Nach Trumps Trommelfeuer
Das steckt hinter dem Comeback von Roche und Novartis

Acht Monate nach Donald Trumps vollmundiger Kampfansage feiert Big Pharma ein Comeback, als ob es dieses Trommelfeuer nie gegeben hätte. Wie es dazu kam.
Kommentieren
1/6
Roche-CEO Thomas Schinecker …
Foto: STEFAN BOHRER

Darum gehts

Die Zusammenfassung von Blick+-Artikeln ist unseren Nutzern mit Abo vorbehalten. Melde dich bitte an, falls du ein Abo hast.
seraina_gross_handelszeitung.jpg
Seraina Gross
Handelszeitung

Den 12. Mai 2025 wird man in den Konzernzentralen von Big Pharma nicht so schnell vergessen. In gewohnt publikumswirksamer Manier setzte Donald Trump seine ausladende Unterschrift unter einen Erlass, der eine Senkung der amerikanischen Medikamentenpreise auf europäisches Niveau nach dem Most-Favored-Nations-Prinzip (MFN) versprach; ein Albtraum für eine Industrie, die sich und ihre steigenden Kosten für Innovation zum grossen Teil über den US-Markt finanziert. Als dann auch noch die Drohung kam, den Export pharmazeutischer Produkte in die USA mit Zöllen von 200 Prozent zu belegen, schien der Sturm perfekt – die Investoren wurden nervös und verkauften Pharmatitel. Ob hier eine hochprofitable Industrie vor dem Absturz stand?

Heute wissen wir: Der Crash blieb aus, acht Monate später ist der Spuk schon wieder vorbei. Stattdessen feiert Big Pharma ein Comeback, als ob es Trumps Trommelfeuer nie gegeben hätte. Die Kurse zeigen nach oben, Roche und Novartis brillieren nach der Einigung mit Trump vor Weihnachten an der Börse geradezu. Konzernchef Vas Narasimhan lässt 12 Milliarden Dollar für ein auf seltene Krankheiten spezialisiertes Start-up springen, die amerikanische Merck geht gar für 30 Milliarden Dollar auf Einkaufstour, man erwartet rege M&A-Aktivitäten für 2026. Angst vor der Zukunft sieht anders aus.

Artikel aus der «Handelszeitung»

Dieser Artikel wurde erstmals im Angebot von handelszeitung.ch veröffentlicht. Weitere spannende Artikel findest du unter www.handelszeitung.ch.

Dieser Artikel wurde erstmals im Angebot von handelszeitung.ch veröffentlicht. Weitere spannende Artikel findest du unter www.handelszeitung.ch.

Der Optimismus ist zurück – und das aus gutem Grund. Die Konzessionen, welche die Unternehmen machen mussten, um mit dem Dealkönig im Weissen Haus ins Geschäft zu kommen, hielten sich in Grenzen. Mehr noch: Mit Blick auf den Dauerärger mit den notorisch zu tiefen Medikamentenpreisen in Europa sind sie sogar ein Vorteil. Noch nie hatte die Industrie so gute Argumente, um etwa bei den deutschen oder französischen Gesundheitsbehörden auf höhere Preise zu drängen. Auch wenn die Preise in den USA erst in Zukunft wirklich sinken – wenn überhaupt.

Auf der Plattform TrumpRx.gov, auf der die US-Regierung schon bald Medikamente im Direktvertrieb zur Verfügung stellen will, inszeniert sich der Präsident im roten Ledersessel als Grandpa der Nation, der für tiefere Medikamentenpreise sorgt. Nur: Die Plattform richtet sich allein an Selbstzahler, und von denen gibt es bei Therapien, die mehrere 1000 Dollar pro Jahr kosten, auch in den USA nicht allzu viele. Gut situierte Rentner vielleicht, die nicht versichert sind. Oder Benachteiligte, deren Behandlungen von Angehörigen übernommen werden. Das Gros der Medikamente wird auch mit TrumpRx.gov weiterhin über andere Kanäle verkauft, insbesondere über die lukrativen privaten.

TrumpRx.gov ist kein Gamechanger

Die Plattform wird der Pharmaindustrie kaum wehtun. Das zeigt auch die Auswahl der Medikamente, die über die Website bezogen werden können. Umsatzrenner sucht man hier vergebens; Roche beispielsweise wird sein Influenzaportfolio über TrumpRx.gov vertreiben, insbesondere das Grippemittel Xofluza. Laut Analysten soll es 340 Millionen Dollar einspielen – das ist wenig im Vergleich zu Spitzenprodukten wie Ocrevus (gegen MS), Hemlibra (Hämophilie) und das Augenmedikament Vabysmo, die jeweils mindestens 5 Milliarden Franken Umsatz erzielen.

Novartis listet sein MS-Medikament Mayzent auf der Plattform, doch auch dieses Produkt spielt lediglich eine Nebenrolle. Da ist auch eine Preissenkung von 9987 auf 1137 Dollar verkraftbar, zumal sich die Ausgangszahl auf den Listenpreis beziehen dürfte – den wohl einzigen Preis, der im Rabattdschungel des US-Gesundheitssystems nie bezahlt wird. Enorme Rabatte gehören in den USA zum Geschäft, das gilt besonders für Medikamente, die über die staatlichen Versicherungen Medicaid und Medicare abgegeben werden.

Die Website ist nicht der Gamechanger, als den der Präsident sie verkauft, das zeigt auch ein Blick auf die Produkte der anderen Pharmaunternehmen. Pfizer lässt nicht etwa milliardenschwere Umsatzrenner wie den Blutverdünner Apixaban oder das Covid-Medikament Paxlovid über die Website laufen, sondern Nebendarsteller wie Eucrisa, eine Salbe gegen Dermatitis, und Duavee, ein Medikament zur Vorbeugung von Osteoporose nach der Menopause. Bei Sanofi geht es um Plavix, einen Blutverdünner, dessen Patent schon lange abgelaufen ist – ein Fakt, der die Preissenkung von 756 auf 16 Dollar weniger dramatisch macht. Plavix ist ein kleines, synthetisiertes Molekül, das sich einfach produzieren lässt – da wimmelt es nur so von Generika. Und bei Januvia, einem Diabetesmedikament von Merck, laufen die Patente bald aus.

Spannend an der Plattform ist das Prinzip, dass sie den Medikamentenvertrieb an den sogenannten Pharmacy Benefit Managers (PBMs) vorbeiorganisiert; es handelt sich dabei um Zwischenhändler, die sich unter anderem mit Versicherungsplänen unentbehrlich gemacht haben. Doch das kann der Pharmaindustrie nur recht sein. Denn die PBMs verdienen im Medikamentenvertrieb kräftig mit – es geht um Margen in der Grössenordnung der Pharmaindustrie –, ohne dass sie dafür wirklich einen Mehrwert schaffen. Trump und die Pharmaindustrie mögen in den vergangenen Monaten hart gefightet haben, bei den PBMs waren sie sich aber immer einig: Sie sind ein unnötiger Kostenfaktor, den es zu beseitigen gilt. Ob TrumpRx.gov allerdings der erste Schritt ist, die Zwischenhändler aus dem Medikamentenvertrieb auszuschalten, ist offen. Die Industrie ist vorsichtig. «Wir sehen grosses Potenzial im Direktvertrieb von Medikamenten», heisst es dazu bei Roche. Für eine Prognose sei es aber noch zu früh, schreibt das Unternehmen auf die Frage, welches Potenzial die Plattform berge. Fürs Erste ist TrumpRx.gov aus Sicht der Pharmaindustrie vor allem eines: ein zusätzlicher Vertriebskanal, mit dem Patienten erreicht werden, die man sonst nicht erreichen würde. Warum also nicht?

Preisvergleich ja, aber wie?

Bleibt als zweites grosses Element die MFN-Preispolitik, die für neue Medikamente gelten soll. Nur: Wie eine Preisbildung auf der Basis vergleichbarer Länder, darunter die Schweiz, funktionieren soll, wenn neue Therapien in aller Regel zuerst in den USA auf den Markt kommen und deshalb auch hier als Erstes ein Preis festgelegt wird, weiss noch niemand. «Das ist für mich ein Fragezeichen», sagt Stefan Schneider, Pharmaanalyst bei Vontobel. Aber einen Vorteil hat das MFN-Prinzip: Es ist eine Steilvorlage für die Unternehmen, um bei den europäischen Gesundheitsbehörden auf höhere Preise zu drängen. Dass sie damit erfolgreich sein können, zeigt das Beispiel des Vereinigten Königreichs. Es hat bereits angekündigt, dass es seine Medikamentenpreise anheben wird. Kein Wunder, gehört der Verweis auf die zu tiefen Medikamentenpreise in Europa zum Mantra von Pharmachefs, wenn sie auf Donald Trump angesprochen werden – auch in Basel.

Und so kommt es, dass sich die Pharmaindustrie kaum ein Jahr nach der wohl ungemütlichsten Situation ihrer Geschichte in einer Situation wiederfindet, von der andere Industrien nur träumen können: Die Preise in den USA bleiben im Wesentlichen dort, wo sie sind – oben. Der gesamte private Versicherungssektor, und dort spielt die Musik, ist von Donald Trumps Massnahmen kaum tangiert. Und Zölle gibts auch keine. TrumpRx.gov ist zwar ein Erfolg für Trump, der sich damit bei seiner Wählerschaft als Vorkämpfer für tiefere Medikamentenpreise feiern lassen kann, die Pharmaindustrie wird damit aber gut leben können. Sie bekommt einen zusätzlichen Vertriebskanal. Und vielleicht ist die Website der Schlüssel, um die ungeliebten PBMs irgendwann aus dem Vertrieb zu schubsen.

Die Konzessionen bei den staatlichen Versicherungen, die es in den Deals auch noch gibt, sind vernachlässigbar, da die Industrie hier schon heute grosse Rabatte gewähren muss und diese Kanäle schon daher die Margen drücken. Und wie neue Produkte in den USA nach dem MFN-Prinzip bepreist werden sollen, wenn sie in den Ländern, an denen sich die Preisbildung orientieren soll, noch nicht auf dem Markt sind, bleibt Trumps Geheimnis.

Gewiss: Dass man dafür Konzessionen an Trumps «America First»-Agenda und Investitionsversprechungen in Milliardenhöhe machen musste, ist unschön. Wer lässt sich schon gern bei der Investitionsplanung dreinreden. Doch da es nicht nur um Produktion, sondern vor allem auch um Investitionen in Forschung und Entwicklung geht, die man ohnehin in den USA tätigen wollte, ist auch zu verkraften. Ebenso wie die Kommunikation von Grundsteinlegungen für neue Produktionsanlagen in den USA: Trump braucht schliesslich «Wins», um seine Wähler zufriedenzustellen.

Das mag man beklagen. Aber wenn so die Innovationsmaschinen weiterlaufen, ist das am Ende ein Gewinn. Nicht nur für die Unternehmen und ihre Investoren, sondern auch für die Patienten. Denn für sie zählt nur, ob es effektive Medikamente gegen die Krankheit gibt, unter der sie leiden.

Externe Inhalte
Möchtest du diesen ergänzenden Inhalt (Tweet, Instagram etc.) sehen? Falls du damit einverstanden bist, dass Cookies gesetzt und dadurch Daten an externe Anbieter übermittelt werden, kannst du alle Cookies zulassen und externe Inhalte direkt anzeigen lassen.
Was sagst du dazu?
Liebe Leserin, Lieber Leser
Der Kommentarbereich von Blick+-Artikeln ist unseren Nutzern mit Abo vorbehalten. Melde dich bitte an, falls du ein Abo hast. Noch kein Blick+-Abo? Finde unsere Angebote hier:
Hast du bereits ein Abo?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen