Darum gehts
- Ein Student aus China steht wegen versuchten Mordes in Zürich vor Gericht
- Er nutzte ChatGPT zur Planung und griff 2024 drei Kinder mit Messer an
- Staatsanwaltschaft fordert 15 Jahre Haft, Prozess beginnt am 17. September
Es geschieht an einem Dienstagnachmittag im Herbst. Kinder sind auf dem Weg zu ihrem Kinderhort in Zürich-Oerlikon. Sie gehen diesen Weg regelmässig. Eine Hort-Betreuerin begleitet sie.
Normalerweise hört man die Kinder schon von weitem. Sie singen, wenn sie vorbeilaufen. Doch an diesem 1. Oktober 2024 ist es anders. Plötzlich sind da Schreie. Hilferufe. Ein junger Mann mit einem Messer. Und kleine Kinder mit Stichwunden.
Die Polizei nimmt den chinesischen Studenten Han L.* (24) noch am Tatort fest. Jetzt, fast zwei Jahre später, steht er in Zürich vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm mehrfachen versuchten Mord vor. Die Tat soll von langer Hand geplant gewesen sein. Das zeigt die Anklageschrift, die Blick vorliegt.
Er kam zum Studium in die Schweiz
Han L. stammt aus Chengdu, einer Millionenstadt im Südwesten Chinas. 2023 kommt er in die Schweiz, um an der Universität Zürich seinen Master zu machen. Seine Nachbarn beschreiben ihn als ruhig und zurückgezogen.
Einer von ihnen erzählte Blick damals: «Das einzige Lebenszeichen, das ich aus seiner Wohnung vernehmen konnte, war der exotische Duft, wenn er kochte.»
Doch laut Anklage ist Han L. unglücklich in der Schweiz. Er fühlt sich nicht respektiert. Spätestens Anfang August 2024 fasst er den Entschluss, einen Menschen zu töten.
Mit ChatGPT diskutiert
Am 8. August 2024 fragt er die künstliche Intelligenz ChatGPT nach den «juristischen Konsequenzen verschiedener Tatvarianten der Tötung von Zufallsopfern durch Erstechen». Das schreibt die Staatsanwaltschaft. Er habe sich dann entschieden, Kinder zu erstechen.
In den folgenden Wochen bestellt er laut Anklage Kleidung für die Tat und ein Set mit vier unterschiedlich grossen Küchenmessern.
Dann öffnet er erneut ChatGPT. Am 18. September fragt er die Software, wo und wann er in der Stadt Zürich Kinder antreffen könne.
Wirre Posts auf Instagram
Die Staatsanwaltschaft schreibt weiter: «Am 28. September studierte er im Hinblick auf deren Tötung über ‹Google› und ‹ChatGPT› anatomische Darstellungen des menschlichen Kopfes, Halses und Oberkörpers sowie der Blutgefässe.»
Am 30. September, dem Tag vor der Tat, kauft Han L. Rindfleisch. Laut Anklage, um daran Messerstiche und Schnitte zu üben.
Auch das Datum soll kein Zufall sein. Han L. wählt laut Staatsanwaltschaft bewusst den 1. Oktober. Es ist der chinesische Nationalfeiertag. Am Mittag veröffentlicht er auf Instagram chinesisch-patriotische Inhalte. Unter anderem gegen die Unabhängigkeit Taiwans. Zudem soll er sich abwertend über eine frühere Freundin aus China geäussert haben.
Bub (5) am Herzen verletzt
Danach verlässt er laut Anklage mit zwei Messern seine Wohnung.
Am Berninaplatz holt er eine Gruppe Kindergartenkinder ein. Mit einer 8,5 Zentimeter langen Klinge sticht er mehrfach auf die Kinder ein, die sich in seiner Reichweite befinden.
Die Betreuerin greift ein. Sie hält ihn fest. Han L. gibt auf.
Drei fünfjährige Buben sind verletzt. Einer erleidet Verletzungen am Schlüsselbein, am Hals und an der Schulter. Er muss notoperiert werden. Einen zweiten Buben soll Han L. zweimal in die Brust gestochen haben. Einer der Stiche trifft das Herz. Der Fünfjährige überlebt nur knapp. Der dritte Bub wird am Ohr und an der Lunge verletzt.
«Blosse Rachsucht»
Nach seiner Festnahme zeigt sich Han L. geständig. Seit April 2025 befindet er sich im vorzeitigen Strafvollzug in der Justizvollzugsanstalt Pöschwies.
Die Staatsanwaltschaft zeichnet in ihrer Anklage das Bild eines Mannes, der aus «blosser Rachsucht, Geltungsdrang und ideologischer Verblendung» gehandelt habe. Sie fordert eine Freiheitsstrafe von 15 Jahren sowie eine ambulante Behandlung. Zudem soll Han L. für 15 Jahre des Landes verwiesen werden.
Han L.s Verteidiger äussert sich auf Anfrage von Blick zurzeit nicht. Es gilt die Unschuldsvermutung.
Die Verhandlung findet am Donnerstag, 17. September, vor dem Bezirksgericht Zürich statt. Blick verfolgt den Prozess vor Ort und berichtet im Liveticker.
* Name geändert