Für einen kurzen Moment dachte Haley, damals zwölf: Das wars jetzt. Mein Leben ist zu Ende.
Es ist Anfang der Achtzigerjahre, kurz nach der islamischen Revolution im Iran. Die Familie Abivardi flieht nachts durch ein verschneites Gebirge in Richtung türkische Grenze. Sie sind auf Pferden unterwegs. Jeder Fehler kann tödlich sein. Die jüngere Schwester Goly, achtjährig, sitzt beim Vater im Sattel. Hände und Füsse sind taub vor Kälte. Haley reitet allein. An einer steilen Passage tritt ihr Pferd ins Leere, kippt zur Seite und rutscht. Für einen Moment scheint alles verloren. Ein Fluchthelfer reisst das Tier im letzten Augenblick zurück.
Blick besucht die beiden Schwestern in ihrem Hochhausbüro mit Blick auf den Zugersee. Die Alpen zeichnen sich am Horizont ab.
Aufgewachsen sind sie in Schiras im Süden Irans und in Colorado (USA). Haleh und Golnar, so ihre Geburtsnamen, besuchen in Schiras eine internationale, amerikanische Schule. Der Vater ist Professor, die Mutter Unternehmerin, beide haben in den USA studiert.
Wie viele Familien aus dem Bildungsbürgertum während der Schah-Zeit orientierten sich auch die Abivardis an den Werten des Westens. Zu Hause werden Englisch und Persisch gesprochen. New York (USA) kennen sie besser als Teheran.
Sie, die «Amerikanerinnen»
Mit der Revolution ändert sich alles. Die neuen Machthaber schliessen die westlichen Bildungseinrichtungen. Die Mädchen sitzen in Klassenzimmern und starren auf ein Alphabet, das sie kaum beherrschen. Andere Kinder nennen sie «die Amerikanerinnen». Zu jener Zeit, an der die Feindschaft gegenüber den USA staatlich zelebriert wird, ist das kein harmloser Spott.
Die Familie bleibt zunächst, doch irgendwann fällt die Entscheidung zur Flucht. Ziel ist die Schweiz, wo der Vater berufliche Kontakte hat. Sie nehmen nur mit, was sich auf Pferden tragen lässt.
In der Schweiz beginnen sie von vorn. Kein Besitz, keine Fotos, keine Erinnerungsstücke. Die Familie lebt zuerst in St. Gallen, später in Basel. Der Vater arbeitet bei Ciba-Geigy in der Forschung. Er sagt seinen Töchtern: Was ihr im Kopf habt, kann euch niemand nehmen. Nach dem Gymnasium studieren beide Zahnmedizin an der Universität Zürich. Danach versuchen sie, eine eigene Praxis zu eröffnen – ohne Erfolg. Banken lehnen sie ab. Zu viele Zahnärzte, zu wenig Vertrauen in zwei junge Frauen mit Migrationsgeschichte.
Einsichten im Thurgau
Sie lernten in den frühen Jahren von ihrer Mutter: Wenn du eine Vision hast, gib nicht auf, auch wenn es viel Arbeit und Ausdauer kostet. Also gehen sie ins thurgauische Amriswil und übernehmen eine Schulzahnklinik. Täglich zwei Stunden pendeln. Sie behandeln Kinder mit Karies. Das reift ihre Einsicht: Diese Volkskrankheit löst viel Schmerz und Leid aus und ist mit den heutigen Technologien schwer zu bekämpfen. Und ein Zahnarztbesuch sollte «fear-free» sein, angstfrei. Mit der Erfahrung aus der medizinischen Frontarbeit in der Ostschweiz stemmen Haley und Goly etwas Innovatives: Sie gründen die erste Schweizer Walk-in-Zahnarztpraxis am Zürcher Hauptbahnhof. Das Geschäft floriert, und bald expandiert Swiss Smile in anderen Städten im In- und Ausland zu einer profitablen Kette mit einem zwischenzeitlichen Marktanteil in Zürich von 15 Prozent.
Die Abivardi-Schwestern avancieren zum glamourösen Duo im Schweizer Hochglanz und zu gern gesehenen Gästen auf dem roten Teppich. Ihr Ruf dringt bis nach Amerika und in andere Länder, wo sie als «Swiss Sisters» bekannt werden und ihr neues Konzept kopiert wird. In ihre Praxen kamen Bundesräte, Wirtschaftsführer, First Ladies und Hollywoodstars. Und das Beste: Ihr Vater kann an der ETH Zürich endlich wieder Naturwissenschaften unterrichten.
Als der Obdachlosenpfarrer anklopft
Die Abivardis aber wollen keine VIP-Klinik, sondern, wie sie sagen, für alle da sein. Eines Tages steht Ernst Sieber (1927–2018) vor der Tür, der Zürcher Obdachlosenpfarrer. Er klagt, dass keine zahnärztliche Stelle seine Klientel empfangen wolle. Nur schon aus bürokratischen Gründen, weil bei manchen Junkies und Vagabunden nicht eruiert werden kann, aus welchem Kanton sie stammen. Die Schwestern sagen zu. Und bestehen darauf, dass alle im selben Wartezimmer sitzen. Es sei so motivierend und emotional gewesen, erinnern sie sich heute, wie einzelne Patienten mit den verbesserten und neuen Zähnen auf einmal begannen, auch sonst besser für sich zu sorgen, wieder Arbeit zu finden und ihre Liebsten erneut zu kontaktieren.
Der Erfolg erzeugt auch Gegenwind. Für sie hätten jedoch «stets das Wohl und die Gesundheit des Patienten im Mittelpunkt gestanden», sagt Goly. Im Jahr 2020 verkaufen sie ihr Unternehmen. Nun hätten sie die 100 Millionen Franken nehmen und sich in Monaco, Dubai oder auf den Bahamas auf eine Yacht verziehen können.
Eine Hürde: der US-Markt
Doch sie beginnen neu. 2020 übernehmen die Abivardis die Schweizer Firma Credentis. Es ist ein Bereich, der sie schon lange beschäftigt: Karies im Frühstadium – und die Frage, ob sich Zahnschäden reparieren lassen, bevor gebohrt werden muss.
Aus der Übernahme entwickeln sie ein neues Unternehmen: VVardis, mit Sitz in Zug. Das zentrale Produkt heisst Curodont. Es basiert auf einer Behandlung, die den Zahnschmelz nicht ersetzt, sondern in frühen Stadien zur Remineralisierung anregen soll. Die Anwendung dauert nur wenige Minuten – ohne Bohrer, ohne klassische Füllung. Sie führen die Idee in ein kommerzielles Produkt über, das in Zahnarztpraxen eingesetzt wird.
Der entscheidende Schritt folgt 2024: VVardis schafft den Eintritt in den US-Markt. Damit wird aus einer Schweizer Medtechfirma ein Anbieter mit globaler Reichweite. In der Fachwelt gilt der Ansatz als Teil einer neuen Generation minimalinvasiver Zahnmedizin. Akademische Institutionen wie Harvard und Organisationen wie die WHO haben sich mit der Methode beschäftigt und sie anerkannt.
Für die Gründerinnen hat dieser Moment auch eine persönliche Dimension: Aus einer Familie, die einst aus dem Iran in die Schweiz floh, ist ein Unternehmen geworden, das heute selbst mit dem Label «Swiss made» international auftritt.
Der Einstieg von Apollo Global Management
«Zahnmedizin ist mehr als Reparatur», sagt Haley Abivardi. Entzündungen im Mund könnten den gesamten Körper betreffen. Ihre Arbeit verstehen sie als Teil eines grösseren Gesundheitsverständnisses. «Wir sind ein Gesundheitsunternehmen», sagt sie, «nicht nur eine Dentalfirma, und haben das erste Medikament für die Krankheit Nummer eins der Welt.» Es gibt, natürlich, auch Kritik und Zurückhaltung in Teilen der Branche, wie bei vielen neuen Verfahren in der Zahnmedizin.
Gleichzeitig haben sie gewichtige Fans gewonnen – nicht nur Universitäten wie Harvard oder London College, wo ihre Technologie als Pflegestandard für Kariesbehandlung in die Lektüre integriert wurde, wie sie stolz verweisen, sondern auch in der Finanzwelt. Der vielleicht wichtigste heisst Jamie Dimon (70). Der Chairman der US-Bank J.P. Morgan rühmte 2025 an der wichtigsten globalen Healthcare-Investorenkonferenz in San Francisco (USA) die beiden «Swiss Sisters» und ihr Produkt als wichtigste Innovation im Gesundheitswesen.
Der Durchbruch ist diese Woche erfolgt: Die Abivardis konnten am Montag den Einstieg von Apollo Global Management vermelden, dem amerikanischen Private-Equity-Riesen. Die Bewertung steigt auf über eine Milliarde Dollar, wie Bloomberg zuerst berichtet hat. In der Sprache der Start-up-Welt ist das ein «Unicorn», ein Einhorn. Eine der letzten grossen Errungenschaften bei der Kariesbekämpfung fand vor 80 Jahren mit der Einführung von Fluorid statt.
Ein Problem: das Tarifsystem
Auch jetzt könnten die Schwestern aufhören, ein Weingut in der Toskana kaufen, den Pilotenschein machen oder in einen Fussballklub einsteigen. Stattdessen bleiben sie mit 70 Prozent beteiligt und planen den nächsten Schritt, einen IPO, einen Börsengang an der US-Technologiebörse Nasdaq. Investoren geben sich zuversichtlich, dass die Zuger Medtechfirma, die das am schnellsten wachsende Produkt der Zahnmedizin herausgibt, noch an Wert gewinnen wird. Die Abivardis sind nun zwei von weltweit rund 70 Selfmade-Milliardärinnen.
Herausforderungen gibt es noch genug: Das Verfahren ohne Bohrer und künstliches Füllungsmaterial bildet eine neue Kategorie. Was bestehende Geschäftsmodelle und das Tarifsystem infrage stellt: Weniger Bohren bedeutet weniger Einnahmen für Zahnärzte. Eine Behandlung mit Curodont besteht aus einer einzigen Anwendung, dauert ein paar Minuten und kostet 80 bis 100 Franken. In den USA und neu auch in Grossbritannien wurde das Tarifsystem angepasst, damit die Zahnärzte einen Anreiz haben, die Therapie einzusetzen. Die Schweiz ist davon noch weit entfernt.
«‹Save teeth, save lives› ist unsere Mission», sagt Goly Abivardi. Rette Zähne, rette Leben. Wenn sie über die Zukunft sprechen, klingt manchmal noch etwas von jenem Moment nach, damals im Gebirge. Als das Pferd den Halt verlor. Und jemand im letzten Augenblick eingriff.