Kiew im Aufwind – die neue Dynamik im Ukraine-Krieg
Muss Putin seine Kriegsziele begraben?

Mehr als vier Jahre nach Kriegsbeginn gerät Russland zunehmend unter Druck. Hohe Verluste, abgeschwächte Kriegsziele und neue Waffen für Kiew verändern die Dynamik. Wendet die Ukraine das Blatt – und muss Putin seine Ambitionen begraben?
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Ukrainische Soldaten halten die Front – ihr Widerstand setzt Russland im Abnutzungskrieg zunehmend unter Druck.
Foto: AFP

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Chiara SchlenzAusland-Redaktorin

Die aktuellen Entwicklungen sprechen eine klare Sprache. Mehr als 1,3 Millionen russische Soldaten sollen seit Beginn der Invasion in der Ukraine gefallen oder verwundet worden sein. Ein enormer Blutzoll, der die Grenzen von Moskaus Militärstrategie offenlegt. Gleichzeitig kommt die russische Offensive nur schleppend voran. In vielen Frontabschnitten werden Geländegewinne in Metern statt in Kilometern gemessen.

Der Krieg ist festgefahren. Russland hält die Front, doch der Preis steigt stetig – militärisch, wirtschaftlich und politisch. Die Frage ist: Wie wird Kremlchef Wladimir Putin (73) damit umgehen?

Kleine Gewinne, grosse Lücken

Trotz jahrelanger Kämpfe hat Moskau zentrale Kriegsziele nicht erreicht. Russland kontrolliert zwar Teile der vier annektierten Regionen Luhansk, Donezk, Cherson und Saporischschja, doch eine vollständige Eroberung ist ausgeblieben. Selbst nach mehr als vier Jahren Krieg sind insbesondere in Donezk und Saporischschja weiterhin bedeutende Gebiete unter ukrainischer Kontrolle. Das zeigen Datenauswertungen des Institute for the Study of War.

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Präsident Wolodimir Selenski treibt die militärische Modernisierung voran und stärkt Kiews Position im Abnutzungskrieg.
Foto: IMAGO/dts Nachrichtenagentur

Diese Realität untergräbt die Erzählung eines unausweichlichen russischen Sieges. Beobachter werten zudem jüngste Aussagen aus dem Kreml, die sich stärker auf die vollständige Kontrolle der Region Donezk konzentrieren, als mögliches Zeichen für abgeschwächte Kriegsziele. Ein strategischer Rückzug – zumindest rhetorisch.

Kiew gewinnt Zeit und Partner

Während Russland an Substanz verliert, verbessert sich die Position der Ukraine schrittweise. Europa verstärkt seine Unterstützung: Investitionen in die ukrainische Rüstungsindustrie, zusätzliche Luftverteidigungssysteme und neue Finanzhilfen stabilisieren das Land nachhaltig.

Ein politischer Wendepunkt kommt aus Budapest. Die Abwahl des langjährigen ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban (62) könnte den Weg für ein EU-Hilfspaket in Höhe von rund 90 Milliarden Euro freimachen, das bisher durch sein Veto blockiert war. Damit würde Kiew nicht nur dringend benötigte finanzielle Mittel, sondern auch ein starkes politisches Signal europäischer Geschlossenheit erhalten.

Zudem baut die Ukraine ihre eigene Rüstungsproduktion aus. Ein Grossteil der eingesetzten Waffen stammt inzwischen aus heimischer Fertigung – mit Potenzial für eine deutliche Steigerung. Das erhöht die militärische Unabhängigkeit und stärkt die langfristige Verteidigungsfähigkeit.

Und: Kiew entwickelt neue Systeme. Präsident Wolodimir Selenski (48) präsentierte kürzlich erstmals eine bislang geheim gehaltene Flugabwehrrakete aus ukrainischer Produktion. Das System – laut Berichten unter dem Namen Koral bekannt – soll die Luftverteidigung stärken und russische Angriffe effektiver abwehren.

Die strukturelle Schwäche Russlands

Auch wirtschaftlich gerät Russland zunehmend unter Druck. Die Kriegswirtschaft stabilisierte das Land kurzfristig, doch strukturelle Probleme bleiben: schwaches Wachstum, steigende Staatsausgaben und ein wachsender Arbeitskräftemangel. Ein grosser Teil der Ressourcen fliesst direkt in den Krieg – mit begrenztem Nutzen für eine langfristige Entwicklung.

Hinzu kommt die strategische Sackgasse an der Front. Trotz personeller Überlegenheit gelingt es Russland nicht, einen entscheidenden Durchbruch zu erzielen. Der Abnutzungskrieg verschleisst Material und Menschen – ohne klare Perspektive auf einen Sieg.

Kippt das Kräfteverhältnis?

Hat die Ukraine das Blatt gewendet? Ein schneller militärischer Triumph ist weiterhin unwahrscheinlich. Russland verfügt noch immer über bedeutende Ressourcen und zeigt politische Entschlossenheit, den Krieg fortzusetzen.

Doch mehrere Entwicklungen sprechen für eine schleichende Verschiebung des strategischen Gleichgewichts: der enorme Blutzoll Russlands, die unvollständige Kontrolle über die annektierten Gebiete, die möglichen Anpassungen der Kriegsziele sowie die wachsende militärische und finanzielle Unterstützung für Kiew – nicht zuletzt durch die neue politische Dynamik innerhalb der EU.

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