Viele Fragen bleiben
Hinrichtung einer Bank

Die Zürcher MBaer Merchant Bank ist verschwunden. Aber: Flossen heikle Daten von der Schweiz in die USA? Welche Rolle spielte eine amerikanische Grossbank? Und weshalb drängte die Finma auf eine Liquidation?
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Sitz der MBaer Merchant Bank in Zürich.
Foto: Getty Images

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Finma entzog MBaer die Banklizenz – ein aussergewöhnlicher Vorgang
  • Wie gelangte eine amerikanische Behörde an heikle Kundendaten?
  • Weshalb liess die Finma eine freiwillige Geschäftsaufgabe nicht zu?
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Beat SchmidWirtschaftsredaktor

Er entstammt einer der bekanntesten Bankiersdynastien der Schweiz: Michael («Mike») Bär (65) – Urenkel von Julius (Isaac) Bär, dem Gründer der gleichnamigen Zürcher Privatbankengruppe. Nachdem Michael Bär viele Jahre bei der Familienbank gearbeitet hatte, nabelte er sich ab und gründete mit 55 Jahren sein eigenes Geldhaus, die MBaer Merchant Bank. Das Unternehmen startete fulminant: Innerhalb weniger Jahre verwaltete MBaer fast fünf Milliarden Franken und erzielte enorme Margen mit den ihr anvertrauten Geldern. Jedes Mal, wenn ein Kunde einen sechsstelligen Betrag deponierte, läuteten auf den Gängen der Bank im Zürcher Engequartier Kuhglocken.

Dann, im Februar, folgte das jähe Ende. Der Wachhund des Schweizer Finanzplatzes biss zu. Die eidgenössische Finanzmarktaufsicht (Finma) entzog der Bank die Lizenz und verfügte die Liquidation. Der Entzug einer Lizenz ist das mächtigste Sanktionsmittel der Behörde; es wird fast nie angewendet. Im Jahr 2016 setzte die Finma ihre durchschlagskräftigste Waffe bei der Tessiner Bank BSI ein – aber erst, als die Übernahme durch eine andere Bank in die Wege geleitet war. Die Vorgehensweise gegen die MBaer Merchant Bank gleicht damit einer standesrechtlichen Erschiessung.

Ausländische Medien erinnerten schadenfroh an jene finsteren Zeiten, als das Bankgeheimnis zum Schweizer Bankwesen gehörte wie die Nadelstreifen auf den Anzügen der Zürcher Gnomen. Die US-Wirtschaftsagentur Bloomberg kommentierte: «Das unrühmliche Ende untergräbt die jahrelangen Bemühungen der Schweiz, ihr Finanzsystem zu bereinigen und zu zeigen, dass Zürich und Genf keine sicheren Häfen mehr für kriminelle Gelder sind.» Nichts gelernt also, liebe Schweizer!

Weshalb die Finma MBaer aufs Schafott führte, weiss nur die Behörde selbst. Fest steht: Sie hätte das Problem auch anders lösen können – weniger laut, aber mit dem gleichen Effekt. Wie Recherchen ergeben, hat MBaer im Februar die freiwillige Liquidation eingeleitet. Die ausserordentliche Generalversammlung war vorbereitet, die Pressemitteilung zur Geschäftsaufgabe bereits geschrieben. MBaer-Vertreter haben diese «Voluntary Liquidation» mit der Finma diskutiert. «Man hörte interessiert zu, aber die Behörde ging offensichtlich nicht darauf ein, wie sich zeigte», so eine informierte Quelle.

2500 Seiten Untersuchungsbericht

Bei MBaer geht man davon aus, dass die Finma schon Monate zuvor auf einen Lizenzentzug hinarbeitete. Erste Anzeichen dazu habe es im Oktober 2025 gegeben. Damals präsentierte die Finanzaufsicht MBaer-Vertretern das Ergebnis ihres aufsichtsrechtlichen Untersuchungsverfahrens. Der sogenannte Enforcement-Bericht umfasste 2500 Seiten. Die Bank nahm zu jedem einzelnen Punkt Stellung und antwortete mit einem ebenso langen Schriftsatz.

Diese Mühe – und die Kosten von drei Millionen Franken – hätte sich die Bank sparen können. Die Finma schien ihre Meinung bereits gemacht zu haben. Am 6. Februar setzte die Behörde ein Treffen an. In den Finma-Büros in Bern verkündeten Aufsichtsbeamte die härteste aller Massnahmen: Lizenzentzug, Zwangsliquidation. Dies plane die Behörde am darauffolgenden Dienstag, dem 10. Februar, bekannt zu geben. Weder Präsidentin Marlene Amstad (57) noch Direktor Stefan Walter (61) nahmen an der Sitzung teil.

Die Bank focht den Entscheid beim Bundesverwaltungsgericht an – und gewann Zeit. Dann feuerte die Finma einen weiteren Schuss ab und verfügte Geschäftseinschränkungen. Auch diesen Entscheid parierte MBaer erfolgreich vor dem Bundesverwaltungsgericht. Allerdings war dies zugleich der Zeitpunkt, an dem die Bankleitung einsehen musste, dass ein permanenter Kampf gegen den Regulator aussichtslos war. Als Notmassnahme erwog man einen Verkauf und bereitete die freiwillige Liquidation vor.

Doch dann geschah etwas, womit die Vertreter von MBaer nicht gerechnet hatten. Das US-Finanzministerium schaltete sich ein. Eine Behörde namens FinCEN (Financial Crimes Enforcement Network), von der kaum jemand auf dem Schweizer Finanzplatz je gehört hatte, veröffentlichte einen langen, vernichtenden Bericht über angeblich illegale Machenschaften von MBaer. In der Mitteilung zu dem Papier vom 26. Februar schreibt US-Finanzminister Scott Bessent (63): «MBaer hat im Auftrag illegaler Akteure mit Verbindungen zum Iran und zu Russland über hundert Millionen Dollar durch das US-Finanzsystem geschleust.»

Der Knock-out der Amerikaner

Das war der Knock-out. Als Konsequenz zog die Bank die Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht zurück. Und die Finma setzte um, was sie bereits am 6. Februar hätte verfügen wollen: die sofortige Liquidation der Bank und die Einsetzung eines Liquidators. In der Medienmitteilung vom 27. Februar schrieb die Behörde, die Bank habe nicht über ein ausreichendes Dispositiv zur Bekämpfung der Geldwäscherei verfügt und es Kundinnen und Kunden ermöglicht, behördliche Vermögenssperren zu umgehen. Der Fall wiege «ausserordentlich schwer». Die Bewilligungsvoraussetzungen seien nicht mehr erfüllt gewesen. Aus Sicht der Finma waren die systematischen Mängel «unter den gegebenen Umständen nicht korrigierbar».

Bei der Bank sieht man das anders. Zwar würde niemand aus ihrem Umfeld behaupten, dass alles perfekt war, «beileibe nicht», wie es heisst. Aber man habe im Lauf der Jahre immer wieder die Abläufe verbessert. Der externe Revisor, das Beratungsunternehmen BDO, war auch für den aufsichtsrechtlichen Prüfbericht zuhanden der Finma zuständig und führte wiederholt Audits punkto Geldwäsche durch. 

Fragen gibt es auch zur Rolle der Korrespondenzbanken, mit denen MBaer für Dollartransaktionen zusammenarbeitete und die eine Kontrollpflicht haben. Wenn die Verstösse tatsächlich so gravierend sind, wie von der FinCEN beschrieben, weshalb geht die Behörde dann nicht auch gegen diese vor? Eine der wichtigsten Partnerbanken fürs sogenannte Dollar-Clearing war die US-Grossbank J.P. Morgan.

Wie eng arbeitet die Finma mit den USA zusammen?

Für die Finma kam die Veröffentlichung der FinCEN zum richtigen Zeitpunkt. Mit der Aktion der Amerikaner wurden die Beschwerdemöglichkeiten der angeschlagenen Bank ausgehebelt. Nicht bekannt ist, ob und wie eng die beiden Behörden zusammenarbeiten und welche Daten sie allenfalls ausgetauscht haben. Die FinCEN stützt sich an mehreren Stellen im Report auf «nicht öffentliche Informationen», die sie erhalten habe. Stammen sie von der Finma? Die Behörde äussert sich nicht zu diesem Einzelfall und bestätigt lediglich, dass sie mit ausländischen Behörden, auch mit der FinCEN, zusammenarbeite. 

Ob die Vorgänge innerhalb von MBaer auch strafrechtlich relevant sind, wird sich zeigen. Bundesanwalt Stefan Blättler (67) sagte am Donnerstag: «Der Fall liegt bei uns.» Ihm seien die Vorwürfe bekannt. Noch ist kein formelles Strafverfahren eröffnet.

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