generation Z die Rede. Doch so einfach ist das nicht.
Gleiche Bilder, ganz andere Forderungen
In Frankreich begann die Protestwelle mit Schülern, die genug von maroden Klassenzimmern, fehlenden Lehrkräften und einem als ungerecht empfundenen Bildungssystem hatten. Inzwischen haben sich Gewerkschaften, Gelbwesten und Regierungsgegner angeschlossen. Aus dem Schülerprotest ist eine breite Bewegung gegen Präsident Emmanuel Macron (48) geworden. In Deutschland mobilisiert die Initiative «Gen Z regelt» gegen steigende Lebenskosten, Sparmassnahmen und eine mögliche Rückkehr der Wehrpflicht.
Und in Zürich? Dort riefen linksradikale Kreise zu einer unbewilligten Demonstration gegen Rechtsruck, Sozialabbau und Militarisierung auf. Am Samstagabend waren kaum konkrete Forderungen zu erkennen. Statt Transparenten dominierten Feuer, Pyrotechnik und Angriffe auf die Polizei. In Zürich gingen nach Polizeiangaben mehrere Hundert Menschen auf die Strasse, die Organisatoren sprechen von rund 2000. In Basel beteiligten sich laut Kantonspolizei rund 150 Personen an einer unbewilligten Demonstration. Auch dort brannten Barrikaden.
Die Bilder gleichen sich. Die politischen Hintergründe nicht.
Wenn aus Protest plötzlich Krawall wird
Auffällig ist ein Muster: Dort, wo Tausende friedlich demonstrieren, tauchen teilweise Gruppen auf, die offenbar vor allem die Konfrontation suchen.
In Deutschland distanzierten sich die Organisatoren von «Gen Z regelt» am Samstag ausdrücklich von den Ausschreitungen. Gewalt habe in ihrer Bewegung keinen Platz. Trotzdem kursierten auf Tiktok und Instagram Videos, die gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei in Frankreich verherrlichten – und zu ähnlichen Aktionen in Deutschland aufriefen.
Auch in der Schweiz wurde im Vorfeld der Demonstrationen in den sozialen Medien auf die französischen Proteste Bezug genommen. Das wirft eine unbequeme Frage auf: Wird hier tatsächlich eine europaweite Protestbewegung immer radikaler? Oder nutzen gewaltbereite Gruppen die Aufmerksamkeit rund um die Jugendproteste für ihre eigenen Zwecke?
Die Proteste sind keineswegs völlig unabhängig voneinander: Junge Aktivisten vernetzen sich über Landesgrenzen hinweg, greifen ähnliche Forderungen auf und lassen sich von den Protesten in anderen Ländern inspirieren. Über soziale Medien verbreiten sich dabei nicht nur politische Aufrufe, sondern auch Bilder von Strassenschlachten. Doch gemeinsame Vorbilder bedeuten noch lange keine gemeinsame Strategie – und erst recht nicht, dass alle Demonstrierenden Gewalt befürworten.
Die Wut ist echt – die Gewalt auch
Dabei wäre es falsch, die Unzufriedenheit der jungen Generation als Krawall-Lust abzutun. Hohe Mieten, teure Lebensmittel, Sparprogramme und Zukunftsängste beschäftigen junge Menschen weit über Landesgrenzen hinweg. Doch wer Polizisten mit Brandsätzen angreift oder Rettungseinsätze behindert, gefährdet Menschen. Und droht, den friedlichen Protestierenden einen Bärendienst zu erweisen.
Denn nach einer Nacht wie jener in Zürich spricht kaum jemand über Sozialabbau oder Militarisierung. Stattdessen geht es um brennende Autos und einen Jugendlichen, zu dem die Polizei nicht durchkam.
Ähnlich in Frankreich: Dort haben die Ausschreitungen längst eine Debatte über Sicherheit und härtere Polizeimassnahmen ausgelöst. Ausgerechnet die Gewalt könnte die Aufmerksamkeit von den eigentlichen Forderungen weglenken.
Und vorbei ist die Protestwelle noch lange nicht. In Frankreich steht am 5. November ein weiterer Mobilisierungstag bevor. Am 20. November wollen Jugendorganisationen in Deutschland erneut demonstrieren. Auch in der Schweiz ruft die Juso zum internationalen Jugendstreik auf. Geplant sind Aktionen in mehreren Städten gegen Aufrüstung und Sparpolitik. Die entscheidende Frage ist nicht nur, wie wütend Europas Jugend ist. Sondern auch, wer diese Wut künftig für sich beansprucht.