Darum gehts
Der Weg zu den Clozels führt über die steilen Strassen von Binningen, dorthin, wo Basel am exklusivsten ist. Wo ausladende Anwesen diskret hinter hohen Hecken schweigen und wo selbst der Asphalt etwas leiser als anderswo zu rauschen scheint. Clozels Villa ist in bestem baslerischem Understatement erst auf den zweiten Blick als solche zu erkennen. Im Foyer geben grosse Glasfronten den Blick über die Stadt bis in die Vogesen und den Schwarzwald frei. An diesem strahlenden Vorfrühlingstag liegt die Zukunft von Idorsia zum Greifen nah: Von hier aus sieht man die Türme von Roche.
Roche, da kommt Jean-Paul Clozel her. Beim Basler Pharmariesen leitete er vor Jahrzehnten die klinische Forschung in der Kardiologie, bevor ihm die Pharma-Altmeister vom Rhein zwei Restposten aus ihrem Wirkstoffarsenal überliessen, die sie für zu wenig vielversprechend hielten. Daraus baute er Actelion, das er 2017 für spektakuläre 30 Milliarden Dollar an die amerikanische Johnson & Johnson verkaufte; es ist bis heute die grösste europäische Pharma-Übernahme aller Zeiten.
Dieser Artikel wurde erstmals im Angebot von handelszeitung.ch veröffentlicht. Weitere spannende Artikel findest du unter www.handelszeitung.ch.
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Roche, da will er wieder hin. Ein dritter Basler Pharmakonzern soll Idorsia einmal werden, ein Unternehmen wie Roche, das Jahrzehnte überdauern soll. «Wenn ich an Roche denke, dann ist es ein Wunder, dass das Unternehmen nun schon in der fünften Generation in einer Hand ist. Das wünsche ich mir für meine Kinder und Kindeskinder auch», sagt der Patron, während jemand Kaffee und Kekse bringt. So weit die Vision.
Zurück im Krisenmodus
Doch bevor die Zukunft für Idorsia beginnen kann, heisst der Modus nochmals: Krise. Seit dem abrupten Abgang von CEO Srishti Gupta nach nicht einmal neun Monaten im Amt schwächelt die Aktie wieder. Das nach dem Beinahekollaps von 2024 mühsam zurückgewonnene Vertrauen ist zumindest zum Teil wieder dahin.
Eine Zahlung von 350 Millionen Dollar von Viatris, einer US-Pharmavertriebsmaschine, sicherte damals die Existenz. Zudem wurden Schulden über 762 Millionen Franken in die neue Gesellschaft Idorsia Investments transferiert, deren Zweck darin besteht, die Gläubiger zu bedienen.
Doch die Pille, die Idorsia dafür schlucken musste, war bitter. Denn mit den Schulden wurden auch die Rechte am zugelassenen Blutdrucksenker Aprocitentan und an zwei möglichen Blockbustern ausgelagert; es geht um mögliche Medikamente zur Behandlung von Herzinfarkten und von Lupus, einer schweren Autoimmunerkrankung, die bis jetzt kaum behandelt werden kann. Die Kosten für die Entwicklung und Vermarktung der Produkte tragen die Amerikaner. Und die Lizenzgebühren wandern so lange in das neue Idorsia-Konstrukt, bis die Gläubiger bedient sind. Erst dann fliesst wieder Cash zu Idorsia. Financial Engineering für Fortgeschrittene.
Für Jean-Paul Clozel ist der Abgang seiner CEO die Stunde der «lessons to learn». Dazu gehört die Erkenntnis, dass sich eine Idealbesetzung für den obersten operativen Chefposten nicht aus dem Ärmel schütteln lässt. Die Nominierung der damaligen Verwaltungsrätin Srishti Gupta zur operativen Chefin war aus Not geboren. «Wir hatten schlicht keine Zeit für eine lange Suche», sagt der Patron, der nun bis auf Weiteres in der Doppelrolle als CEO und Verwaltungsratspräsident figuriert. Man kannte sich, ein langwieriges Abwägen des Dafür und Dawider schien nicht nötig – nur um irgendwann feststellen zu müssen, dass man eben doch nicht auf der gleichen Wellenlänge war.
Umsatz, Umsatz, Umsatz
Im Gespräch vermeidet der 70-jährige Jung-CEO direkte Kritik an seiner Vorgängerin. Aber er sagt, wie er die Rolle eines operativen Chefs versteht. Ein guter CEO sei ein Facilitator, einer, der die Dinge möglich mache und nicht selbst in alle Entscheidungen involviert sei. «Ein guter Chef kann problemlos fünf Wochen in Urlaub gehen, und alles läuft weiter.» Keine Grauzonen gibt es bei der Rollenverteilung: «Bei der Strategie hat der Verwaltungsrat das letzte Wort, der CEO hat die Aufgabe, sie zu implementieren.» Und dann ist da noch das Unbehagen über die amerikanische Art, die dazu tendiert, erst einmal alles «exciting» und «fantastic» zu finden. «Ich bin anspruchsvoll, ich mag Mitarbeiter, die immer nach mehr streben», so der Basler Pharma-Patron.
Wer bei Idorsia als Nächster übernehme, der müsse mit einem einzigen Gedanken aufwachen: Umsatz. «Die Priorität des neuen CEO muss sein: Wie steigere ich den Verkauf? Nicht: Wie senke ich die Kosten?», sagt der Gründer. Gesucht wird eine junge Kraft mit Biss und der Erfahrung eines Pharma-Veteranen. Jemand, der oder die versteht, dass Profitabilität nur eine Zwischenstation ist. Denn Clozel weiss: «Das reicht nicht, die Investoren wollen eine steigende Profitabilität sehen, und die gibt es nur mit Wachstum.» Ob das die strategischen Differenzen waren, von denen die Mitteilung zum Ausscheiden der Chefin sprach? No comment.
Mehr Unabhängigkeit im Verwaltungsrat
Die zweite Lehre betrifft die Corporate Governance – sie begleitet Idorsia, seit es 2017 mit einer prallvollen Wirkstoff-Pipeline und einem Cash-Polster von 1 Milliarde Franken aus der Taufe gehoben wurde. Die alten Netzwerke kratzen an der Glaubwürdigkeit, das weiss auch Clozel. Bereits bei der Verabschiedung von Gupta stellte er deshalb eine Verstärkung der kommerziellen Kompetenzen im Verwaltungsrat in Aussicht. Seither ist klar geworden, worin sie bestehen wird. Mit Natalia Misciattelli und Gabriel Baertschi sollen zwei international profilierte Köpfe und Pharmaprofis zum Gremium stossen. Misciattelli gilt als ausgewiesene Life-Science-Beraterin, Baertschi war CEO der deutschen Grünenthal, wo er sich dafür einsetzte, den Contergan-Opfern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Das Schlafmittel führte in den 1950er- und 1960er-Jahren dazu, dass Tausende Kinder mit verkürzten Armen und Beinen zur Welt kamen. Bei vielen war die Behinderung so stark, dass sie starben.
Die beiden Nominationen stehen für den Abschied aus der Komfortzone und der Entwicklung hin zu einem Kontrollorgan, das den Patron kritisch begleiten soll. «Ich will Gesichter im Verwaltungsrat, die ich noch nie gesehen habe», sagt Clozel. Nur: Der Posten des Lead Independent Director, der unabhängigen Stimme im Verwaltungsrat, liegt weiterhin in den Händen von Mathieu Simon. Der Actelion-Veteran gehört seit Jahren zum Kreis um Clozel und war auch bei Idorsia von Anfang an dabei. Mit André C. Muller kehrt zudem ein alter Vertrauter zurück: Der CFO und Vorgänger von Srishti Gupta hat das Unternehmen mit dem Viatris-Deal vor dem Absturz bewahrt. Ob diese Mischung aus «frischem Wind» und dem Festhalten an bewährten Kräften das ist, was die Herzen der Investoren höherschlagen lässt, wird man sehen.
Klar ist: Mit dem Abgang von Srishti Gupta ist das «back to normal», das Idorsia so dringend bräuchte, vertagt. Die Enttäuschung sitzt tief, immerhin hatte die ausgeschiedene CEO die Verkäufe des Schlafmittels Quviviq vor allem mit Verkaufspartnerschaften mehr als verdoppelt, auf 134 Millionen Franken. Der Aktienkurs liess hoffen, auch wenn er noch immer weit unter den Höchstständen von 2020 von knapp 35 Franken liegt. «Oh nein, das ist eine schreckliche Nachricht», schrieb eine Aktionärin unter Guptas Abschiedspost auf Linkedin. «Ich dachte, Sie würden meine Aktien endlich wieder nach oben bringen.» So wie ihr geht es vielen. Nicht wenige haben deshalb nach den jüngsten Turbulenzen die Konsequenzen gezogen und verkauft – der Kurs notiert noch immer unter dem Stand vor dem Gupta-Schock.
Jean-Paul Clozel mahnt die Handelszeitung-Redaktorin derweil beim Abschied, die Riemen der Handtasche könnten sich bei der Schussfahrt von den Binninger Höhen in die Basler Niederungen in den Speichen des Fahrrads verfangen. Es ist diese Wärme, die ihn auszeichnet und die allen Widrigkeiten trotzt, die ein Unternehmerleben nebst all den Freuden so mit sich bringt. Jetzt muss er noch die Riemen bei Idorsia so festzurren, dass es wirklich das Unternehmen wird, das er seinen Kindern übergeben möchte – und das, wie Roche, Generationen überdauert.