Darum gehts
- Kurze Waffenruhe am Golf senkt vorerst Rohölpreis, Aktien weltweit im Plus
- Ölpreis bleibt ein Drittel teurer als vor Kriegsausbruch
- Versorgung der Schweiz dank Pflichtlagern bis zu 22 Monate gesichert
Die Märkte haben zunächst euphorisch auf den kurzen Waffenstillstand am Persischen Golf reagiert. Rund um den Globus waren die Aktien deutlich im Plus. Ein Fass Brent-Rohöl kostete zeitweise 20 Dollar weniger als noch vor Ostern.
Doch viele Beobachter halten die Marktreaktionen für übertrieben. Viele fragen sich, ob die Feuerpause von US-Präsident Donald Trump (79) und dem Iran wirklich die zwei Wochen hält, wie von Konfliktparteien in Aussicht gestellt. Der Iran zieht bereits die Schrauben an. Freie Fahrt durch die Strasse von Hormus bleibt Wunschdenken – die Schlagader der Weltwirtschaft ist bereits wieder geschlossen.
Zwar ist die Preisexplosion bei Benzin, Diesel oder Heizöl fürs Erste gestoppt. Doch es könnte noch lange dauern, bis die Preise wieder auf Vorkriegsniveau sinken. Zur Erinnerung: Öl ist immer noch ein Drittel teurer als vor Kriegsausbruch. Wir zahlen also weiterhin einen hohen Preis für den Konsum.
Diffuse Lage am Persischen Golf
Die Ökonomin und Rohstoffexpertin Cornelia Meyer kann den abrupten Fall des Ölpreises nicht nachvollziehen: «Dieser Preiseinbruch ist viel zu scharf. Niemand weiss, wie sicher die Durchfahrt durch die Strasse von Hormus wirklich ist und wie das nun genau organisiert werden soll.» Kommt dazu, dass – je nach Schätzung – 800 bis 1000 Frachtschiffe und Tanker seit Kriegsausbruch auf die Durchfahrt warten. Dieser Schiffsstau muss erst abgebaut werden. Zudem droht eine Durchfahrtsgebühr von bis zu 2 Millionen Dollar pro Tanker. Mehrkosten, die am Ende jemand bezahlen muss!
Meyer erwartet in den nächsten Tagen stark schwankende Ölpreise: «Angst macht mir die hohe Volatilität, mit jeder News wird der Preis in die eine oder andere Richtung ausschlagen.» Diese Unsicherheit verunmöglicht Planungssicherheit, lässt viele Firmen bei Investitionen zögern. Das ist schlecht für die gesamte globale Wirtschaft.
Versorgung mit Treib- und Brennstoffen sicher
«Unmittelbar hat die Waffenruhe keinen Einfluss auf die Verfügbarkeit von Mineralölprodukten. In der Schweiz ist die Versorgung mit lebenswichtigen Gütern weiterhin gewährleistet», schreibt das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) auf Anfrage. Damit könnte es aber bald schon vorbei sein. Die bereits bestellten Mengen von Mineralölprodukten sicherten die Versorgung der Schweiz bis Ende April, so das BWL, und ergänzt: «Ab Mai 2026 ist mit ausbleibenden Lieferungen in Europa zu rechnen.» Was dann auch die Schweiz zu spüren bekäme – in Form höherer Preise oder einer schlechteren Versorgung.
Käme es tatsächlich zu einer Mangellage bei Treib- oder Brennstoffen, könnte der Bund die Freigabe der Pflichtlager verordnen. Diese werden von den Mitgliedern von Carbura gehalten. «Im Gegensatz zu anderen Ländern lagert die Schweiz Fertigprodukte. Benzin, Diesel oder Heizöl könnten über die bestehenden Logistikketten im Ernstfall zum aktuellen Marktpreis schnell ausgeliefert werden», sagt Andrea Studer (56), Geschäftsführerin von Carbura.
Grundsätzlich reichen die Vorräte in der Schweiz bei Benzin, Diesel und Heizöl für viereinhalb Monate, bei Kerosin für drei Monate – bei einem Totalausfall der Lieferungen. «Durch die Sperrung der Strasse von Hormus ist das globale Angebot um gut 20 Prozent gesunken», erklärt Studer und rechnet vor: «Bleibt es bei dieser Grössenordnung, reichen die Schweizer Vorräte an Benzin, Diesel und Heizöl rund 22 Monate.»
Bezahlt werden die Pflichtlager durch Konsumentinnen und Konsumenten: Für die Sicherstellung der Landesversorgung in den Pflichtlagern werden auf jeden Liter Diesel 0.15 Rappen pro Liter draufgeschlagen.
«Noch fünf Tage, dann sinken Benzinpreise»
«Es wird rund fünf Tage dauern, bis die Preise an der Zapfsäule wieder sinken», erklärt der Tankstellenbetreiber Markus Gasser (57). Dabei ist zum Beispiel der Dieselpreis im Einkauf bereits am Mittwochmorgen um 15 Rappen billiger als am Vortag, wie Gasser weiss. Allerdings werden viele Tankstellenbetreiber erst noch die teuer eingekauften Vorräte der letzten Woche abverkaufen, ehe sie die Preise an der Zapfsäule senken. Immerhin: Mit weiteren Preiserhöhungen ist in den nächsten Tagen nicht zu rechnen.
Heizöl billiger, Gaspreise auf Vorkriegsniveau
Im Gegensatz zum Benzin hat der Heizölpreis sofort auf die Feuerpause reagiert. Fast parallel zum Ölpreis kostet Heizöl 11,5 Prozent weniger als noch am Vortag. Die Gaspreise sind sogar schon wieder auf das Vorkriegsniveau gefallen. Die Angst vor explodierenden Preisen in Europa und der Schweiz hat sich bislang als unbegründet erwiesen. Das hat viel mit den sommerlichen Temperaturen zu tun. Der Bedarf an Heizenergie ist momentan gering. Allerdings sind die Gasspeicher in Europa im Moment nur zu gut 28 Prozent gefüllt. Das heisst, vor dem nächsten Winter muss noch einiges Gas gebunkert werden. Sollte die Waffenruhe nicht halten, könnte die Gaspreisexplosion doch noch eintreten.
Kerosin ist Mangelware – Fliegen wird teurer
Wer mit dem Flugzeug auf Reisen geht, zahlt kurz- bis mittelfristig mehr. Denn Kerosin ist Mangelware. Vor allem in Asien werden viele Flüge gestrichen, weil der Treibstoff fehlt. Zudem zwingt der Krieg am Golf die Airlines zu Umwegen, was den Kerosinverbrauch erhöht. Treibstoffkostenzuschläge von 50 bis 90 Euro sind in der Schifffahrtsbranche für die Fahrgäste bereits Realität. Das heisst: Ohne Beruhigung am Golf werden Schiffsreisen – egal ob auf Fluss oder Meer – in diesem Jahr einiges mehr kosten.