Darum gehts
- Eva Samoylenko floh im Winter in ihre Heimatstadt nahe der Kriegsfront
- Mit ihrem Team hat sie mehr als 47'000 Menschen von der Front evakuiert
- Von den Russen will sie sich die Freude am Leben nicht nehmen lassen
In diesem Winter, als Russlands Angriffe auf die Heizkraftwerke das Leben in der Ukraine für Millionen zur eisigen Hölle machte, floh die Wädenswilerin Eva Samoylenko (44) aus der zentralukrainischen Stadt Dnipro zurück in den Donbass. Ganz nah an die Front. Nach Hause.
Über Slowjansk, wo sie mit ihrem Mann mehr als 20 Jahre lang ein Waisenheim führte, schwirren heute überall russische Drohnen. Raketen schlagen ein. Doch Eva Samoylenko dachte sich: «Ich sterbe lieber in meinem geheizten Keller, als in meiner Wohnung in Dnipro zu erfrieren.» Sie überlebte – und engagiert sich jetzt für eine Gruppe von Menschen, die in diesem Krieg fast vergessen wird.
Der Winter ist vorbei in der Ukraine. Eva, wie sie hier alle nur nennen, ist zurück in der Zentralukraine. Vier Jahre Krieg haben die Schweizerin abgehärtet. «Ich weiss gar nicht mehr, wie das Leben vor dem Krieg war. Ich versuche einfach, jeden Tag so intensiv wie möglich zu leben und absolut nichts aufzuschieben. Wer weiss schon, ob ich morgen noch hier bin», erzählt sie, als wir uns in der Stadt Pawlograd vor einem alten Schulhaus treffen.
Hier betreibt Evas Organisation Angels of Salvation (Engel der Erlösung) zusammen mit mehreren anderen Hilfswerken eines der grössten Flüchtlingsauffangzentren der Ukraine. Fast 600 Mitarbeitende hat Evas Team. Mehr als 41'000 Tonnen Hilfsgüter haben sie seit Kriegsbeginn in die Frontgebiete gebracht, insgesamt 47'661 Menschen aus angegriffenen Dörfern evakuiert. Die Organisation ist als eines der 20 wichtigsten Hilfswerke der Ukraine anerkannt. Eva hätte Grund, stolz zu sein. Doch dafür bleibt kaum Zeit.
Hier landen die Ärmsten der Armen
In der ehemaligen Turnhalle des Schulhauses in Pawlograd herrscht Hochbetrieb. Evas Mitarbeitende registrieren die traumatisierten Ankömmlinge, die von ihren Chauffeuren jeden Tag aus den Frontdörfern evakuiert und hierher gebracht werden. Die einstigen Schulzimmer sind voll mit Hilfsmaterialien und Feldbetten, auf denen geschwächte Menschen liegen. Schummriges Licht, leere Blicke, abgeklebte Fenster, damit das Glas bei einem nahen Bombeneinschlag nicht gefährlich zersplittert.
In den Gängen sitzen Vertriebene, auf ihrem Schoss ihr ganzes Hab und Gut, das sie aus ihrem alten Leben mit ins Ungewisse nehmen. Oft nicht mehr als ein Plastiksack. «Hier sitzen die Ärmsten der Armen», sagt Eva. «Jene, die bis zu allerletzt dem Horror an der Front trotzen, weil sie schlicht nicht wissen, wohin sie sonst gehen sollen.»
Evgeny (76) zum Beispiel, der den konstanten Attacken auf sein Heimatdorf Druschkiwka einfach nicht mehr aushielt. «Jede Minute haben sie geschossen. Ich hatte kalt. Ich möchte einfach noch ein, zwei Jahre in Ruhe leben können», erzählt der Mann mit den haarigen Ohren und den klobigen Arbeiterhänden.
Oder Natasha (37), vierfache Mutter, zweifache Grossmutter, die mit ihren drei jüngeren Töchtern den Donbass verliess, nachdem ihr Haus zum zweiten Mal kaputtgebombt wurde. «Wir wissen nicht, wohin. In der Westukraine mögen sie uns Donbass-Menschen nicht. Wir sind einfach nur müde», sagt die hagere Frau.
Oder Niolaj (56), der als Soldat in der sowjetischen Armee einst in Afghanistan diente und heute von ebendieser Armee aus seinem Heimatdorf vertrieben wurde. Seine Augen sind aufgerissen, seine Tattoos verblasst, sein Fazit düster: «Wir leben nicht mehr, wir existieren nur noch. Ich habe meinen Respekt für die Russen verloren.»
Eva schockiert mit Ambulanz-Vergleich
Eva kennt diese Geschichten. Seit Jahren hört sie sie sich täglich an. Sie hilft, sie organisiert, sie versucht, dem Schrecken mit allem, was sie hat, entgegenzuwirken – auch mit ihrem Auftritt: akkurat geschminkt, Stöckelschuhe, edles Foulard. «Von den Russen lasse ich mir die Freude am Leben nicht nehmen», sagt Eva.
Ihre Familie in Wädenswil ZH und ihre Freunde in der Schweiz fragen sie immer wieder, wie sie das alles aushalte, wie sie damit umgehe, wenn rund um sie herum wieder Drohnen einschlagen und Bomben fallen. «Ich vergleiche das dann immer mit den Sirenen der Ambulanzen in der Schweiz. Wenn man die Sirenen hört, weiss man: Jemandem ist etwas Schlimmes passiert. Deswegen ist das noch kein Grund, selbst in Panik zu geraten. Und genau so ist das in der Ukraine mit den Explosionen: Es knallt, man weiss, ok, irgendjemanden hats getroffen, aber mich nicht. Also macht man weiter.»
So perfide das tönt: Mit dieser Einstellung begegnen viele Menschen in der Ukraine dem Krieg nach Jahren des andauernden Horrors. «Fifty-fifty», ist die Antwort, die man bekommt, wenn man irgendjemanden fragt, ob das gefährlich werde, was man jetzt gerade macht. Überleben wir die Reise in dieses Front-Dorf? «Fifty-fifty.» Ist es nicht gefährlich, so schnell auf dieser eisigen Strasse zu fahren? «Fifty-fifty.» Gewinnt ihr diesen Krieg? «Fifty-fifty.»
Papagei im Flüchtlingslager
Prognosen nützen nichts. Was zählt, ist einzig das Jetzt. Das weiss auch Eva. Und das wissen ihre Mitarbeitenden, die allzu oft selbst aus den am schlimmsten getroffenen Gebieten geflohen sind. Zum Beispiel Tatjana (49), die vor dem Krieg in einem Bergwerk im Donbass geschuftet hat und heute hier in Evas Flüchtlingszentrum als Sozialarbeiterin mithilft. «Hass hilft niemandem. Menschen aufpäppeln und trösten schon. Also mache ich das», sagt sie.
Dabei gibt es selbst in dieser dunklen Zeit immer wieder helle Momente. Als letzthin ein alter Mann ankam, der seinen Papagei mitevakuiert hatte. Als plötzlich eine Ziege hier im Gang stand, die einer der Chauffeure von der Front rettete. Oder als eine 97-jährige Gerettete den Mitarbeitenden hier resolut erklärte: «Ich sterbe erst, wenn dieser Krieg vorbei ist!»
Und Eva? Sie verbringt die Ostertage in der Schweiz. Mindestens einmal im Jahr gönnt sie sich und ihrer Familie eine kurze Auszeit fernab des Kriegs: auftanken, ausruhen, abschalten. Das braucht sie, die mutigste Frau der Schweiz, um bald wieder in den Krieg zurückzukehren und dem Horror ein kleines bisschen Hoffnung entgegenzustellen.