Angst vor China und Russland
Warum die US-Hightech-Armee gar nicht so super ist

Die USA beissen sich am iranischen Militär die Zähne aus. Es wurde viel Pulver verschossen, ein Munitionsmangel droht. US-Politiker schlagen Alarm und fordern eine Neuausrichtung der Armee. Experten sagen, woran es der Supermacht fehlt.
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Besucher auf dem Flugzeugträger USS Nimitz: Die USA gelten nach wie vor als stärkste Militärmacht der Welt.
Foto: IMAGO/ZUMA Press Wire

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • US-Armee kämpft seit zehn Wochen gegen den Iran
  • Ted Lieu warnt vor Munitionsmangel und fordert neue Verteidigungsstrategie
  • Experten kritisieren das mangelnde Durchhaltevermögen der US-Armee
Guido Felder
Guido FelderAusland-Redaktor

Die Operation «Epic Fury» gegen den Iran ist für die US-Streitkräfte keineswegs der Spaziergang, den sich Präsident Donald Trump (79) vorgestellt hatte. Trotz massiver Bombardements leisten iranische Einheiten aus versteckten Stellungen Widerstand und fügen den Amerikanern empfindliche Treffer zu. Das Image der unantastbaren Supermacht hat tiefe Risse bekommen.

Selbst die Amerikaner sind von der eigenen Schlagkraft nicht mehr überzeugt. Der demokratische Abgeordnete Ted Lieu (57) fordert eine neue Verteidigungsstrategie: «Wenn der Iran – eine zweitrangige Armee – US-Basen erheblich beschädigen kann, bedeutet das, dass China oder Russland unsere Überseebasen vernichten können.» Die US-Armee muss sich neu erfinden – und hat bereits damit begonnen.

Es ist unbestritten: Die USA haben nach wie vor die stärkste Armee der Welt. Aber Ted Lieus Forderungen sind nicht aus der Luft gegriffen. Der Iran-Krieg ist ein richtiger Munitionsfresser. Das Center for Strategic and International Studies (CSIS) schätzt, dass die USA bei einzelnen Munitionsarten über die Hälfte des Bestands verschossen haben.

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Das 2,6 Milliarden Dollar teure Jagd-U-Boot USS Idaho wurde im April in Dienst gestellt.
Foto: media.defense.gov

US-Basen beschädigt

Auch ist die Mehrheit der US-Militärstützpunkte im Nahen Osten beschädigt worden. Unter anderem wurde eine wichtige Radaranlage für die Luftabwehr getroffen. Der Schaden allein an dieser Anlage beläuft sich auf 1,2 Milliarden Dollar. Besonders gross aber ist die Schmach: Die Iraner haben bewiesen, dass die Supermacht USA verwundbar ist.

Ebenfalls haben die grosszügigen Lieferungen an die Ukraine unter der Biden-Regierung wichtige Bestände, etwa bei der Flug- und der Panzerabwehr, massiv reduziert. So soll der Bestand der Patriot-Raketenabwehrsysteme laut dem britischen «Guardian» auf ein Viertel geschrumpft sein. Bis die aktuellen Verluste industriell wettgemacht sind, vergehen je nach Waffensystem ein bis vier Jahre.

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USA auf Platz 1:Das sind die stärksten Armeen der Welt

Droht Krieg gegen China?

Das CSIS sieht das Hauptrisiko für die USA nicht im aktuellen Iran-Einsatz, sondern in möglichen neuen Konflikten mit Russland und vor allem mit China. Streitpunkte sind nicht nur Taiwan und die Vorherrschaft im Indopazifik. Peking ist darüber verärgert, dass die USA mit dem Iran und Venezuela seine Verbündeten und Öl-Lieferanten angegriffen haben.

Eine Anpassung der Verteidigungsstrategie, wie es Lieu fordert, macht daher Sinn. Bereits wurde die Artillerieproduktion verdreifacht.

Aber nicht nur die fehlende Munition ist ein Problem. Die US-Armee scheint auf einen modernen Drohnenkrieg schlicht nicht vorbereitet. Darum setzt sie auf billige Drohnen und einfache Abfangsysteme. Das neue Ziel ist eine Drohnenstrategie mit Tausenden Billig-Drohnen. Hier haben die Amis bereits massiv investiert: Das Pilotprogramm «SkyFoundry» soll eine dezentrale Drohnenproduktion ermöglichen. 

Neben der Entwicklung von Hightech-Waffen müssen die USA laut Marcel Berni, Strategieexperte an der ETH-Militärakademie, generell vermehrt in Ausdauer und die Sicherung von Lieferketten investieren. Ein Vorteil wäre zudem die Verteilung der Stärke: Nebst den bekannten grossen Basen braucht es mehr mobile Systeme, die schwer zu orten und anzugreifen sind. Auch hier ist die US-Armee bereits aktiv geworden – weg von den grossen Militärbasen, die sich immer wieder als verwundbar erwiesen haben.

Keine unangefochtene Übermacht mehr

Philipp Adorf, USA-Experte an der Universität Bonn, sieht bei der US-Armee grossen Modernisierungsbedarf. Laut Adorf warnen kritische Stimmen im Kongress und Pentagon seit Jahren, dass die amerikanische Rüstungsindustrie nur begrenzt auf einen langen Grossmachtkrieg vorbereitet sei. Adorf: «Genaue Bestände sind geheim. Es spricht aber vieles dafür, dass die USA eher auf kurze, intensive Militäroperationen als auf langwierige Abnützungskriege ausgelegt sind.»

Adorf bilanziert: «Die Zeit der nahezu unangefochtenen amerikanischen Übermacht scheint vorbei zu sein. Künftig dürfte Durchhaltefähigkeit wichtiger werden als reine Hightech-Überlegenheit.»

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