Zoff mit den Behörden
Die UBS vor der Wahl: Gehen oder anpassen

Ende Oktober berät der Nationalrat die neuen Eigenmittelregeln; ein Entgegenkommen ist unwahrscheinlich. Wie kann die Schweizer Grossbank reagieren? Ist ein Wegzug die einzig mögliche Antwort?
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UBS-Chef Sergio Ermotti kämpft dafür, dass die Grossbank in der Schweiz bleiben kann. Doch die Aktionäre erhöhen den Druck.
Foto: keystone-sda.ch

Darum gehts

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Holger Alich
Holger Alich
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Beat Kessler (Name geändert) will eigentlich nur in Ruhe seinen Job machen: Schweizer Vermögende beraten. Doch Ruhe ist für den UBS-Kundenberater nicht in Sicht. So ist im Streit um erhöhte Eigenmittelanforderungen die Diskussion über einen allfälligen Wegzug der letzten Schweizer Grossbank erneut entbrannt, befeuert von Berichten in der «Financial Times» und im «Wall Street Journal». «Da muss man sich schon mal Sprüche von den Kunden anhören wie: ‹Ihr seid ja eh bald amerikanisch!›», berichtet Kessler. Gelder würden seine Kunden zwar noch keine abziehen, aber es kämen kritische Fragen. «Vor allem die grossen Kunden sagen mir: Bitte regelt das bald, wir wollen nicht mit einer ausländischen Bank geschäften», so der UBS-Berater.

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RMS
Artikel aus der «Handelszeitung»

Dieser Artikel wurde in der «Handelszeitung» veröffentlicht. Weitere spannende Artikel finden Sie unter www.handelszeitung.ch.

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Ende Oktober beugt sich die Wirtschaftskommission des Nationalrats über die «Lex UBS». Viele Bürgerliche hoffen, den Beschluss des Ständerats noch im Sinne der Bank abmildern zu können. Der sieht vor, dass die UBS AG künftig den Wert ihrer Auslandstöchter zu 90 Prozent mit hartem Kernkapital (CET1) absichern muss. Derzeit sind es 45 Prozent. Aufgrund dieser Verschärfung würde die UBS rund 16 Milliarden Dollar zusätzliches Eigenkapital benötigen (siehe Grafik Seite 9). Wie am Ende der Nationalrat entscheiden wird, ist offen. Doch die meisten Akteure erwarten nicht, dass das Parlament der Grossbank noch substanziell entgegenkommen wird. Zu vergiftet ist mittlerweile die Debatte, zu verhärtet sind die Fronten.

Finanzministerin Karin Keller-Sutter ist fest entschlossen, die Risiken für die Steuerzahler zu senken und der UBS höhere Eigenmittelauflagen aufzubrummen.
Foto: PETER SCHNEIDER

Dass ausgerechnet in diesem Umfeld neue Berichte über Wegzugspläne erscheinen, wird zudem als erneuter Druckversuch gewertet, was Bankvertreter indes bestreiten. Offiziell kommentiert die UBS die Berichte über einen Wegzug nicht und verweist stattdessen auf die jüngsten Äusserungen von Konzernchef Sergio Ermotti. Dieser sagte gegenüber CNBC, dass es der Bank, ihren Kunden und Aktionären «zugutekommt», dass die UBS in der Schweiz sei. Doch im selben TV-Interview schob er den Satz nach: «Aber natürlich müssen wir uns Gedanken darüber machen, was in Zukunft zu tun ist, um die Interessen unserer Aktionäre, unserer Kunden, aber auch unserer Mitarbeiter zu wahren und zu schützen.»

Damit steht die Frage im Raum, welche Optionen die UBS hat, um mit den verschärften Regeln umzugehen. Welche Möglichkeiten gibt es, die Folgekosten zu senken? Und reichen diese Schritte aus, damit die Bank weiterhin von der Schweiz aus geschäften und prosperieren kann? Oder bleibt nur der Wegzug, wie die Grossaktionäre Cevian und Artisan Partners fordern?

Lohnt sich ein Wegzug?

Der Analyst Stefan Stalmann von Autonomous Research hat jüngst die Optionen der UBS einmal durchgerechnet. Er kommt in seiner Studie «UBS – Escapism» zu folgendem Schluss: Ein wie auch immer ausgestalteter Wegzug lohnt sich nicht. Die beste Option sei weiterhin, die neuen Kapitalregeln in die Businessstrategie zu integrieren und interne Anpassungen vorzunehmen – zum Beispiel weiteres Kapital aus den Töchtern ins Stammhaus zu ziehen, um so deren Wert zu senken. Dadurch sinkt der Kapitalbedarf beim Stammhaus. Auch ein Top-UBS-Banker meint: «Natürlich gibt es Möglichkeiten der Anpassung, die nicht in einem Wegzug münden.» Fragt man dazu die Bank, heisst es aber nur: «No comment.»

Doch es gibt auch warnende Stimmen, wie jene von Vontobel-Analyst Andreas Venditti: «Es geht hier für die Bank um eine viel grundsätzlichere Frage: Kann sie im neuen Regulierungs-Set-up ihre langfristige Strategie, in den USA und in Asien wachsen zu wollen, so noch weiterverfolgen?» Auch ein UBS-Kenner meint: Der Verwaltungsrat schaut nicht nur auf die Kosten der Regulierung und darauf, wie sie allenfalls gesenkt werden können. Sondern auch darauf, wie die Zukunft der Bank in der Schweiz langfristig aussieht und ob der Bank ein immer weiteres Anziehen der Regulierungsschraube droht. Setze sich diese Ansicht im UBS-Board durch, könnte es am Ende doch den Wegzug beschliessen.

Der schwierige «Schwexit» der UBS

Doch ein Wegzug wäre gar nicht so einfach. Es wäre nicht damit getan, einen Briefkasten der UBS Group AG an der Wall Street anzubringen und das Toppersonal zu zügeln. Die Pièce de Résistance ist die operative Kerneinheit, die UBS AG. Sie ist zum einen eine Bank, in ihr ist ein Grossteil des Londoner Derivategeschäfts gebucht – und vor allem das grenzüberschreitende Vermögensverwaltungsgeschäft, beispielsweise mit asiatischen Kunden. Gleichzeitig ist das sogenannte Stammhaus auch Eigner der Auslandstöchter, also der UBS Americas Holding, der UBS Europe und der Credit Suisse International. Auch die UBS Schweiz AG gehört dem Stammhaus.

Die neuen Eigenmittelregeln zielen daher auf die UBS AG, weil sie die Auslandstöchter besitzt. Will sich die Bank die erhöhten Anforderungen ersparen, muss folglich auch die UBS AG gezügelt werden. Doch dann stellt sich die Frage, wie Asiens Millionäre auf die Tatsache reagieren würden, plötzlich Kunden einer US-Bank zu sein. Ein massiver Abfluss von Kundengeldern wäre zu befürchten – auch wenn einige UBS-nahe Stimmen meinen, der Swissness-Vorteil im Asiengeschäft werde überschätzt.

Alternativ müssten die Auslandstöchter aus der UBS AG herausgelöst und direkt unter die Gruppenholding UBS Group AG gehängt werden, die dann in New York sässe und nicht von den Schweizer Regeln betroffen wäre. Doch dieser Schritt würde am Ende kein Kapital einsparen, sagt Experte Stalmann. Der Grund: Die Auslandstöchter stehen als Beteiligungen in der Bilanz der UBS AG. Ende 2025 lag ihr Wert bei rund 42 Milliarden Dollar. Würde die UBS AG die Töchter als Sachdividende an die Holding übertragen, müsste sie nicht nur die Beteiligungen, sondern im gleichen Umfang auch Reserven, also Eigenkapital, ausbuchen. Heute sind die Töchter aber nur zum Teil mit hartem Kernkapital unterlegt. Der Rest des Eigenkapitals dient zugleich als Polster für das übrige Geschäft der UBS AG. Fällt es weg, klafft im Stammhaus eine Kapitallücke, und zwar in der Grössenordnung, welche die neuen Regeln ohnehin verlangen.

Laut Bankmanagern der UBS wäre die vermutlich präferierte Option eines Wegzugs die, eine kleinere Bank in den USA zu kaufen – was die UBS sowieso vorhatte, bevor die CS-Übernahme dazwischenkam. Dabei würde nun aber ein sogenannter Reverse Takeover vollzogen, sprich: Die US-Bank würde die UBS kaufen, die auf diese Weise ihren Sitz in die USA verlegen könnte. Doch auch bei diesem Move bliebe das oben beschriebene Problem, wie mit dem Stammhaus umzugehen ist. Ausserdem geistert nicht zuletzt das Szenario herum, die UBS könnte sich einem grossen US-Wettbewerber wie Morgan Stanley in die Arme werfen. Das wäre dann das Ende der UBS als eigenständige Bank, ist Morgan Stanley derzeit doch fast doppelt so viel wert wie sie. «Die freiwillige Aufgabe der unternehmerischen Unabhängigkeit erscheint im Verhältnis zum möglichen Nutzen völlig unverhältnismässig», urteilt Stalmann.

Ein Wegzug hätte darüber hinaus Folgen für das Spitzenpersonal: Würde Sergio Ermotti, der die Integration der Credit Suisse meisterhaft geschafft hat, sich solch eine Mammutübung noch antun wollen? Eigentlich will er ja Bankpräsident Colm Kelleher beerben. Doch daraus könnte bei einem Wegzug möglicherweise nichts werden. So merkt Vontobel-Experte Venditti an, dass Ex-Morgan-Stanley-Manager Kelleher dank seiner US-Erfahrung wohl am besten geeignet wäre, einen US-Umzug als Präsident der UBS zu begleiten – das würde aber wohl heissen, dass der Ire dann ein paar Jahre dranhängen müsste. Laut dem «Wall Street Journal» ist es allerdings Kelleher, der eher bereit scheint, einen US-Deal in Angriff zu nehmen.

Und was wären die Alternativen zu einem Umzug? Die 16 Milliarden Dollar Kapital zu beschaffen, wäre für die UBS keine Hürde. Das Problem wären die Kosten von 1,6 Milliarden Dollar pro Jahr, um dieses zusätzliche Kapital zu verzinsen. Die Bank gibt ihre Eigenkapitalkosten mit 10 Prozent pro Jahr an.

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Den einfachsten Anpassungsschritt hat die UBS schon in Angriff genommen: Kapital aus den Auslandstöchtern in die UBS AG zu ziehen. Dadurch sinkt deren Wert und damit wiederum der Kapitalbedarf auf der Ebene des Stammhauses. Allein in diesem Jahr plant die UBS, weitere 3 Milliarden Dollar aus der UK-Tochter abzuziehen, und nochmals 2 Milliarden sollen bis 2028 von der US-Tochter kommen.

Mit einem Bilanzkniff könnte die Bank den Bedarf an teurem Aktienkapital weiter senken: indem sie das sogenannte Double Leverage zwischen der Holding UBS Group AG und dem Stammhaus UBS AG erhöht. Gemeint ist das Verhältnis zwischen dem Buchwert der Beteiligung, welche die Holding an der UBS AG hält, und dem Eigenkapital der Holding. Liegt das Verhältnis über 100 Prozent, finanziert die Holding einen Teil des Eigenkapitals der AG mit Schulden.

Heute schüttet die UBS AG ihre Gewinne an die Holding aus, die damit die Dividenden an die Aktionäre bezahlt. Stattdessen könnte das Geld in der UBS AG bleiben und dort das harte Kernkapital stärken – genau da, wo die neuen Regeln greifen. Die Holding würde die Dividenden dann auf Pump finanzieren. Weil die UBS AG im neuen Set-up extrem gut kapitalisiert ist, würden die Ratingagenturen ein Double Leverage auf Holding-Ebene von 110 bis gar 120 Prozent tolerieren, ohne dass die Ratings der UBS ins Rutschen gerieten, so Experten. Gemäss Analysten könnte die UBS mit diesem Kniff auf die Aufnahme von rund 6 Milliarden Dollar Zusatzkapital verzichten. Doch die UBS-Spitze will das Double Leverage eher wieder Richtung 100 Prozent drücken, auch um eine gewisse Sicherheitsmarge zu haben.

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Auch mit Bilanzkniffen werden sich die Zusatzkosten der erhöhten Eigenmittelvorgaben nicht vollständig eliminieren lassen. Experte Stalmann meint jedoch, dass die Bank damit den grössten Wettbewerbsnachteil abfedern könnte. Und der stärkste verbleibende Bremseffekt wäre vor allem im kapitalintensiven Investment-Banking zu spüren, weniger im Wealth-Management, dem Kern der Bank.

Sicher ist: Die UBS wird ihre Optionen bis hinters Komma durchrechnen. Und nach dem Parlamentsentscheid den Investoren erklären, welche Option sie nun wählt. Käme es tatsächlich zum Wegzug, weiss Kundenberater Kessler schon, was er macht: «Ich bin dann weg. Und die meisten meiner Kunden sicher auch.»

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