Darum gehts
Im Park Tower, in einem 24-stöckigen Hochhaus unmittelbar am Bahnhof in Zug, sind knapp drei Dutzend Firmen einquartiert – mit teils spektakulärem Blick auf den Zugersee, die Rigi, den Bürgenstock, den Pilatus und die Berner Alpen. Unten gibt es eine Bäckerei, ausserdem einen Coiffeur, ein Interiorstudio, ein Nagelstudio, eine Containerfirma, einen Testamentsvollstrecker, einen Kammerjäger.
Und ein Unicorn. Die Zahnpflegefirma vVardis von Haley und Goly Abivardi nimmt hier die 14. Etage ein. Und die Anzeichen, dass die Firma in den nächsten Wochen an die Börse gehen wird, genauer gesagt: an die New York Stock Exchange, verdichten sich. Investoren rechnen mit einer Bewertung in Höhe von drei bis vier Milliarden Dollar; es wäre das spektakulärste IPO einer Schweizer Firma dieses Jahr.
Namhafte Banken sollen involviert sein: J. P. Morgan, Goldman Sachs, die Deutsche Bank und UBS. Der Nachrichtendienst Bloomberg vermeldete die Börsenpläne bereits im Juni. Nun scheint es ernst zu werden. «Wir prüfen verschiedene Optionen», sagt Haley Abivardi. Genauer will sie nicht werden. Darf sie auch nicht: Solange ein geplanter Börsengang nicht offiziell von der SEC annonciert wurde, ist jede Kommunikation darüber verboten.
Eine Branche neu definiert
Die Abivardi-Schwestern sind in der Schweizer Unternehmerszene keine Unbekannten. Haley (57) und Goly (53) gründeten 2002 mit 100’000 Franken Eigenkapital und Bankkrediten über drei Millionen eine Dentalklinik – ausgerechnet in Zürich, der Stadt mit der höchsten Zahnarztdichte. Als Erste in der Branche setzten sie auf Premiumerlebnis und Wohlfühloase, um den Kunden die Angst vor dem Bohren zu nehmen, als Erste investierten sie stark ins Branding und ins Marketing.
Swiss Smile hiess das Konzept. Es verfing und wurde das, was man als Category Changer bezeichnet: ein Ansatz, der eine Branche neu definiert. 2002 gewannen die beiden Schwestern den Prix Veuve Clicquot als Unternehmerinnen des Jahres. Elf Praxen in der ganzen Schweiz führten sie schliesslich, als sie die Kette 2017 in zwei Schritten an EQT und die Jacobs Holding verkauften, um sich auf ihr neues Projekt zu konzentrieren.
Und jetzt also vVardis (die zwei Vs stehen für die zwei Schwestern). Mit dem Erlös aus dem Verkauf von Swiss Smile übernahmen sie 2020 die Firma Credentis. Diese hatte 2013 die Rechte an einem Peptid lizenziert, das an der Universität Leeds entwickelt worden war. Es verspricht, Karieslöcher im Frühstadium durch natürliche Remineralisation zu restaurieren und so das Bohren überflüssig zu machen. «Es ist, als ob wir ein Antibiotikum gefunden hätten gegen die Nummer-1-Krankheit auf dieser Welt – ohne Nebenwirkungen, ohne Resistenz», bewirbt es Haley Abivardi. Goly setzt noch einen drauf: «Ethisch ist es nicht in Ordnung, Frühkaries zu bohren, wenn man weiss, dass es eine andere Behandlungsmöglichkeit gibt.» Curodont heisst das darauf basierende Produkt, aber Credentis war es nie gelungen, es im grossen Stil zu vermarkten.
Das ändert sich gerade. Den Durchbruch brachte J. P.-Morgan-Chef Jamie Dimon. Im Januar 2025 lernten ihn die Schwestern an der Eröffnungsfeier der J. P. Morgan Global Healthcare Conference in New York kennen. «Eine der grössten Innovationen im Gesundheitswesen ist dieses Unternehmen, das nun Zahnlöcher ohne Bohrer behandeln kann», schwärmte Dimon dann in seiner Rede am nächsten Tag. «Das ist viral gegangen und hat ein riesiges Interesse bei den Investoren ausgelöst», so Haley Abivardi.
Rasantes Wachstum
Was man weiss: David Wertheimer, Sohn des Chanel-Besitzers Gérard Wertheimer (der mit einem Vermögen von 33,5 Milliarden Franken die BILANZ-Reichsten-Liste anführt), hält Anteile, ebenso Matthias Huber mit Verium – er war auch schon bei Swiss Smile dabei – und Orbimed, ein New Yorker Investmentunternehmen im Gesundheitswesen. Und natürlich Apollo Global Management. Mehr als 30 Millionen Dollar hat das amerikanische Private-Equity-Haus Ende 2025 in vVardis investiert. Es sei – anders als das Online-Portal «Inside Paradeplatz» berichtete – eine direkte Beteiligung, keine Wandelanleihe, darauf legt Haley Abivardi wert. Be- oder widerlegen lässt sich das nicht, Apollo reagierte nicht auf entsprechende Anfragen, und die Abivardis führen eine Verschwiegenheitserklärung ins Feld.
Seit dem Einstieg gilt vVardis als Unicorn, also als Firma mit Milliardenwert. Das mag erstaunen bei einem Unternehmen, das im vergangenen Jahr gerade einmal 30 Millionen Dollar umsetzte. Aber Apollo ist nicht irgendwer. Man weiss dort, wie man eine Due Diligence durchführt. Und immerhin sind die Bruttomargen bei vVardis mit 85 Prozent sehr hoch, und die Firma wächst schnell: um den Faktor 2 bis 3 pro Jahr. Dieses Jahr soll der Umsatz bei rund 80 Millionen liegen. Die Abivardis sind zuversichtlich, das schnelle Wachstum auch in Zukunft beizubehalten.
Noch nicht für einen Milliardenkonzern geeignet ist das Board: Neben den beiden Schwestern sitzen dort Leichtgewichte wie Florian Randlkofer aus der Münchner Kaffeedynastie Dallmayr, einer der grössten privaten vVardis-Investoren, ausserdem Clifford zur Nieden, ein ehemaliger Swiss-Smile-Mitarbeiter, sowie der Apollo-Vertreter Andrea Vanni (Orbimed hat einen Observer Seat). Juergen Stark, in einem früheren Leben McKinsey-Berater, Start-up-Gründer und COO der Handysparte von Motorola, kann man wenigstens USA-Kenntnisse und Execution-Erfahrung zubilligen. Nach einem allfälligen IPO sollen zwei neue Verwaltungsräte hinzukommen, hört man im Markt, bekannte Namen, frühere CFOs von gelisteten US-Firmen in Healthcare und Biocare.
Die Milliardenbewertung heute ist umso erstaunlicher, als 2023 über vVardis noch der Konkurs eröffnet wurde. Es ging um eine Callcenter-Rechnung über 130’000 Franken, die monatelang unbezahlt blieb. Auch die Nachricht des Betreibungsamtes, dass ein Konkursverfahren eröffnet wurde, ging unter. Erst als der Konkursentscheid des Kantonsgerichts Zug eintraf, wachte man auf. Es brauchte einen Rekurs beim Obergericht des Kantons Zug, um den Konkursentscheid rückgängig zu machen, danach rollten bei vVardis ein paar Köpfe.
Die Firma musste das Geschehen in der Dokumentation für die amerikanische Finanzmarktaufsicht SEC hinterlegen, was dort für einige hochgezogene Augenbrauen gesorgt haben dürfte. Die Abivardis wollen sich zu den Ereignissen nicht äussern. Dass zudem mehrmals die Gehälter nicht rechtzeitig gezahlt wurden, wie ein ehemaliger Mitarbeiter berichtet, bestreitet Haley Abivardi jedoch. Die Episode jedenfalls lässt das Management nicht gut dastehen. «Die Abivardis haben keine Ahnung, wie man ein Unternehmen führt», sagt jemand, der es miterlebt hat. «So ein Chaos habe ich noch nie erlebt!» Wobei die Aufgabenteilung eigentlich klar definiert ist: Haley kümmert sich um das Kommerzielle und die Finanzen, Goly um das Wissenschaftliche. Das Marketing – die grosse Stärke der beiden – machen sie gemeinsam.
«War fast schon kriminell»
Auch die Geschichte um eine Zwischenfinanzierung in der Höhe von 30 Millionen Franken wirft kein gutes Licht auf das Geschäftsgebaren der beiden Schwestern. Es ging um einen Convertible, also eine Wandelanleihe, die mehrere Investoren gezeichnet hatten und die Ende Januar 2025 zur Zahlung fällig gewesen wäre. Als die Schwestern das Geld nicht zurückzahlen konnten, baten sie um Aufschub, den die Gläubiger gewährten – ab dem dritten Mal allerdings gegen hohe Zusatzzinsen.
Die hinterlegten Sicherheiten, unter anderem ein Chalet in St. Moritz und ein Haus in Morcote TI, entpuppten sich für die Gläubiger als weniger werthaltig als angegeben: «Die Gutachten waren sehr sportlich und wurden immer sportlicher», so ein Darlehensgeber. «Aber die beiden haben es geschafft, dass die Banken, vor allem die UBS, auf dieser Basis weitere Kredite gegeben haben.» Als die Rückzahlungen weiterhin ausblieben, leitete der Anwalt der Gläubiger schliesslich die Arretierung der Konten ein – die Abivardis hatten keinen Zugriff mehr auf ihr Geld.
Eine Woche bevor die hinterlegten Sicherheiten gepfändet worden wären, konnten sie die 30 Millionen dann doch noch auftreiben. «Das Ganze hat für beide Seiten Hunderttausende an Anwalts- und Gerichtskosten verursacht», sagt ein Gläubiger verärgert. Es waren hochkarätige Geldgeber darunter: Financier Rainer-Marc Frey etwa, Venture Capitalist Daniel Gutenberg, Ex-Sonova-Chef Valentin Chapero, Zahnarztzentrum-Gründer Christoph Hürlimann, Investmentbanker Patrick Schmitz-Morkramer von PSquared Asset Management und Dirk Markus, Gründer des Private-Equity-Hauses Aurelius und einen dreistelligen Millionenbetrag schwer.
On the record will sich niemand äussern, aber hinter vorgehaltener Hand hört man wenig Schmeichelhaftes über die Abivardis: «Sie haben jeden Trick im Buche versucht, um uns hinzuhalten, und uns massiv angelogen», heisst es da; «die sind durchtrieben, denen darf man nicht blind vertrauen», hört man; «es war fast schon kriminell», sagt ein anderer. Der Vorwurf der Unehrlichkeit zieht sich wie ein roter Faden durch die Äusserungen. Dass keiner der Gläubiger die Option des Convertible wahrnahm und seinen Kredit in Aktien wandelte, dürfte vor diesem Hintergrund nicht erstaunen. «Umso besser, damit bleiben mehr Aktien für uns», sagt Haley Abivardi. Die Schwestern und David Wertheimer übernähmen jede Aktie, die zum Verkauf stehe.
Juristischen Streit mit früherem COO
Die Frage bleibt, wie die Liquiditätsprobleme zustande kommen, zumal die Abivardis durch den Verkauf von Swiss Smile nach eigenen Worten mehr als 100 Millionen Franken kassiert haben. Klar, die Übernahme von Credentis war mit einem Kaufpreis von etwas mehr als 50 Millionen Franken nicht billig. Hinzu kamen die Kosten für die Weiterentwicklung des Applikators, damit Curodont massenmarkttauglich wurde. Klar ist aber auch: In den vergangenen Jahren hat vVardis sehr viel Geld verlocht, wohl einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag. Die Firma lancierte Consumer-Produkte wie Zahnpasten und -bürsten, Mundspülungen und Zahnschmelzseren im Luxussegment.
Ein Flop: Nur 15 Millionen setzte man damit um, und trotz der hohen Preise (die Buchenholz-Zahnbürste für 23, das Serum für 149 Franken) blieb kaum eine Marge, auch wegen der hohen Marketingkosten während der Pandemie. Hinzu kam «eine gewisse Aggressivität – man kann auch sagen: Grössenwahn – im Geschäftsaufbau», stellt ein Beobachter fest. Ein anderer führt den Flop auf «fehlende Managementkompetenz» zurück.
2024 gab man das Konsumentengeschäft auf (offiziell «pausiert» es) und fokussierte darauf, Curodont über US-Zahnärzte zu vertreiben. Dafür tauschten die Abivardis einen grossen Teil des Managements aus. Auch den langjährigen COO Lucas Kuttler schickten sie in die Wüste – freilich nicht, ohne sich vorher von ihm zwei Millionen zu leihen. Seither läuft eine arbeitsrechtliche Auseinandersetzung, weshalb sich Kuttler nicht äussern will. «Menschlich haben sich die beiden Schwestern einfach unanständig verhalten», sagt eine Person, welche die Geschehnisse miterlebt hat.
Wiederkäufer
Der Strategiewechsel jedoch hat sich ausbezahlt: In über 25’000 Zahnarztpraxen ist vVardis bereits präsent, das ist ein Fünftel der US-Dentalkliniken. Der Distributor Henry Schein muss jedes Jahr 15’000 weitere Kliniken erschliessen, um das Exklusivrecht nicht zu verlieren. Hochgerechnet auf Basis der letzten Monatsumsätze, wird vVardis dieses Jahr Produkte für rund 80 Millionen Dollar verkaufen. Und nach einem Jahr werden die Zahnärzte zu Wiederkäufern, wenn sie sehen, dass die Anwendung beim Patienten Erfolg hat. «Wenn wir es schaffen, 40 bis 50 Prozent der Praxen als Repeat Customer zu gewinnen, haben wir schon eine Milliarde Nettoumsatz», rechnet Haley Abivardi vor.
Um das Geschäft voranzutreiben, verbringen die beiden rund 80 Prozent ihrer Zeit in den USA, insbesondere in New York, wo sie an der 5th Avenue / 51st Street, also an bester Lage, zwei riesige Apartments besitzen. Auch die Mehrheit der 170 Mitarbeiter, nämlich rund zwei Drittel, sind in den USA. Weitere 20 arbeiten im R&D-Zentrum in Schlieren ZH, der Rest am Hauptsitz in Zug.
Voraussetzung für den Durchbruch in den USA war die Anerkennung durch die Krankenkassen. Das Problem: Es gab zwar schon lange Abrechnungscodes für Kariesprävention und fürs Bohren, aber nicht für etwas Neues wie eine Kariesbehandlung durch Peptide. Die Schwestern gingen Klinken putzen bei den grossen Krankenversicherungen, legten Studien vor, die die Wirksamkeit belegten. Mit Erfolg: 2024 wurde ein eigener Abrechnungscode für Produkte wie Curodont erstellt. Kürzlich ist das Gleiche in Grossbritannien gelungen. Jetzt sei es nur noch eine Frage der Zeit, bis auch in der Schweiz ein neuer Tarif eingeführt würde, sagt Goly Abivardi.
Die beiden Schwestern erneut als Category Changer, wie schon bei Swiss Smile: ein Narrativ, das die Investmentbanker gerne hören. Im Storytelling sind die Abivardis Weltklasse. Wie sie im Alter von acht und zwölf Jahren nach der Islamischen Revolution mit ihren Eltern aus ihrer iranischen Heimatstadt Shiraz flohen und bei der Überquerung eines verschneiten Gebirges Richtung Türkei Haleys Pferd an einem steilen Hang ausrutschte und erst im letzten Augenblick ein Fluchthelfer das Tier zurückziehen konnte, diese Geschichte erzählen sie noch heute gerne.
Verschiedene Ansätze
Auch die Wirksamkeit ihres Produkts Curodont verkaufen die beiden in markigen Worten: «Die wissenschaftliche Evidenzlage für Curodont ist aussergewöhnlich und in der Zahnmedizin einzigartig», sagt Goly Abivardi, und verweist auf über 250 wissenschaftliche Studien, teils in hoch angesehenen Fachzeitschriften. In der Zahnärzteschaft ist man sich weniger einig. «Seit der Einführung des Verfahrens weisen verschiedene Studien auf dessen Wirksamkeit im Management früher kariöser Läsionen hin.
Die bisher publizierten Studien unterscheiden sich jedoch in ihren Designs und Settings. Wie bei allen neuartigen Verfahren sind weitere methodisch hochwertige und vergleichbare Studien wünschenswert», sagt Anahita Jablonski-Momeni, Professorin an der Universität Marburg und Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Präventivzahnmedizin (DGPZM). «Curodont funktioniert ein bisschen, ist aber ziemlich teuer für etwas, das relativ wenig Effekt hat», sagt ein Schweizer Zahnmediziner. «Die Meinungen der Kollegenschaft sind sehr gespalten: Ich kenne viele negative Stimmen, aber auch durchaus positive», hört man ebenfalls. Professor Hendrik Meyer-Lückel, Direktor der Klinik für Zahnerhaltung, Präventiv- und Kinderzahnmedizin an der Universität Bern, hat selbst eine mikroinvasive Therapie zur Behandlung von Karieslöchern entwickelt. Für ihn ist Curodont weitgehend wirkungslos.
Und klar ist auch: Curodont mag in seinem Ansatz einzigartig sein, aber es gibt verschiedene Ansätze gegen das Problem. «Produkte, die Karies in einem frühen Stadium stoppen, gibt es heute schon; ich rechne damit, dass in den nächsten zwei bis drei Jahren weitere dazukommen werden», sagt Reto Wälchli, Gründer und Chef der Dentalpflegefirma Alpine White. Die Folge: «Für die Konsumenten dürften die Preise sinken.» Und weil Curodont schon seit Langem auf dem Markt ist, sich aber nie durchsetzen konnte, läuft das Patent für den Wirkstoff 2033 aus, also in sieben Jahren.
Das beirrt die beiden Schwestern nicht: Eine Milliarde Umsatz bei einer Bruttomarge von 85 Prozent innerhalb von fünf Jahren, das ist ihr Ziel. Sie wollen nach Kanada expandieren, nach Brasilien und nach Europa. «Jeder Zahnarzt soll Curodont in seiner Schublade haben. Und wir möchten, dass die Studenten an vielen weiteren Universitäten dies als Standardbehandlung lernen», ergänzt Goly Abivardi. Ausserdem sollen weitere Produkte folgen, für grössere Löcher, für Mundkrankheiten, auch für Tiere.
Die Ambitionen, sie sind noch so viel höher als das Hochhaus in Zug.