Darum gehts
Showdown am Tag zwei des Vincenz-Prozesses in Zürich. Die beiden Hauptangeklagten lieferten sich bei ihrer Befragung ein indirektes Duell, bei dem Pierin Vincenz (70) nicht die beste Figur machte. Bleibt aber die Frage, ob die Strategie von Beat Stocker (66) wirklich aufgehen wird. Nämlich bis ins letzte Detail erklären zu wollen, warum die Geheimnistuerei rund um die Firmentransaktionen wirklich notwendig war.
Vincenz hat vor Obergericht eine Chance verpasst, darzulegen, warum sein Handeln keinen Konflikt mit dem Gesetz darstellen soll. Stattdessen hatte er immer wieder Erinnerungslücken offenbart, konnte – oder wollte – sich an keine Details erinnern. Was den vorsitzenden Richter Christian Prinz (54) mit der Zeit sichtlich nervte. Er hakte nach und konnte sich die eine oder andere zynische Bemerkung nicht verkneifen.
So zum Beispiel, als er auf Vincenz’ Aussage von der «Unerfahrenheit» bei der ersten Firmentransaktion Bezug nahm – eine erstaunliche Aussage für den ehemaligen Chef der Raiffeisenbank, einer der grössten Banken in der Schweiz. «Da habe ich kurz Schnappatmung bekommen», so der Richter. Die Botschaft von Prinz: So richtig glaube ich dir eigentlich nicht, ich möchte es genauer wissen.
Tinder und Bankschalter
Mehr Details? Fehlanzeige! Vincenz’ Verteidigungsstrategie: Vor allem Ex-Arbeitgeberin Raiffeisen wolle ihm übel, sagt der Skandalbanker. «Raiffeisen führt einen Prozess gegen mich, um mich fertigzumachen.» Auch Tinder als Recherchetool oder die Bildungsreise zu Bankschaltern in Australien, wie Vincenz Spesen für einen Trip nach Australien begründete, konnten das Gericht nicht überzeugen. «Wenn das Schule machen würde, würden wir bald eine Renaissance der Bankschalterhallen erleben», sagte Prinz und sorgte für Erheiterung im Gerichtssaal.
Eine Frage liess Vincenz ganz unbeantwortet: wie es ihm in den vier Jahren seit dem erstinstanzlichen Urteil ergangen ist. Gerne hätte die Öffentlichkeit erfahren, wovon Vincenz lebt und wie er den Tiefschlag nach der Verurteilung durch das Bezirksgericht Zürich verdaut hat. Doch mit dem Hinweis auf den «Schutz seines persönlichen Umfelds» verweigerte der Ex-Raiffeisen-Chef jede Aussage zu diesem Thema.
Ganz anders Beat Stocker: Trotz seiner fortgeschrittenen MS-Erkrankung wechselte der ehemalige CEO der Kreditkartenfirma Aduno (heute Viseca) vom Rollstuhl in einen der vom Gericht bereitgestellten Bürostühle. Wie um zu zeigen: Ich bin bereit, zu erklären, warum ich damals so handeln musste. Stocker sieht sich selber als «Möglichmacher», als der visionäre Dealmaker, der Geschäfte erkennt, wo andere nur Bedenken sehen. Zu diesen Bedenkenträgern zählt Stocker auch den damaligen Chef der Migros Bank, Harald Nedwed (66), mit dem er im Verwaltungsrat von Aduno sass. Ein gestandener Schweizer Wirtschaftsführer, der seine Bank zu einer festen Grösse auf dem Finanzplatz gemacht hat.
Stocker distanziert sich von Vincenz
Beat Stocker – das ist der Mann, der Probleme braucht, um zu Hochform aufzulaufen und Lösungen zu finden. Deshalb sei es manchmal nötig gewesen, Beteiligungen nicht offenzulegen. Also diese «Schattenbeteiligungen» einzugehen, die die Staatsanwaltschaft den beiden Hauptangeklagten vorwirft. Auch wenn sich Stocker diesbezüglich heute einsichtiger zeigt: «Dieser Hang zur Geheimhaltung – das ist etwas meine schwache Seite.»
War Stocker im ersten Prozess noch der «beste Verteidiger von Pierin Vincenz», so distanziert sich Stocker heute von seinem ehemaligen Geschäftspartner. Stellt ihn als den ewig klammen Banker dar: «Pierin Vincenz und ich hatten damals ein grosses Thema: Geld», so Stocker. Dieses habe Vincenz für seine Zukunft nach der Zeit als Raiffeisen-CEO gebraucht. «Erst mit dem heutigen Blick auf seine damalige Vermögenssituation verstehe ich, warum Vincenz damals immer wieder Geld brauchte.»
Das Obergericht muss die Fakten und die Rechtslage beurteilen. Ob die Aussagen der beiden Hauptangeklagten mit ihren Auftritten der Berufungsinstanz geholfen haben, ein möglicherweise milderes Urteil zu fällen, ist zumindest fraglich.