Darum gehts
Thomas Schinecker ist der Mann der Rekorde. Bei der Genomsequenzierung hat er die Nase vorn, auch bei Reingewinn und Dividende zeigt er allen den Meister. Selbst beim Steuerzahlen ist er vorneweg: Für 2025 lieferte seine Roche dem Fiskus exakt 3,2 Milliarden Franken an Gewinnsteuern ab, und zwar weltweit. Ein Plus von 600 Millionen zum Vorjahr. Eine Höchstmarke auch hier: Noch nie hat ein Schweizer Unternehmen so viel Steuern gezahlt wie die Basler Pharmafirma. Schinecker, promovierter Molekularbiologe, gebührt der Titel «Steuerkönig der Schweiz 2026».
Hinter ihm folgt Nestlé-Chef Philipp Navratil, dessen Firma 2200 Millionen an den Fiskus überwies, knapp dahinter ist Novartis mit 1908 Millionen. Dass die Steuerämter von diesem Trio derart beglückt werden, ist primär dem starken Geschäftsgang geschuldet. Mehr Reingewinn – mehr Steuern, lautet die erste Faustregel im Steuer-Einmaleins.
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Die Grossen alimentieren auch den hiesigen Fiskus, und das nicht zu knapp. Roche zahlt in der Schweiz 1,29 Milliarden, Nestlé 875 Millionen und Novartis 765 Millionen – zusammen sind es knapp 3 Milliarden Franken. Massgeblich für die Bemessung ist neben dem Steuersatz auch der Fussabdruck im Domizilland Schweiz – Büros, Forschung und Produktion sind Argumente, um den Steuerobolus hierzulande zu halten. Roche bringt es auf 15'000 Mitarbeitende und hat Betriebsstätten in Basel-Stadt, Kaiseraugst AG, Rotkreuz ZG und Schlieren ZH. All diese Gemeinden kommen bei der Steuerausscheidung in den Genuss von Millionen.
Basel-Stadt profitiert besonders von Steuermillionen
Das Steuer-Ranking der Handelszeitung existiert seit zehn Jahren und basiert auf den Ertragssteuern («income tax»), Informationen von Firmen und Jahresvergleichen. Untersucht werden fünfzig Firmen mit Hauptsitz in der Schweiz, von ABB über On bis ZKB; nicht erfasst sind jene Schweizer Konzerne, die privat gehalten sind, etwa die Reederei MSC in Genf, der Verpackungskonzern Tetra Pak in Pully VD sowie die Autohändler Amag in Cham ZG und Emil Frey in Zürich. Sie publizieren bestenfalls den Umsatz und die Mitarbeiterzahl, nie Gewinnzahlen und Steuersätze. Aber es sind mit Sicherheit Hunderte von Millionen, die sie jährlich allein in der Schweiz abdrücken. Die Steuern der grossen Schweizer Firmen leisten einen stattlichen Beitrag an die Haushalte von Bund, Kanton und Gemeinden.
In Basel-Stadt ganz besonders: Roche, Novartis, Syngenta, Sandoz und Lonza bestreiten dort den Grossteil der Unternehmenssteuern von insgesamt 864 Millionen Franken. Diese Summe deckt fast einen Drittel der Fiskalerträge des Kantons ab. Auch das ist eine Faustregel: Die Grossen lassen die Kasse des Fiskus klimpern, die Hunderttausenden von Kleinfirmen dagegen tragen kaum zum Steueraufkommen bei – weil ihre Gewinnkraft zu bescheiden ausfällt. Die Schweiz, das Land der KMU, wird massgeblich von vermögenden Privatpersonen und Grosskonzernen alimentiert.
Hinter den drei Industriegiganten folgt im Ranking mit der Zurich die erste Finanzplatzvertreterin, und zwar mit 1,677 Milliarden Franken, davon rund 450 Millionen in der Schweiz. Ein Spitzenwert auch dieses Jahr, zu verdanken ist er Zurich-Chef Mario Greco, der den Gewinn und den Aktienkurs seit Jahren in die Höhe treibt. Und die Steuern dazu: Seit «Super Mario» im Konzern das Sagen hat, ist das Steuersubstrat um einen Drittel angeschwollen.
Die Industrie überflügelt den Finanzsektor
Das Steuer-Ranking 2026 unterstreicht die Bedeutung der hiesigen Industrie. Unter den zehn besten Steuerzahlern im Land figurieren mit Roche, Nestlé, Novartis und ABB vier Industriekolosse; sie liefern dem Staat 3,3 Milliarden an Ertragssteuern ab. Aus der Finanzbranche schaffen es dagegen nur drei Unternehmen unter die Top Ten: Zurich, UBS und Swiss Re. Sie liefern fast zwei Drittel weniger ab als die Phalanx der Industrie. Eine weitere Einsicht: Die Industrie wird unterschätzt, dabei sorgt sie für einen stabilen Zufluss in die Staatskasse. Die Abgaben aus dem Banking sind dagegen volatil.
Immerhin: Die UBS unter Sergio Ermotti gehört zu den verlässlichen Lieferanten. Seit 2015 überwies die Grossbank dem Steueramt 5,4 Milliarden Franken. Nach der Integration der Credit Suisse wird ihre Steuerlast ab 2027 wieder ansteigen, weil die Kosten sinken und der Gewinn steigen wird. Zudem übernahm die UBS die Credit Suisse in einem desolaten Zustand, mit Verlusten und Wertminderung, was ihre Steuerpflicht radikal senkte. Das wird sich in den nächsten Jahren ändern, weil eine sanierte Bank an Wert und damit an Steuern zulegen wird. Es hilft auch das Personal, denn der Bonuspool nahm letztes Jahr um 350 Millionen Franken zu. Berechnungen aus der Vergangenheit zeigen, dass ein einzelner UBS-Mitarbeiter in der Schweiz im Schnitt pro Jahr 65'000 Franken auf Einkommen und Vermögen ans Steueramt abliefert.
Letzter Gruss an die Steuerhölle Genf
Der Zuschuss freut Zürichs Finanzvorstand Daniel Leupi. Der grüne Zahlmeister hat einiges zu verkraften: Die CS, die zu besten Zeiten 300 Millionen Franken zahlte, gibt es nicht mehr. Zudem hat er den Zementkonzern Holcim verloren. Der Ausfall dieser beiden potenten Steuerzahler erklärt, weshalb Zürich 2025 in die roten Zahlen rutschte. Profiteur ist der Kanton Zug, der Hundertschaften von Firmen in seinen Bann zieht, auch Holcim. Der jüngste Fisch, den Finanzvorstand Heinz Tännler an Land gezogen hat, ist der Prüfkonzern SGS. Dieser ist aus Genf geflohen, wo er 300 Millionen Franken abdrückte und ziemlich unglücklich war. Die Stimmung ist mit dem Umzug umgeschlagen. In Zug habe man «ein kooperativeres und geschäftsfreundlicheres Umfeld» angetroffen, schreibt SGS-Präsident Calvin Grieder im Geschäftsbericht 2025. Ein letzter Gruss an die Steuerhölle Genf.
Vom kooperativen Stil Tännlers ist auch Glencore angetan, die von Baar ZG aus Rohstoffe in aller Welt verschiebt. Mit den lokalen Behörden pflegt man einen einvernehmlichen Umgang, dafür steht man im Dauerstreit mit jenen im Ausland. Die Streitsummen gehen schnell in die Milliarden. So musste Glencore kürzlich «His Majesty's Revenue and Customs» (HMRC) in London – nach jahrelangen Händeln – 1 Milliarde Dollar nachschiessen. Zur Sache geht es auch in der Demokratischen Republik Kongo, wo die Steuerbehörden zur Finanzierung des Bürgerkriegs ständig neue Steuerarten erfinden. Gestritten wird ebenso in Chile, wo der Fiskus eine Extrazahlung von 2,7 Milliarden Dollar einfordert, um die höheren Energiepreise des Staates abfedern zu können. Auch das ist eine Einsicht aus der Steuerpraxis: Die Schweizer Behörden gelten als verlässlich, im Ausland herrscht oft Willkür.
Während die börsenkotierte Glencore ihre Händel im Geschäftsbericht akribisch auflistet, setzen andere Rohstoffhändler auf Diskretion. Die Genfer Mercuria fuhr letztes Jahr einen Nettogewinn von 1,3 Milliarden Dollar ein und schüttete davon grosszügig Dividenden aus. Beim Reibach ging nur einer fast leer aus – das Steueramt. Offiziell ist das nicht, aber gemäss Bloomberg erhielt der Fiskus gerade mal 1 Million Dollar, was einem Steuersatz von 0,08 Prozent entspräche. Ein Satz, der selbst in der Branche, die fürs Steueroptimieren bekannt ist, Erstaunen auslöste.
Auf Fragen reagierte die Firma nicht, doch möglicherweise erklärt die Firmenstruktur so einiges: In Genf ist der operative Firmensitz, vorgelagert sind Holdings in Zypern, auf den Bahamas und in Delaware; sie gelten allesamt als Steuerparadiese. Mercuria-Mitgründer und Grossaktionär Daniel Jaeggi gehörte zum «Team Switzerland», das Donald Trump im Oval Office die Aufwartung machte. Seine Beteiligungsgesellschaft hat er auf der britischen Kanalinsel Guernsey installiert.
Vitol dreht die Bundeskasse ins Schwarze
Transparent ist das alles nicht. Das gilt noch mehr bei Vitol, dessen Holdingsitz in Rotterdam ist. Der weltgrösste Ölhändler gilt als eine der rentabelsten Firmen weltweit, sein Reingewinn pendelt zwischen 5 und 10 Milliarden. Aus dieser Geldmaschine dürften Hunderte von Millionen in die Genfer Staatskasse fliessen, auch weil ein Teil der fünfhundert Partner ihre traumhaften Dividenden in der Rhonestadt versteuern. Der Reibach schlägt Wellen bis nach Bern: Der Bundeshaushalt von Karin Keller-Sutter schloss 2025 nicht – wie budgetiert – mit einem Verlust ab, sondern mit einem Gewinn von 300 Millionen Franken. Dank dem Nachschlag aus der Genfer Rohstoffbranche – insbesondere von Vitol.
Weniger Freude bereitet der Plattformbetreiber Transocean, der in Steinhausen ZG gemeldet ist. Die Firma geriet durch den Brand der Ölförderanlage Deepwater Horizon weltweit in die Schlagzeilen. Anschliessend schrieb sie über Jahre Milliardenverluste. Vom Debakel im Golf von Mexiko profitiert Transocean – steuertechnisch – bis heute, indem sie frühere Verluste und Wertverminderungen in Abzug bringen kann. So erhielt Transocean 2025 eine Steuergutschrift über 33 Millionen Dollar. Derlei höhere Steuerakrobatik will sich Thomas Schinecker nicht gönnen. Immerhin bleibt dem Steuerkönig 2026 ein Goodie, das sonst niemand hat: Sein Arbeitgeber zahlt ihm die private Steuerberatung, wofür ihm gemäss Finanzreport exakt 26'306 Franken zugesprochen wurden. Auch das ein Rekord.