Darum gehts
- Vollzeit arbeitet Pflegeassistentin Rosu nur auf dem Papier; in Wirklichkeit fallen zig Überstunden an
- Der Alltag im Heim umfasst Blut, Beleidigungen und sexuelle Belästigung gegen Pflegende
- Nur wenige Pflegende arbeiten mit 40 noch im Gesundheitswesen
«Nach der Schicht spüre ich oft: Ich kann nicht mehr!», sagt Ionela-Catalina Rosu (55). Rosu arbeitet seit über 28 Jahren in der Pflege. Seit fast zwölf Jahren ist die Rumänin in der Schweiz. Aktuell ist sie Pflegeassistentin in einem Ostschweizer Pflegeheim, arbeitet 100 Prozent.
Wobei 100 Prozent nur auf dem Papier stimmt. Mit Überstunden sind es deutlich mehr. Besonders dann, wenn jemand aus dem Team krank oder in den Ferien ist, hat die Arbeitswoche viele zusätzliche Stunden.
Dienstplan lässt kaum Raum für Erholung
Die Arbeit ist fordernd. «Eigentlich sollten wir in der Morgenschicht zu zweit sein, um die bettlägerigen Patienten zu drehen und zu waschen. Schliesslich sind sie teils 80, 90 oder 100 Kilo schwer», erklärt sie im Gespräch mit Blick. Aber dafür fehlt das Personal. Deshalb ist Rosu bei der Morgenpflege oft allein – oder muss warten, bis eine Kollegin Zeit hat, ihr zu helfen. «Das ist streng.» Glücklicherweise sei wenigstens an der aktuellen Stelle der Zeitdruck nicht mehr so gross. «Am alten Ort hiess es: Du hast 20 Minuten pro Patient; dann musst du weiter.»
Der straffe Dienstplan lässt kaum Raum für Erholung. «Oft schlafe ich nur vier bis fünf Stunden, muss morgens um 4 Uhr zur Frühschicht. Bei Schnee und Glätte ist das besonders gefährlich», sagt Rosu. Dem Arbeitgeber sei das egal. Obwohl sie so übermüdet bis abends oft nicht voll konzentriert und effizient arbeiten könne.
Auch psychisch verlangt ihr der Job viel ab: Als sie neu in der Schweiz war, hätten sich viele Patienten aggressiv oder beleidigend verhalten. «Ich war damals dankbar, dass ich nicht jeden Mundartausdruck verstand, den sie mir an den Kopf geworfen haben», meint Rosu. Auch sexuelle Übergriffe hat sie schon erlebt. «An meinem alten Arbeitsort hat ein Patient alle Pflegenden begrapscht, ob Mann oder Frau. Die Leitung wusste davon, hat aber nichts unternommen für den Schutz der Angestellten.» Psychologische Unterstützung gibt es keine.
Eine Branche im Teufelskreis
Der Fachkräftemangel sei bis in die Führungsetage spürbar. «Die Leitung ist auch überlastet. Probleme bleiben liegen. Die Stimmung im Team ist schlecht.» Ein Teufelskreis, denn die Fluktuation wird dadurch nicht geringer.
Wie viele Fachkräfte die Branche verlassen, zeigt ein aktueller Bericht des staatlichen Gesundheitsobservatoriums (Obsan) eindrücklich: Unmittelbar nach dem Lehrabschluss arbeiten zwischen 51 und 60 Prozent der Absolventinnen und Absolventen im Gesundheitswesen. Im Alter von 40 sind es nur noch 22 Prozent. Der akute Fachkräftemangel wird sich laut Obsan-Experten in den kommenden Jahren massiv verschärfen.
Zwar läuft in der Schweiz die Ausbildung an Pflegefachkräften auf Hochtouren. Und doch fehlen laut dem aktuellen Bericht des staatlichen Gesundheitsobservatoriums (Obsan) im Jahr 2033 je nach Szenario mehrere Zehntausend Fachleute.
Das hat gleich mehrere Gründe: Weil die Schweizer Bevölkerung immer älter wird, steigt erstens der Bedarf an Pflegefachkräften deutlich. Zweitens arbeiten viele Absolventinnen und Absolventen nach ihrer Ausbildung gar nicht erst im Gesundheitswesen oder verlassen die Branche bereits nach wenigen Jahren wieder. Und drittens werden in den kommenden Jahren besonders viele erfahrene Fachleute pensioniert.
Die Obsan-Forscher diagnostizieren, dass der Fachkräftemangel bei den Pflegenden mit einem Abschluss an einer Fachhochschule oder einer höheren Fachschule besonders gross sein wird. Je nach Szenario deckt der verfügbare Nachwuchs nicht einmal die Hälfte des Bedarfs. Im schlechtesten Fall fehlen der Schweiz schon bald über 30’000 Nachwuchskräfte.
Zusätzlich fehlen beim Pflegepersonal mit Lehrabschluss bis zu 20’000 weitere Fachleute. Die Prognosen sehen damit düsterer aus als bisher angenommen.
Die Lösung kommt aus dem Ausland. Schon heute kommt ein Drittel der Nachwuchskräfte aus dem Ausland. Diese Abhängigkeit sei allerdings heikel, warnen die Forschenden. Denn auch im Ausland herrsche Fachkräftemangel.
Zwar läuft in der Schweiz die Ausbildung an Pflegefachkräften auf Hochtouren. Und doch fehlen laut dem aktuellen Bericht des staatlichen Gesundheitsobservatoriums (Obsan) im Jahr 2033 je nach Szenario mehrere Zehntausend Fachleute.
Das hat gleich mehrere Gründe: Weil die Schweizer Bevölkerung immer älter wird, steigt erstens der Bedarf an Pflegefachkräften deutlich. Zweitens arbeiten viele Absolventinnen und Absolventen nach ihrer Ausbildung gar nicht erst im Gesundheitswesen oder verlassen die Branche bereits nach wenigen Jahren wieder. Und drittens werden in den kommenden Jahren besonders viele erfahrene Fachleute pensioniert.
Die Obsan-Forscher diagnostizieren, dass der Fachkräftemangel bei den Pflegenden mit einem Abschluss an einer Fachhochschule oder einer höheren Fachschule besonders gross sein wird. Je nach Szenario deckt der verfügbare Nachwuchs nicht einmal die Hälfte des Bedarfs. Im schlechtesten Fall fehlen der Schweiz schon bald über 30’000 Nachwuchskräfte.
Zusätzlich fehlen beim Pflegepersonal mit Lehrabschluss bis zu 20’000 weitere Fachleute. Die Prognosen sehen damit düsterer aus als bisher angenommen.
Die Lösung kommt aus dem Ausland. Schon heute kommt ein Drittel der Nachwuchskräfte aus dem Ausland. Diese Abhängigkeit sei allerdings heikel, warnen die Forschenden. Denn auch im Ausland herrsche Fachkräftemangel.
Trotz allem ihr «Traumjob»
Dass so viele der Branche den Rücken kehren, erstaunt Rosu nicht. Auch sie fragt sich oft, ob sich das alles wirklich lohnt. Mal für Mal kommt sie zum Schluss: Ja, tut es. «Für mich ist es ein Traumjob. Ich wollte schon immer anderen helfen.» Deshalb engagiere sie sich auch bei der Gewerkschaft Unia und beim Care-Streik. Nicht unbedingt, um für sich selbst bessere Arbeitsbedingungen herauszuholen, sondern, damit alle in der Pflege ein besseres Gleichgewicht hätten zwischen Belastung im Job und Privatleben.
Werbung für eine Ausbildung oder einen Job im Gesundheitswesen sei zwar sinnvoll. Aber meist würden die Pflegenden als lächelnde Schutzengel dargestellt. Mit der Realität habe das wenig zu tun, sagt Rosu. «Der Arbeitsalltag ist Blut, Erbrochenes, Tränen, Kot und Schweiss. Das ist nicht immer einfach, aber die Realität.» Der neuen Generation müsse diese Wirklichkeit bewusst sein. Man müsse wohl ein bisschen dazu berufen sein – und vor allem müsse man Menschen lieben –, damit man all das in Kauf nimmt.
Auch wenn sie oft ans Aufhören denkt, geht sie am Ende doch genau in die entgegengesetzte Richtung: Sie hat gerade für eine neue Stelle in der Pflege unterschrieben – eine, für die sie weniger weit pendeln muss. Zudem arbeitet sie daran, dass ihr Abschluss aus Rumänien auch in der Schweiz anerkannt wird. Dafür fehlt ihr nur noch das Sprachdiplom. Die neue Chefin habe ihr versprochen, sie dabei zu unterstützen, sagt Rosu voller Tatendrang.