Darum gehts
Seit dem Start von Russlands völkerrechtswidrigem Krieg in der Ukraine haben Experten dem Land mehrfach einen wirtschaftlichen Einbruch vorhergesagt. Die westlichen Sanktionen setzen der russischen Wirtschaft zwar zu, doch diese zeigt sich äusserst zäh. Vier Jahre nach Kriegsausbruch zeigen sich jedoch deutliche Risse. Steht Kreml-Chef Wladimir Putin (73) bald vor gröberen Problemen?
«Die russische Wirtschaft stagniert», sagt Russland-Experte Vasily Astrov (51) zu Blick. Astrov ist Ökonom am Vienna Institute for International Economic Studies. Als Hauptgrund nennt der Experte die hohen Leitzinsen von derzeit 15,5 Prozent. Mit den Zinsen konnte Russland zwar die Inflation offiziell in den Griff bekommen. «Sie schnüren der Wirtschaft jedoch die Luft ab», so Astrov.
Zinsen setzen Privathaushalten und Unternehmen zu
Die hohen Zinsen verteuern Kredite, und die Privathaushalte sind deutlich zurückhaltender bei ihren Ausgaben. «Kredite sind für viele unerschwinglich geworden. Das wirkt sich negativ auf die Nachfrage nach langlebigen Konsumgütern, Autos und auch in der Bauwirtschaft aus», so Astrov. Der Privatkonsum wird zudem durch höhere Einkommenssteuern belastet.
Auch für die Unternehmen sind die Zinsen ein Problem. So fressen sie einen massgeblichen Teil der Gewinne weg. Verschärft wird die Situation durch eine stärkere Steuerbelastung. «Gerade für kleine und mittelgrosse Unternehmen wird die Lage zunehmend schwierig», sagt Astrov. Die Arbeitslosigkeit dürfte im laufenden Jahr jedoch nur geringfügig zunehmen. Aktuell liegt sie bei gut 2 Prozent.
Der Grund für die tiefe Arbeitslosigkeit: Russland leidet wegen der demografischen Entwicklung und der Männer, die im Krieg statt an der Arbeit sind. Ausserdem fehlt es an Fachkräften. Letzteres dürfte sich in diesem Jahr ein wenig entspannen, so Astrov.
US-Sanktionen zeigen Wirkung
Die höheren Steuereinnahmen benötigt der Kreml zur Finanzierung seines Staatshaushalts, in dem die Militärausgaben mittlerweile rund die Hälfte ausmachen. Das Land hat zum Teil auf Kriegswirtschaft umgestellt. Das für russische Verhältnisse relativ hohe Budgetdefizit liegt neben den hohen Kriegskosten auch am Rohstoffsektor, der immer weniger Geld in die Kassen spült.
Besonders die letzten US-Sanktionen gegen die zwei grössten Ölkonzerne Rosneft und Lukoil haben gemäss Astrov Spuren hinterlassen. «Russland muss sein Öl derzeit mit einem Preisabschlag von 20 Dollar und mehr pro Fass verkaufen», so der Experte. Lange Zeit hat Russland die Kriegsausgaben mit dem nationalen Wohlstandsfonds gedeckt. «Doch die liquiden Mittel im Fonds sind weitgehend ausgeschöpft.»
Staat nimmt zusätzliche Schulden auf
Damit das Loch kleiner ausfällt, hat die Regierung aufs neue Jahr hin die Mehrwertsteuer von 20 auf 22 Prozent erhöht. Zur Finanzierung des Defizits werden vor allem zusätzliche Staatsschulden aufgenommen. Da die Schuldenquote derzeit bei rund 16 Prozent des Bruttoinlandprodukts liegt, hat Russland noch genug Spielraum für eine höhere Verschuldung, so der Ökonom. «Die wirtschaftliche Lage wird Putin nicht dazu zwingen, einen Friedensvertrag zu unterzeichnen», ist er überzeugt.
Die Kriegsausgaben sind inzwischen auf über 8 Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes angewachsen. Astrov glaubt jedoch nicht, dass ein Waffenstillstand Russland die russische Wirtschaft in eine Krise stürzt. Im Gegenteil. Die Ausgaben in der Rüstungsindustrie dürften hoch bleiben, da die ausgedünnten Lagerbestände wieder aufgefüllt werden müssen.
«Zudem würde die Privatwirtschaft von einer Lockerung der Sanktionen profitieren», sagt er. Ein Frieden ist gemäss Astrov nur realistisch, wenn Putin diesen zumindest teilweise als Sieg verkaufen könne.