Darum gehts
Das Telefon klingelt pausenlos. «Nein, ich kann Sie leider nicht durchstellen, Ihre Ansprechpartner sind alle in Sitzungen», sagt die Empfangsdame leicht gestresst. Hinter dem Desk steht ein Töggelikasten; er soll Start-up-Atmosphäre verbreiten. Doch statt Aufbruch ist Abbruch angesagt bei der Zürcher Mbaer Merchant Bank. Ende Februar hat die Finanzmarktaufsicht (Finma) die Liquidation der noch jungen Bank angeordnet. Statt Geldwäsche zu verhindern, habe sie ihren Kunden geholfen, Vermögenssperren zu umgehen. 80 Prozent der Geschäftsbeziehungen wiesen «erhöhte Risiken» auf, schreibt die Finma in ihrem überdurchschnittlich detaillierten Communiqué. «Zuletzt stammten 98 Prozent der entgegengenommenen Vermögenswerte von Hochrisikokunden.»
Zum Knall kam es am 26. Februar, als das US-Finanzdepartement der Bank faktisch den Stecker zog. Es publizierte einen Bericht, der die Sünden der Mbaer aufzählte, und kündigte an, allen Banken Geschäfte mit der Mbaer zu verbieten. Das war das Ende einer kurzen, aufregenden Schweizer Bankengeschichte. Angetreten war Michael «Mike» Bär, Spross der Bankiersfamilie und Urenkel des Gründers der Bank Julius Bär.
Kenner der Bank meinen, dass es vor allem sein Name war, der es Mike Bär erlaubte, mit der Neugründung überhaupt so weit zu kommen. Beim Start 2018 hatte er ein Banking wie früher versprochen. Vorbild waren alte Handelsbanken wie Warburg und Rothschild. Und die Mbaer entwickelte sich tatsächlich wie eine Bank aus der Vergangenheit – aber wie eine, die es nicht mehr geben sollte. Denn laut dem US-Bericht war sie eine Bank ohne Ausschlusskriterien: Weder Geschäftsbeziehungen zu russischen Oligarchen noch Bezüge zu den iranischen Revolutionsgarden oder Korruption in Venezuela schreckten sie ab. Die Mbaer gab demnach lichtscheuer Kundschaft eine Heimstatt und belebte die schlimmsten Finanzplatzerinnerungen neu.
Dieser Artikel wurde erstmals im Angebot von handelszeitung.ch veröffentlicht. Weitere spannende Artikel findest du unter www.handelszeitung.ch.
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Mike Bär selbst sieht das ganz anders. Über seinen Sprecher lässt er ausrichten, dass die Vorwürfe im Bericht des US-Finanzministeriums «weitgehend tendenziös und über weite Strecken unrichtig sind». Was am Verdikt der Finma aber nichts ändert: Liquidation.
Neustart nach Abgang bei Julius Bär
Als Bär mit 55 Jahren seine Bank gründete, hatte er bereits ein bewegtes Leben hinter sich. Als die Bank Julius Bär noch der Familie Bär gehört hatte, war er dort bis in die Geschäftsleitung aufgestiegen und hatte zuletzt das Geschäft mit vermögenden Privatkunden verantwortet. Bis es 2005 mit seinem Cousin, Raymond Bär, der damals Verwaltungsratspräsident war, zum Zerwürfnis kam. Die beiden konnten offenbar überhaupt nicht miteinander. Raymond Bär begründete den Abgang von Mike Bär in einem Interview mit der «Finanz und Wirtschaft» mit strategischen Differenzen.
Mit dem Verkauf seiner Aktien hätte sich Mike Bär zur Ruhe setzen können. Zunächst versuchte er sich jedoch als Verwaltungsrat – zum Beispiel bis 2014 bei der Falcon Privatbank, der die Finma 2016 wegen Geldwäsche im Kontext des 1MDB-Skandals mit Lizenzentzug gedroht hatte und die ein paar Jahre später das Geschäft aufgab. Als Verwaltungsratspräsident der Citrus International stieg Bär 2012 in das Geschäft mit Orangen ein, 2017 stieg er aus. Laut dem Handelsregister ist die Gesellschaft seit vergangenem Juni in Liquidation.
Doch der Spross der Bär-Familie ist ein Marathonläufer: 2018 gründete er die Mbaer Merchant Bank. Um Verwechslungen mit Julius Bär zu verhindern, wird der Name der neuen Bank mit ae statt mit ä geschrieben. Dennoch setzte er auf die Kraft seines Namens: Laut einer Investorenpräsentation von Juni 2018 wurde allein dem Posten «Mike Bär startup, client marketing and trade mark power» ein Wert von 25 Millionen Franken zugewiesen. Im September 2018 wurde der Wert auf 10 Millionen heruntergesetzt, ohne weitere Erklärung. Zusätzlich zur Vermögensverwaltung wollte die Bank auch ins Firmenkundengeschäft einsteigen, mit 30 Millionen Franken Eigenkapital.
«Mike Bär hat von Banking keine Ahnung. Vor allem brachte er überhaupt keine Kunden», so eine Auskunftsperson, die in der Anfangsphase dabei war. Von Beginn weg war das Geschäftsmodell darauf ausgerichtet, unter anderem mit dem Zahlungsverkehr Geld zu verdienen. «Das machte meiner Meinung nach durchaus Sinn, denn die Prüfung der Zahlungen macht die meiste Arbeit», erzählt ein früherer Bankangestellter.
Dem Vernehmen nach akzeptierte die junge Bank gezielt Kunden, die man als «High Risk» bezeichnen muss. Was innerhalb der Bank nicht unumstritten gewesen sei. Doch entsprechende Bedenken seien «von der Geschäftsleitung stets übersteuert worden». Es entsteht der Eindruck, dass sich die Bank, um zu überleben, primär Kunden zuwandte, die andere Schweizer Banken nicht mehr haben wollten. «Mike Bär kann dies nicht bestätigen», sagt dazu sein Sprecher. Zudem habe Bär sehr wohl Kunden gewinnen können, «wenngleich er als CEO nicht als Kundenberater agierte». Der Sprecher räumt ein, dass der Start harzig verlaufen sei, vor allem wegen der Covid-Krise 2020. Danach habe sich das Geschäft «markant» beschleunigt.
Die Rolle von Ex-Verwaltungsrätin Evjemo-Nysveen
An der Generalversammlung 2023 lobte Bär seine junge Bank als «die am schnellsten wachsende Bank der Schweiz», wie Dokumente belegen. Die Einnahmen hätten sich auf 23 Millionen Franken verdoppelt, fast tausend Kunden habe die Bank schon und verwalte rund 3 Milliarden Franken. Und VR-Präsident Marcel Aellen kam hier explizit auf das Geschäft mit den Überweisungen zu sprechen: «Unser Transaktionsgeschäft ist massiv gewachsen, wir haben 2022 Zahlungen mit einem Volumen von 8 Milliarden Franken abgewickelt.»
Doch von wem war das Geschäft gekommen? Dem Onlineportal Moneycab hatte Bär im Mai 2022 erzählt, dass «die Mehrheit unserer Kunden Unternehmen und Privatpersonen aus der Schweiz oder mit Bezug zur Schweiz» seien. Daran hält er bis heute fest: «Der Fokus lag auf Schweizer und internationalen Kunden», so sein Sprecher. Ein Blick in den US-Bericht zeigt anderes: Auf 45 Seiten dokumentiert das Finanzministerium, wie die Bank Kunden half, unsaubere Gelder zu transferieren und Transaktionen oder Eigentümerstrukturen zu verschleiern.
Die Komplizenschaft der Bank mit ihrer Kundschaft dürfte dabei von ganz oben abgesegnet worden sein – im Fall von Geschäften im Umfeld der venezolanischen Erdölgesellschaft PDVSA, bei der es zu massiven Veruntreuungen durch Korruption gekommen war, wohl direkt im Verwaltungsrat. Denn der Komplex war eng verknüpft mit der Person von Verwaltungsrätin Siri Evjemo-Nysveen, die von 2020 bis 2023 im Mbaer-Aufsichtsgremium sass. Sie soll ihrem Mann Alessandro Bazzoni geholfen haben, Zahlungen über die Mbaer abzuwickeln, die den Zweck hatten, US-Sanktionen zu umgehen. Auch Bazzoni, der laut dem Bericht Aktionär der Mbaer war, wurde von der US-Behörde auf die Sanktionsliste gesetzt. Bereits 2023 wurden die Namen von Bazzoni und Evjemo-Nysveen in der venezolanischen Presse genannt, zusammen mit jenem von Mbaer. Worauf Evjemo-Nysveen 2023 den Verwaltungsrat verliess.
Wenig Berührungsängste hatte die Mbaer auch mit russischen Kunden, die gemäss dem US-Bericht «den grössten Teil der Assets under Management» ausmachten. Mit Verweis auf nicht öffentliche Quellen von Ende 2024 berichten die Amerikaner, die Mbaer habe diese Geschäftsbeziehungen auch aufrechterhalten, nachdem breite Sanktionen gegen Russland ausgesprochen worden seien.
Die Daten der russischen Kunden seien gar in separaten Systemen gespeichert worden – und dies ab dem Moment, als die Finma ihre Ermittlungen begonnen hatte. Der brisante Vorwurf der Amerikaner: Man gehe «davon aus, dass Mbaer […] ab Ende 2024 möglicherweise absichtlich Informationen vor seiner Aufsichtsbehörde verbirgt, um russlandbezogene Fakten über seinen Kundenstamm zu verschleiern». Explizit aufgeführt werden Geschäftsbeziehungen ins Umfeld der sanktionierten Russen Serhij Kurtschenko und Wiktor Medwedtschuk. Auch mit einem Strohmann, der für den früheren russischen Präsidenten Dmitri Medwedew agiert habe, soll die Bank Geschäftsbeziehungen gepflegt haben.
Heikle Geschäfte mit dem Iran
Zurzeit eine besondere Brisanz erhalten die Berichte über den Iran-Bezug der Mbaer. So seien Zahlungen für Kunden im Umfeld der iranischen Revolutionsgarde und der Al-Quds-Brigaden abgewickelt worden. Die beiden Organisationen gelten als Staat im Staat mit grosser Macht und wirtschaftlicher Potenz. Insgesamt seien so 37 Millionen Dollar gewaschen worden. Die Mbaer habe auch geholfen, Sanktionen im Handel mit iranischem Öl zu umgehen. 27 Millionen Franken seien an einen Kunden geflossen, der mit der iranischen Ölindustrie Geschäfte machte. Auch seien Überweisungen an eine Firma getätigt worden, die im Auftrag Irans einen Öltanker betrieb und damit Teil der iranischen Schattenflotte war. Laut Bärs Sprecher ist dieser Bericht «weitgehend unrichtig». Doch dazu, was genau falsch sein soll, macht er keine Angaben.
Unklar ist, wie und wann der Bericht der US-Behörden entstanden ist. Aber die Behörden dürften in Kontakt mit der Finma gestanden haben. Gegenüber der Handelszeitung wollte sie sich nicht zur Art der Zusammenarbeit äussern.
Die Finma hatte die Bank schon länger auf dem Radar. Spätestens ab 2024 ermittelte sie im Rahmen eines Enforcementverfahrens gegen die Bank, was damals bereits Spuren hinterliess. Etwa im Verwaltungsrat, wo Rechtsanwältin Bignia Vieli, die 2023 auf Siri Evjemo-Nysveen ins Gremium gefolgt war, dieses bereits nach anderthalb Jahren wieder verliess. Warum, will sie nicht sagen.
Ab Ende 2024 gab es prominente Veränderungen in der Geschäftsleitung. Erst verliess mit Paul von Mérey ein langjähriger Partner von Mike Bär die Bank, im Januar wurde er aus dem Handelsregister gestrichen. Zur gleichen Zeit kündigte Bär öffentlich an, sich vom Posten des Firmenchefs zurückzuziehen – angeblich, um sich stärker um die Kundschaft kümmern zu können. Und mit Compliance-Chef Frank Grundler verliess nicht nur ein weiteres langjähriges Geschäftsleitungsmitglied die Bank, sondern offenbar auch ein interner Kritiker der riskanten Geschäftspolitik. Auch GL-Mitglied Niels Hansen ging Anfang 2025.
2025 tritt auch Präsident Aellen ab
Befreiungsschläge? Zugeständnisse gegenüber der Finma? Oder Zeichen der Uneinigkeit darüber, wie es weitergehen soll? Ende November 2025 zog auch Verwaltungsratspräsident Marcel Aellen einen Schlussstrich. In seinem Rücktrittsschreiben per Ende Jahr verwies er auf die «Gespräche der letzten Tage», die ihn dazu drängten. Noch Anfang Februar 2026 trug die Bank neue Personen im Handelsregister ein: Philippe Monti als Präsident und Michèle Hess als Vize. Doch da lief bereits das Endgame. Etwa zur gleichen Zeit präsentierte die Finma der Bank die Rechnung: eine Verfügung, in der sie die Schliessung der Bank anordnete. Es folgte ein hitziges Gefecht vor dem Bundesverwaltungsgericht. Das Gericht bestätigte zwei Rekursverfahren, welche die Finma-Verfügung zuerst erfolgreich ausbremsten. Doch all das erübrigte sich, als die US-Behörden am 26. Februar ihren Bann gegen die Mbaer ankündigten. Das war das Todesurteil. Die Bank zog ihren Rekurs zurück und gab auf. Den Beschluss der Finma zur Liquidation seiner Bank bezeichnet Bärs Sprecher als «überraschend».
Seit Ende Februar hat nun Daniel Staehelin, Partner der Kanzlei Kellerhals Carrard und eine Koryphäe im Bereich Konkursrecht, das Sagen bei der Mbaer. Er wurde von der Finma als Liquidator der Bank eingesetzt. Auch für den erfahrenen Juristen ist der Fall Mbaer ungewöhnlich. «Das Problem liegt nicht darin, dass zu wenig Geld vorhanden wäre, sondern dass man nicht weiss, ob man den Kunden das Geld auszahlen darf», sagt Staehelin im Gespräch.
Bis auf Weiteres sind nur Auszahlungen bis zu 100’000 Franken möglich – und das auch nur auf Konten bei einer anderen Schweizer Bank. Jede Transaktion wird zuvor genau unter die Lupe genommen. Dazu baut Staehelin eine neue Compliance-Abteilung auf, «in der auch Mitarbeitende unserer Kanzlei tätig sind», erklärt der Liquidator. Bei jeder Zahlung wird geprüft, ob sie unter Beachtung der Geldwäscheregeln möglich ist. Im Zweifelsfall erfolgt eine Verdachtsmeldung an die Geldwäschestelle Mros. Für Anfragen bezüglich Auszahlungen seien Kunden auch schon mit Anwälten angerückt, die Anträge hätten entsprechend «unterschiedliche Tonalitäten», erzählt Staehelin.
Strafanzeigen bleiben denkbar
Sollten bei der Mbaer noch Gelder der iranischen Revolutionsgarden liegen, kann die Bank dieses Geld nicht herausrücken. Und dann? «Es besteht die Möglichkeit, dass einige Vermögenswerte nicht ausbezahlt werden können. Dann muss man eine Lösung dafür finden, was mit diesen Vermögenswerten geschehen soll», sagt Staehelin trocken.
Mike Bär und die anderen Bankverantwortlichen sind nicht aus dem Schneider: «Es ist möglich, dass ich im Zuge der Liquidation Verantwortlichkeitsklagen gegen frühere Organe prüfen muss», sagt Daniel Staehelin. Er behält sich ausserdem die Möglichkeit vor, noch Strafanzeigen einzureichen. Die Finma hat gegen vier Verantwortliche Enforcementverfahren eingeleitet. Gegen wen genau sich diese richten, ist unklar, doch dürfte Mike Bär einer der Betroffenen sein. Bärs Sprecher kommentiert das nicht. Auch der Anwalt von Co-Gründer Paul von Mérey macht dazu keine Angaben. Von Mérey ist weiter Verwaltungsrat des Liechtensteiner Vermögensverwalters Taragon Group. Laut dessen Managing Partner Wolfgang Strub gibt es keine Pläne, daran etwas zu ändern.
Mike Bär dürfte dieser Tage an die Warnung seines legendären Onkels Hans Bär gedacht haben: «Wenn du einen Brief vom Regulator bekommst, bist du gefeuert», soll ihm dieser einst gesagt haben, erzählte Mike Bär der «NZZ am Sonntag». «Mit dem Regulator hat man keine Probleme, Punkt», so der Onkel. Gefruchtet scheint die Warnung nicht zu haben.