«Frau gegen Blau» holt auf – ein Prozentpunkt vor AfD
Um zu siegen, greift die SPD-Frau in die Trickkiste der AfD

Krebserkrankung, Nord-Stream-Affäre, politische Absturzgefahr: Manuela Schwesig (52) hat schon einige Krisen überstanden. Nun könnte ausgerechnet sie zur Hoffnung der deutschen Sozialdemokraten werden – und der SPD zeigen, wie man die AfD im Osten schlägt.
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Manuela Schwesig galt politisch schon als schwer angeschlagen – nun könnte ausgerechnet sie der AfD den sicher geglaubten Wahlsieg noch entreissen.
Foto: IMAGO/Wolfgang Maria Weber

Darum gehts

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Chiara SchlenzAusland-Redaktorin

Wenige Tage vor der Wahl passiert in Mecklenburg-Vorpommern etwas, womit vor wenigen Monaten kaum jemand gerechnet hätte: Die SPD zieht in Umfragen an der AfD vorbei. 37 zu 36 Prozent. Aus einem scheinbar sicheren AfD-Sieg ist plötzlich ein Kopf-an-Kopf-Rennen geworden.

Die Überraschung hat vor allem einen Namen: Manuela Schwesig (52) von der SPD. Könnten die Menschen ihre Ministerpräsidentin direkt wählen, käme sie auf satte 61 Prozent, AfD-Herausforderer Leif-Erik Holm (56) nur auf 30. Das zeigen aktuelle Insa-Umfragen. Ausgerechnet eine Politikerin, deren Karriere schon mehrfach vor dem Aus stand, könnte damit schaffen, woran die CDU in Sachsen-Anhalt krachend gescheitert ist: die AfD kurz vor dem Wahlsieg noch abfangen. Dafür wendet die SPD-Frau einen Trick der AfD an. 

Ihr Aufstieg beginnt unter Merkel

Schwesig ist längst ein politischer Profi. Die gebürtige Ostdeutsche steigt in der SPD schnell auf. 2013 holt Kanzlerin Angela Merkel sie als Familienministerin nach Berlin. Vier Jahre später kehrt Schwesig nach Mecklenburg-Vorpommern zurück und wird Ministerpräsidentin. 2019 der Schock: Brustkrebs. Schwesig lässt sich behandeln und absolviert ihre Chemotherapie während ihrer Amtszeit. Sie besiegt die Krankheit. Ihre grösste politische Krise folgt allerdings erst danach.

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Manuela Schwesig setzt im Wahlkampf voll auf ihre eigene Person – die angeschlagene SPD rückt in den Hintergrund.
Foto: IMAGO/Anadolu Agency

Schwesig hatte jahrelang auf gute Beziehungen zu Russland gesetzt. Noch nach der Annexion der Krim unterstützte sie die Gas-Pipeline Nord Stream 2. Besonders umstritten war eine von ihrer Regierung mitgegründete Klima- und Umweltstiftung, die auch dabei half, US-Sanktionen gegen den Pipelinebau zu umgehen.

Nach Putins Angriff auf die Ukraine geriet Schwesig deshalb massiv unter Druck und räumte schliesslich ein, mit ihrem Russland-Kurs falsch gelegen zu haben. Heute spielt die Affäre im Wahlkampf erstaunlicherweise kaum noch eine Rolle. Ihre Popularität hat die Krise jedenfalls überlebt.

Die SPD? Lieber nicht zu viel davon

Stattdessen wird die einst Angeschlagene plötzlich zur letzten grossen Hoffnung ihrer Partei. Denn eigentlich spricht wenig für einen SPD-Erfolg. Bundesweit steckt die Partei im Tief. In Mecklenburg-Vorpommern dagegen hat sie ihre Umfragewerte binnen eines Jahres ungefähr verdoppelt.

Das liegt vor allem daran, dass Schwesig diesen Wahlkampf gar nicht wie einen SPD-Wahlkampf aussehen lässt. Sie macht ihn zu einer Abstimmung über sich selbst.

«Die Frau gegen Blau» steht auf ihren Plakaten. Teilweise fehlt sogar das SPD-Logo. Auf Social Media bäckt Schwesig Brötchen, grilliert im Hoodie oder sitzt mit älteren Frauen auf der Parkbank. Sie tourt durch die Dörfer und spricht über Benzinpreise, Renten und Kitas. Dahinter steckt eine klare Strategie: Schwesig macht sich selbst zur Marke – und Berlin zum Gegner. Diesen Trick hatte die AfD bei ihrem Erfolg in Sachsen-Anhalt schon genutzt.

Auch stellt sie sich gegen die Bundespolitik von Merz. Das kommt im Nordosten gut an. Schwesig verbindet diese Themen zudem mit ihrer eigenen Geschichte: Ihr Vater verlor nach der Wende seinen Job und schlug sich danach mit schlechter bezahlten Stellen durch. Damit gelingt ihr etwas, woran andere SPD-Politiker scheitern: Sie koppelt sich von ihrer schwachen Bundespartei ab. Nicht die SPD soll diese Wahl gewinnen. Manuela Schwesig soll es.

Aus einer Wahl macht sie ein Duell

Seit dem AfD-Sieg in Sachsen-Anhalt treibt sie diese Strategie auf die Spitze. Die Botschaft lautet: Wer eine AfD-Regierung verhindern will, muss Schwesig wählen. Selbst ein Linken-Kandidat zog seine Direktkandidatur zurück und rief seine Anhänger dazu auf, Schwesig die Erststimme zu geben.

Gleichzeitig attackiert sie AfD-Mann Leif-Erik Holm frontal. Sie wirft ihm vor, das Land schlechtzureden und sich nicht ausreichend von Extremisten abzugrenzen. Schwesig profitiert auch davon, dass Holm deutlich weniger bekannt ist und weniger Zugkraft entwickelt als AfD-Wahlsieger Ulrich Siegmund (35) in Sachsen-Anhalt.

Genau darin liegt das grosse Defizit der Union: Hüben wie drüben fehlte ihr eine populäre Persönlichkeit, die die Unzufriedenheit mit Berlin überstrahlen konnte. Sachsen-Anhalt hatte Siegmund. Mecklenburg-Vorpommern hat Schwesig.

Jetzt geht es um mehr als Mecklenburg

Noch hat Schwesig nichts gewonnen. Ein Prozentpunkt Vorsprung in einer Umfrage ist hauchdünn. Die AfD kann am Sonntag weiterhin stärkste Kraft werden. Doch Schwesig hat aus einer fast verlorenen Wahl wieder ein Duell gemacht. Gewinnt sie es, wäre das nicht nur ihr persönliches Comeback. Sie würde der angeschlagenen SPD zeigen, wie sich die AfD im Osten noch schlagen lässt: mit Distanz zu Berlin, maximaler Personalisierung und einer Kandidatin, die stärker ist als ihre Partei.

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