Darum gehts
- Russische Agentur Ria Novosti veröffentlichte und löschte Artikel über Litauen-Angriff
- Artikel drohte mit Nuklearwaffen wegen angeblicher westlicher Provokationen in Litauen
- Putin dementiert Kriegspläne, Artikel widerspreche offizieller russischer Politik
Ein Kommentar auf der Website der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Ria Novosti hat für grosse Aufregung gesorgt. Die Agentur veröffentlichte am Freitag den Beitrag eines kremlnahen Autors, in dem offen eine neue «militärische Spezialoperation» angekündigt wird. Das angebliche nächste Ziel Moskaus: der baltische Nato-Staat Litauen. Kurz nach der Publikation wurde der Beitrag wieder gelöscht. War es ein Versehen – oder eine gezielte Drohung? Die wichtigsten Fragen.
Was wurde in dem Artikel genau behauptet?
Der Beitrag zeichnet ein extremes Szenario. Der Autor schwärmt von einer «blitzschnellen Lösung», bei der Russland aufgrund angeblicher atomarer Drohungen des Westens nicht einmal Bodentruppen einsetzen müsse. Stattdessen wird unverhohlen mit dem Einsatz von Raketen mit Nuklearsprengköpfen gedroht.
Hintergrund für den Vorstoss sei eine politische Debatte im litauischen Parlament über die Verstärkung der Nato-Ostflanke. Im Text hiess es: Europäische Länder würden «auf die Verlegung nicht-konventioneller Waffensysteme an Russlands Grenzen drängen» und der baltische Staat sei bereit, «zu einem Atomlager zu werden». Tatsächlich besitzt Litauen keine Atomwaffen und plant auch keine Anschaffung.
Warum wurde der Beitrag gelöscht?
Ria Novosti meldete sich nach wenigen Stunden selbst zu Wort. Der Artikel würde nicht «der Meinung der Redaktion, der redaktionellen Politik und der staatlichen Politik der Russischen Föderation» entsprechen.
Es ist unklar, ob es sich bei der Veröffentlichung um ein Versehen oder eine gezielte Provokation handelt. Beides ist denkbar. Hinzu kommt: Einen ähnlichen Fall gab es schon einmal. Zu Beginn der Invasion in die Ukraine im Februar 2022 veröffentlichte Ria Novosti versehentlich einen vorgefertigten Siegesartikel, der fälschlicherweise vom sofortigen Kollaps der Ukraine und der «Lösung der ukrainischen Frage» ausging.
Wie reagierte der Kreml – was sagt Wladimir Putin dazu?
Wladimir Putin (73) selbst hat sich am Freitag ebenfalls zu Gerüchten über Angriffe auf Europa geäussert. Er sagte, dass sich Russland «nicht auf irgendeine Art von Kampf mit Europa» vorbereite. Putin bestreitet Angriffsabsichten auf westliche Staaten regelmässig.
In Bezug auf das Baltikum behauptete Putin: «Wir wissen, dass die Rechte der russischsprachigen Bevölkerung in den baltischen Staaten verletzt werden. Aber wir wissen bereits, wie wir darauf reagieren müssen, und haben hierfür einen bestimmten Ansatz entwickelt. Wir reagieren im Rahmen des Völkerrechts», sagte der russische Staatschef.
Warum ist ausgerechnet Litauen so brisant?
Litauen ist seit 2004 Nato-Mitglied und liegt an der strategisch sensiblen Suwalki-Lücke – dem Korridor zwischen der russischen Exklave Kaliningrad und dem Verbündeten Belarus. Ein Angriff auf Litauen würde automatisch den Bündnisfall nach Artikel 5 auslösen und die Allianz möglicherweise direkt in einen Krieg mit Russland ziehen.