Darum gehts
Beim Gorner-Stausee müssen die Firma Grande Dixence und ihre Mehrheitsaktionärin Alpiq fast alle Eckdaten korrigieren: Die Mauer wächst zusätzlich um 15 Meter in die Höhe und 30 Meter in die Breite. Die Kosten explodieren von 300 auf 514 Millionen Franken – ein Plus von 70 Prozent.
Der Stausee kann erst in 20 bis 35 Jahren voll genutzt werden, auch wenn der Gletscher unter Wasser gesetzt wird und dadurch zehn Jahre schneller schmilzt. Das Nutzvolumen beträgt anfänglich 37 und später 120 statt wie versprochen 150 Millionen Kubikmeter. Daher entsteht weniger Winterstrom: maximal 550 statt 650 Gigawattstunden, für 118’000 statt wie angekündigt 140’000 Haushalte.
Das ist ein Beitrag aus dem «Beobachter». Das Magazin berichtet ohne Scheuklappen – und hilft Ihnen, Zeit, Geld und Nerven zu sparen.
Das ist ein Beitrag aus dem «Beobachter». Das Magazin berichtet ohne Scheuklappen – und hilft Ihnen, Zeit, Geld und Nerven zu sparen.
Eine unabhängige Überprüfung? Unmöglich
Dennoch wollen Energieminister Albert Rösti und die beteiligten Stromkonzerne das Projekt durchziehen. Auf Druck von Kritikern liess Alpiq die Naturgefahren für den Stausee von einem Walliser Geologenbüro analysieren. Doch die Studie bleibt unter Verschluss: Sie sei «noch nicht bereit für die Weitergabe», erklärt Mediensprecher Laurent Savary. An einem Informationsanlass für die Zermatter Bevölkerung Ende Juni fasste die beauftragte Geologin die Erkenntnisse so zusammen:
- Die «Grenze für das Überschwappen von Wasser aufgrund von Felsstürzen und Prozessketten» liegt auf der rechten Talseite bei 50’000, auf der linken bei 500’000 Kubikmetern.
- Das Maximalszenario ist ein «Felsabbruch im Umfang von 1 Million Kubikmetern und 5 Millionen Kubikmetern Erosion».
- Rund um den Stausee besteht bei 18 Hängen die Gefahr von teils «sehr grossen Felsstürzen», bei denen «ein Impakt in den See möglich» ist.
Bei dieser Ausgangslage überrascht das Fazit, das das Geologiebüro zieht. Nämlich: Es wird «aktuell keine Gefahr für die Bevölkerung von Zermatt durch Impulswellen erwartet».
ETH arbeitet mit
Der Beobachter legte die Powerpoint-Präsentation mehreren Experten vor, und diese sind sich einig: Dieses Fazit ist nicht nachvollziehbar. Sie wollen sich indes erst namentlich äussern, nachdem sie die kompletten Studien einsehen und validieren konnten. Doch diese bleiben geheim.
Der Alpiq-Sprecher bekräftigte nach vier Tagen interner Abklärungen lediglich, was in der Präsentation steht: «Aktuell» bestünden «keine Anzeichen für Felsstürze», und ein Maximalszenario sei «nicht realistisch», da es «keine grösseren Felspakete» gebe, von denen man ausgehen müsse, dass sie «bald abstürzten».
Damit behält der Energiekonzern die Deutungshoheit über die von ihm finanzierten Studien, ohne die Grundlagen offenzulegen. Kritiker monieren, dass das Walliser Büro in seiner Powerpoint-Präsentation wiederholt auf Teilstudien der ETH verwies, aber die Bedrohung durch Naturgefahren selbst interpretierte und Entwarnung gab – etwa beim zentralen Thema, den Anrissszenarien für Bergstürze.
In der Präsentation figuriert das Logo der ETH nur auf einzelnen Seiten, nicht aber bei den Schlüsselfolien zu Naturgefahren und beim Fazit. Der Alpiq-Sprecher bestätigt auf Nachfrage, dass die Gefahreneinschätzung nicht von der ETH, sondern vom Walliser Geologenbüro stammt. Und dieses verweigert in Absprache mit Alpiq jegliche Auskunft.
Stausee wird nicht ganz gefüllt
Der einzige anwesende ETH-Professor referierte am Informationsanlass ausschliesslich über Modelle zur Abschätzung von Wasserabflüssen und zum Einfluss des Stausees auf den Gletscher, wenn dieser überflutet wird: Dann kommt es zu Eisabbrüchen.
Auch bei diesem Punkt ergänzte das lokale Büro: Dies könne zwar eine «sehr grosse Flutwelle» erzeugen, aber «durch einen kontrollierten Einstau verhindert werden». Alpiq gab am Anlass bekannt, dass der Stausee deswegen nicht bis ganz oben gefüllt wird: Unterhalb der Krone wird ein «Freibord» von 4,2 statt 1 Meter ausgespart, um die Gefahr von überschwappenden Flutwellen zu verringern.
Ob dies reicht? Der Doyen der Schweizer Alpenforschung, Wilfried Haeberli, hatte schon im April 2025 im Beobachter vor grossflächigen Hanginstabilitäten am Gorner gewarnt: Er sprach von «einer Hochwassergefahr von historischem Ausmass» für Zermatt, falls ein Bergsturz den entstehenden natürlichen See oder den Stausee erreicht.
Gefahr wird «systematisch unterschätzt»
Haeberli hat soeben eine neue wissenschaftliche Studie publiziert. Darin warnt er anhand von zwei Fallstudien, dass sich grosse Bergstürze ereignen können, bevor der Permafrost komplett aufgetaut ist: Das thermische Ungleichgewicht in Steilflanken und dessen Folgen für die Stabilität würden «systematisch unterschätzt».
Haeberli erwartet deshalb künftig «eine weitere Zunahme von Häufigkeit und Umfang von Sturzereignissen». Er hat eine komplexe Methode entwickelt, mit der «die Wahrscheinlichkeit und Wiederkehrdauer grosser Fels- und Eisstürze» abgeschätzt werden kann, die man auch am Gorner anwenden könnte.
Den Wasserspiegel abzusenken dauert sieben Tage
Alpiq schreibt zu solchen Einwänden nur, seine Fachleute würden «ein umfangreiches Monitoring empfehlen», und relativiert: «Wie in der Gefahrenbeurteilung üblich können mit der Zeit Neubeurteilungen notwendig werden.» Das Unternehmen betont, seine Staumauer sei sicherer: Ohne diese würde durch die Gletscherschmelze über Jahrzehnte ein grosser natürlicher See entstehen, bei dem die Folgen von Flutwellen nach einem Bergsturz grösser wären.
Beobachter-Recherchen widerlegen diese Logik jedoch: Der künstliche Stausee wird 50 Meter tiefer und seine Fläche wird mehr als doppelt so gross, wie Alpiq bestätigt. Er fasst also viel gewaltigere Wassermassen. Alpiq betont dazu, dass man den Wasserspiegel bei Gefahr innerhalb von sieben Tagen um 15 Meter absenken könne – eine lange Reaktionszeit bei einem Felssturz.
Flutgefahr besteht – mit oder ohne Stausee
Einig sind sich Experten und Stromkonzerne derzeit nur in einem Punkt: Hochwasserschutz braucht Zermatt in jedem Fall – mit oder ohne Stausee. Kritische Bergführer wie Benedikt Perren und Hoteliers der «IG Gornerli» verlangen, dass zusätzlich zum entstehenden natürlichen See ein leerer, nicht für die Stromgewinnung genutzter Erddamm als Auffangbecken erstellt wird.
Diese Variante hat Alpiq zunächst verworfen, weil sie nicht rentabel sei. Sie versichert neuerdings, dass sie von einer Arbeitsgruppe doch noch geprüft wird. Ob die Studie dazu dann auch geheim gehalten wird?