Darum gehts
Die Zusammenfassung von Blick+-Artikeln ist unseren Nutzern mit Abo vorbehalten. Melde dich bitte an, falls du ein Abo hast.
Nach Monaten relativer Ruhe braut sich im Nahen Osten wieder ein grosser Sturm zusammen. Bei einem Wahlkampfauftritt kündigte Donald Trump (80) unverhohlen an: «Vielleicht machen wir noch eine kleine Epic Fury.» Der Begriff – wörtlich «gewaltiger Zorn» – ist der operative Codename für die gemeinsamen Militärschläge der USA und Israels gegen den Iran.
Tatsächlich warnen Militärexperten vor einer erneuten Eskalation an der strategisch bedeutsamen Strasse von Hormus. Dass die Bomber der Amerikaner und Israelis derzeit noch am Boden bleiben, verdankt Teheran vor allem zwei entscheidenden Terminen.
Zwar wurde die Waffenruhe vom 8. April nie vollständig eingehalten, doch die direkte Konfrontation der USA und Israels mit dem Iran war seither spürbar abgeflacht. Grosse Schläge blieben zuletzt aus, die Auseinandersetzung beschränkte sich im Wesentlichen auf Nadelstiche und Zwischenfälle rund um die Handelsschifffahrt am Nadelöhr Hormus.
Beide Seiten halten den Ball im Moment flach. Diplomatischer Hoffnungsträger im Hintergrund ist J. D. Vance (42). Der US-Vize wandte sich in einem Schreiben an Mohsen Rezai (72), den Generalsekretär des iranischen Nationalen Sicherheitsrats, um Verhandlungsoptionen auszuloten. Zeitgleich drängen internationale Vermittler Teheran dazu, den Uno-Inspektoren wieder Zugang zu den bombardierten Atomanlagen zu gewähren.
Vor den Midterms geht nichts
Gross ist die Zuversicht auf Entspannung jedoch nicht. Im Gegenteil. Dass Washington den Marschbefehl noch zurückhält, liegt primär am US-Wahlkalender. Am kommenden Dienstag stehen die Midterms an – und die Republikaner bangen um ihre Mehrheiten im Repräsentantenhaus und Senat.
Ein neuer US-Angriff würde unweigerlich massive iranische Vergeltung nach sich ziehen: Drohnenschwärme, Raketenbeschuss auf US-Basen und verschärfte Seeblockaden. Ein solcher Schock an den Rohölmärkten und explodierende Benzinpreise an den heimischen Zapfsäulen wären für Trumps Partei im Wahlkampf pures Gift. Trump taktiert vorerst aus Selbsterhaltungstrieb.
Auch Israel wartet ab
Der zweite Grund für das Abwarten liegt in Jerusalem: Nach den Parlamentswahlen vom Dienstag dürften noch rund zehn Tage vergehen, bis feststeht, wer mit der Regierungsbildung betraut wird. Für Ministerpräsident Benjamin Netanyahu (77) stehen die Vorzeichen günstig: Sein Lager sicherte sich in der 120 Sitze zählenden Knesset fünf Mandate mehr als das Bündnis um Oppositionsführer Gadi Eizenkot (66).
Gelingt es Netanyahu, seine Machtbasis erneut zu zementieren, wird er das als Blankoscheck für seinen harten Kurs verbuchen. Seine Kernziele bleiben unverändert: die vollständige Zerstörung des iranischen Atomprogramms und der Sturz des Mullah-Regimes.
Experte warnt vor Schlägen gegen Europa
Sollte der Konflikt wieder aufflammen, droht er den Nahen Osten geografisch zu sprengen. Farzin Nadimi, Sicherheitsexperte am Washington Institute for Near East Policy, warnt auf CNN vor einer Ausweitung bis nach Europa: Setzt Teheran reichweitenstarke Langstreckenwaffen ein, könnten auch US-Stützpunkte in Grossbritannien oder der US-Militärflughafen Ramstein im deutschen Rheinland-Pfalz – 200 Kilometer von der Schweizer Grenze entfernt – ins Visier geraten.
Sobald das Wahlergebnis in den USA feststeht und die Koalitionsfrage in Israel geklärt ist, öffnet sich das eigentliche Krisenfenster. Blockiert Teheran die amerikanischen Garantieforderungen zur Urananreicherung, gerät Trump in Zugzwang: Wer monatelang mit totaler Vernichtung droht, muss irgendwann handeln, um glaubwürdig zu bleiben.
Die grosse Eskalation steht nicht heute oder morgen bevor. Aber bald. Denn die Zündschnur brennt bereits lichterloh.