Rauswurf im grossen Stil jetzt auch in der Romandie
107 Mieter und 15 Gewerbetreiber erhalten in Genf die Leerkündigung

Weil die Eigentümerin die fünf Gebäude renovieren will, müssen alle Bewohner raus. Der Mieterverband Asloca rät zur Anfechtung. Teils haben die Mietparteien nur sechs Monate, um eine neue Wohnung zu finden.
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In diesen Wohnblöcken im Haussmann-Stil wohnen Mieter und Mieterinnen teilweise schon über 30 Jahre.
Foto: Screenshot

Darum gehts

  • 107 Mietparteien am Carl-Vogt Boulevard in Genf erhalten die Leerkündigung
  • Betroffen sind auch 15 Geschäfte im Untergeschoss
  • Betroffene Mieter planen Widerstand und wollen Kündigungen anfechten
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Nathalie BennRedaktorin Wirtschaft

In den weiss gestrichenen Altbauten am historischen Carl-Vogt-Boulevard im Genfer Quartier La Jonction wohnt man an bester Lage. Und die Mieten sind erst noch günstig: 1800 Franken pro Monat für eine Fünfzimmerwohnung? Das klingt für viele utopisch, ist für ein dortiges Genfer Rentnerpaar aber Realität. 

Dies jedoch nicht mehr lange, wie die Zeitung «Tribune de Genève» berichtet. Die 107 Mietparteien und 15 Geschäfte der Häuser 35 bis 43 müssen alle raus. Die Pensionskasse des Kantons Basel-Stadt – Eigentümerin der insgesamt fünf Wohnblöcke – will die Bauten aus dem frühen 20. Jahrhundert komplett renovieren. Darum erhielten die Betroffenen am vergangenen Montag vom Immobilienverwalter Naef die Leerkündigung.

Bewohner bekamen teils nur sechs Monate Vorlauf

Der Schock im Quartier sitzt tief – bei Anwohnern und Geschäftsführern. Die Kündigungsfrist ist teils knapp: So muss besagtes Ehepaar laut der Zeitung bis zum 30. Juni dieses Jahres eine neue Bleibe gefunden haben. Bei einigen Geschäften läuft der Vertrag immerhin bis Mai 2027.

Trotzdem: Die Entrüstung ist gross. Eine betroffene Inhaberin eines italienischen Restaurants berichtet, bereits mehrere Tausend Franken für Renovationen in ihrer Beiz investiert zu haben. Bei der Übernahme im Februar 2025 habe sie niemand über die Pläne der Eigentümerin informiert. 

Wollen Kündigung anfechten

Der anfängliche Schock schlug schnell in Wut um. Im Quartier formiert sich Widerstand. So seien in den kommenden Tagen mehrere Versammlungen geplant, um gegen die Kündigungen vorzugehen, schreibt die Zeitung. Ein Anwalt des Mieterverbands Asloca – der die Betroffenen unterstützt – spricht von einem Präzedenzfall in der Westschweiz: «Einen Fall dieser Grössenordnung gab es so in der ganzen Romandie noch nie», sagt dieser der «Tribune de Genève». 

Er ruft die Mieter dazu auf, die Kündigungen anzufechten. Ein solcher Einspruch könne das Verfahren um Jahre verzögern, da die Kündigungen bis zur endgültigen gerichtlichen Klärung ausgesetzt bleiben würden.

So können sich Mieter wehren

Ins gleiche Rohr bläst auch Walter Angst (60), Sprecher des Zürcher Mieterverbands. Dieser rät Betroffenen im Gespräch mit Blick: «Man soll sich so früh wie möglich bei einem Verband melden.» Am besten noch bevor das Bauvorhaben ausgearbeitet worden ist.

Wenn es trotzdem zur Kündigung komme, sollten so viele Liegenschaftsmieter wie möglich eine Anfechtung einreichen und mehr Zeit für die Wohnungssuche verlangen, rät Angst.

Dies probieren kann man immer. Es gibt aber Ausnahmefälle, wie ein Beispiel in der Stadt Bern zeigt: die 142 Mieter von acht Häusern am Berner Loryplatz erhielten vergangenen November die Kündigung. Damals sprach die Versicherung und Eigentümerin Allianz die Kündigungen bereits per Ende Februar 2026 aus – nur vier Monate im Voraus! Doch den Betroffenen wurden kurz darauf Vereinbarungen zur Verlängerung angeboten. Davon haben auch alle Anwohner Gebrauch gemacht. Mit der Einwilligung verzichteten sie gleichzeitig auf eine Anfechtung.

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