Darum gehts
- Tessin wird beliebter bei reichen Familien aus der Golfregion seit 2026
- Zug bleibt als Destination top – aber sehr hohe Immopreise
- Um Zürich machen Reiche dagegen einen Bogen
«Umzug nach Lugano? Wählen Sie die Schweiz für eine stabile Zukunft» – mit diesen Worten beginnt eine Werbebotschaft, die speziell für vermögende Familien aus der Golfregion aufgeschaltet wurde. Hinter der Anzeige steht der Tessiner Ableger der Immobilienagentur Engel & Völkers. Simon Incir ist Inhaber und Chef der Agentur. Er sagt zu SonntagsBlick: «Seit dem Ausbruch des Kriegs im Iran haben die Anfragen um 15 Prozent zugenommen.» Zwar habe es noch keine Transaktionen gegeben. Aber die ersten Besichtigungstermine hätten bereits stattgefunden.
Meistens seien es Europäer, die in den Vereinigten Arabischen Emiraten, in Katar oder im Iran leben und sich in der Schweiz nach Immobilien umschauen, sagt Incir. Oftmals Engländer, Franzosen, Italiener oder auch Schweizer. Der Vorteil des Tessins: Die Schweizer Sonnenstube zählt viele Ferienliegenschaften, die Ausländer ohne Aufenthaltsbewilligung erwerben können, so der Makler. Mit einem Schweizer Zweitwohnsitz verschaffen sich Käufer Zeit, um zu prüfen, ob es ihnen in der Schweiz überhaupt gefällt.
Auch für Familien, die sich dauerhaft niederlassen wollen, sei das Tessin eine gute Adresse. Der Kanton kennt – wie manche andere Kantone auch – eine Pauschalbesteuerung für Nichtschweizer, die ihre Einkünfte im Ausland erwirtschaften. Internationale Schulen und die Nähe zur Grossregion Mailand (I) mit dem internationalen Flughafen sind weitere Pluspunkte. Hinzu kommt, dass es im Tessin viele Liegenschaften gibt, die zum Verkauf stehen. Es scheint einen funktionierenden Markt zu geben. In der Datenbank von Engel & Völkers Ticino sind aktuell 261 Objekte zwischen Ascona und Lugano ausgeschrieben. Darunter Villen und Luxusappartements mit Swimmingpool und Blick auf die Seen oder den Monte San Salvatore, den «Zuckerhut» von Lugano.
Tessin stiehlt Zug die Show
Das Tessin stiehlt der Stadt Zug die Show – bislang die erste Adresse für zahlungskräftige Ausländer, die ihren Wohnsitz in die Schweiz verlegen wollen. Internationale Medien wie die «Financial Times» berichteten letzte Woche in grosser Aufmachung über die Stadt am Zugersee, die zum «Fluchtort für Gelder aus dem Golf» geworden sei. Heinz Tännler (65), der umtriebige Zuger Finanzdirektor, gab dem Weltblatt aus London zu Protokoll, dass sein Kanton einen Anstieg an Anfragen aus der Golfregion verzeichne. Man bedauere die Umstände zwar, dennoch lasse sich nicht leugnen, dass Zug profitiere, so der SVP-Mann. Die Nachrichtenagentur Bloomberg doppelte nach und nannte Zug in einem Atemzug mit Reichen-Hotspots wie Monaco, Marbella oder London – wo Vermögende aus der Golfregion ebenfalls Zuflucht suchen.
Hört man sich in Zug um, vernimmt man hingegen gemischte Signale. Die Nachfrage scheint überschaubar zu sein. Casha Frigo ist Partnerin bei Engel & Völkers in Zug und sagt, dass sie rund ein Dutzend Anfragen aus der Golfregion erhalten habe. Sie verweist auf das begrenzte Immobilienangebot. Beim Immobilienmakler befinden sich in der Region Zug lediglich 19 Liegenschaften im Verkauf. Allerdings liegt der durchschnittliche Verkaufspreis bei exorbitanten 4,23 Millionen Franken, wie auf der Website des Vermittlers nachzulesen ist. Der Innerschweizer Kanton ist ein teures Pflaster, das auch für vermögende Dubai-Expats kaum erschwinglich ist.
Dass der Eigenheimmarkt in Zug praktisch ausgetrocknet ist, hat mit den bekannten Trümpfen der Region zu tun. Casha Frigo verweist auf die tiefe Steuerbelastung sowie auf die Pauschalbesteuerung für Ausländer, die wirtschaftliche Stabilität, Firmen aus den Bereichen Pharma, Gesundheitswesen und Crypto sowie eine gut vernetzte Expat-Community. Im Gespräch streicht sie zudem «besonders kundenfreundliche Behörden» als Pluspunkt hervor.
Steuerhölle Zürich
Damit trifft sie einen Nerv. Tatsächlich scheinen nicht alle Regionen gleichermassen beliebt zu sein. «Der Kanton Zürich ist für wohlhabende Kunden aus dem In- und Ausland oft keine Alternative», sagt Claude Ginesta (54) vom gleichnamigen Immobilienvermittler aus Küsnacht ZH. Das liege auch daran, dass andere Kantone häufig attraktivere steuerliche Rahmenbedingungen bieten. «Wir erhalten darum viele Suchanfragen mit dem Hinweis, dass nur in steuerlich attraktiven Kantonen ein Eigenheim gesucht wird», sagt Ginesta.
Dass die Attraktivität des bevölkerungsreichsten Kantons der Schweiz abgenommen hat, bestätigen auch andere Kenner der Szene. Laut einem Berater, der nicht genannt werden will, raten viele Steuerberater und Anwälte ihren Klienten inzwischen, einen «grossen Bogen um den Kanton Zürich» zu machen. «Wir bekommen Anfragen von Kunden, die den Kanton Zürich nachdrücklich ausschliessen wollen», sagt er. Selbst Schweizer würden den Kanton bei Problemen mit den Steuerbehörden oft fluchtartig in Richtung Zentralschweiz verlassen.
Wie lange die Nachfrage aus der Golfregion anhält, ist schwer vorauszusagen. «Aktuell scheint es vereinzelt zu Rückbewegungen nach Europa zu kommen», bestätigt Claude Ginesta. Ob sich daraus eine nachhaltige Verlagerung von Vermögen und Steuersitzen ergebe, dürfte sich erst in den kommenden Monaten zeigen. Vereinzelt gibt es auch skeptische Stimmen: Ein Immobilienberater sagt, ein Kunde habe kürzlich mitgeteilt, dass er erneut nach Dubai ziehe, da er die Situation dort für sich als sicher einschätze. Insofern sei die mediale Darstellung derzeit vielleicht «etwas zugespitzt».
Dass die arabischen Dattelpalmen in der Schweiz nicht in den Himmel wachsen, zeigt sich im Kanton Uri. In Andermatt, dem Entwicklungsgebiet von Samih Sawiris (69) und seinem Sohn Naguib (34), gibt man sich zurückhaltend. Laut Raphael Krucker (46), CEO der Resortbetreiberin Andermatt Swiss Alps, hat der Krieg im Iran nicht zu einer erhöhten Nachfrage potenzieller Immobilienkäufer aus dem Nahen Osten geführt. «Wir erwarten auch künftig keine signifikante Nachfrage aus dieser Region. Der überwiegende Teil unserer Immobilienkäufer kommt weiterhin aus der Schweiz und dem übrigen Europa.»