Darum gehts
- Iran-Krieg treibt Ölpreise in die Höhe, Wirtschaftswachstum in der Schweiz leidet
- Analyse: konstant hoher Ölpreis halb so wild, Volatilität bremst globales Wachstum
- Starke Preisschwankungen könnten 2026/2027 Handel in Afrika und Nahost schwer treffen
Ein Seufzer hier, ein Ächzer dort: So die Reaktionen der Autofahrer in den Wochen seit Ausbruch des Iran-Kriegs, nachdem die Preise an den Zapfsäulen schon wieder einen Sprung nach oben gemacht haben.
Während steigende Spritpreise die breite Bevölkerung finanziell belasten und ärgern, kümmert die Experten vor allem die Höhe des Ölpreises: Bei rund 90 US-Dollar pro Fass wächst die Schweizer Wirtschaft gemäss Prognose nur noch mit 0,7 statt 1 Prozent. Hält sich der Preis längerfristig bei 120 US-Dollar, ist von einer globalen Krise die Rede. Aktuell liegt er bei gut 105 Dollar. Nun greift eine neue Analyse diesen starken Fokus aufs Preisniveau an.
Autor ist Simon Evenett (56), Professor für Handels- und Geopolitik am renommierten Internationalen Institut für Managemententwicklung (IMD) in Lausanne. Seine Kernbotschaft: Ein hoher, aber stabiler Ölpreis ist verkraftbar. Das wahre Gift für die Weltwirtschaft ist die Volatilität – also das unberechenbare Schwanken der Preise.
Erhöhter Preis nicht das Problem
Evenett hat in seiner Analyse die Ölpreise und Handelsvolumen von 2000 bis 2026 unter die Lupe genommen. Ein überraschendes Ergebnis: Ein konstant hoher Ölpreis kann in vielen Fällen das globale Handelswachstum beschleunigen. Steigt das Ölpreisniveau um 10 Prozent, nimmt der Handel um 0,38 Prozentpunkte zu. Der Grund: Energieexportierende Länder erzielen höhere Einnahmen, die sie wiederum für den Import von Waren und Dienstleistungen ausgeben.
Über stärkere Preisschwankungen hingegen freuen sich nur Börsenspekulanten. Bereits ein Anstieg der Volatilität um 10 Prozent bremst das Wachstum des Welthandels spürbar aus. Und der Ölpreis fährt derzeit Slalom. US-Präsident Donald Trump (79) macht beinahe im Tagesrhythmus Ankündigungen, die die Börsen verrückt spielen lassen.
Schwankungen wirken wie ein Tsunami
Was an Evenetts Analyse zudem beunruhigt: Die Preisschocks lösen ein Beben aus, auf die noch ein Tsunami folgt – und zwar in etwa 19 Monaten. Dann entfaltet sich die volle Wirkung.
Der Grund für die Verzögerung: Fährt der Ölpreis Achterbahn, ziehen die Bosse weltweit die Reissleine. Investitionen werden gestoppt. Lieferverträge nach dem Auslaufen neu verhandelt – unter Berücksichtigung der neu höheren Volatilität. Zudem werden Lager geleert. All das lässt den Handel später einbrechen – und zwar drei bis vier Mal stärker als beim Ausgangspunkt.
Der Schlamassel sei bereits angerichtet, ist der Experte überzeugt. Auch wenn Trump im Iran einen Frieden aushandelt oder sich die Lage etwas beruhigt. Da die Ölpreise in den vergangenen Wochen und Monaten aufgrund des Konflikts bereits massiv geschwankt haben, sei dieser Abwärtstrend für den Handel «bereits in der Pipeline». Evenett schreibt explizit, dass Erklärungen, der Welthandel sei gegenüber dem Konflikt robust geblieben, verfrüht sind.
Forderungen in Richtung Behörden
Die schwerwiegendsten Auswirkungen kämen demnach Ende 2026 und 2027. Wobei es grosse geografische Unterschiede gibt. Mit Abstand am härtesten würde es Länder in Afrika und im Mittleren Osten treffen.
Für Evenett ist deshalb klar: Der Fokus in der Politik dürfe nicht sein, den Ölpreis künstlich zu drücken, sobald er in die Höhe geht. Strategische Ölreserven sollten vor allem eingesetzt werden, um wilde Preissprünge zu glätten, so sein Fazit.