Darum gehts
Vas Narasimhan, Chef von Novartis, will Schweizer werden. Derzeit sei die Familie in verschiedenen Phasen des Einbürgerungsprozesses, lässt die Pressestelle ausrichten. Der Amerikaner indischer Herkunft hat sich in Basel – er wohnt direkt am Rheinufer – gut eingelebt, in der Umgebung joggt er seine Runden, der älteste Sohn, der bereits den Schweizer Pass hat, spielt Basketball und war unter anderem für die U18-Nationalmannschaft im Einsatz, Gattin Srishti pendelte ins nahe Allschwil, wo sie bis kürzlich die Biotech-Firma Idorsia leitete – man fühlt sich wohl in der neuen Heimat. Das hält Vas Narasimhan aber nicht davon ab, seinen zukünftigen Landsleuten unbescheiden seine Ansprüche kundzutun.
Kurz vor Weihnachten, am 19. Dezember, war es, Narasimhan musste, wie die anderen Chefs der grossen Pharmafirmen der Welt, Spalier stehen für den Auftritt von US-Präsident Donald Trump. Sie waren dort für Vertragsverhandlungen im Weissen Haus, um mit der US-Regierung vertrauliche Abkommen abzuschliessen. Wieder in der Schweiz, gab Narasimhan der Schweiz den Tarif durch: Die Bewohner dieses Landes sollen doch bitte sehr in Zukunft höhere Preise für neue Medikamente bezahlen als bisher.
Der Hintergrund: Trump will die US-Bürger nicht mehr länger mehr für Arzneimittel bezahlen lassen als in anderen Ländern. Als Massstab nimmt er einen Korb von Referenzländern, in dem sich auch die Schweiz befindet. Will Novartis weiterhin hohe Preise in den USA erzielen, müssen die Preise in der Schweiz also möglichst hoch sein. Das sind sie im Vergleich zum Ausland doch schon, würde man denken. In absoluten Zahlen stimmt das, aber Trump rechnet die Zahl im Verhältnis zur Kaufkraft. Und da hat die Schweiz keine guten Karten: Nur 0,43 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) gibt die Schweiz für patentgeschützte Medikamente aus, in Deutschland sind es 0,67 Prozent, in Italien 1,04 Prozent, in den USA gar 1,87 Prozent. Für Novartis steht viel auf dem Spiel: 43 Prozent des Umsatzes kommen aus den USA, bei den Gewinnen sind es laut Analystenschätzungen sogar noch mehr.
Sein Kollege von der anderen Rheinseite, Roche-Chef Thomas Schinecker, der sich in Washington von Ashley Magargee, der Chefin der US-Tochter Genentech, hatte vertreten lassen, blies ins gleiche Horn: «Die US-Regierung wird es nicht mehr akzeptieren, dass die USA zum grössten Teil Innovation und medizinischen Fortschritt finanzieren», liess er kurz vor Weihnachten in einem Interview wissen. Verbunden wird das Ganze mit unmissverständlichen Drohungen. Wie würde Roche reagieren, wenn die Schweiz ihre Preise für neue Medikamente nicht erhöht?, fragte die «SonntagsZeitung». «Dann wird es wohl leider zu weiteren Verzögerungen bei Einführungen von Medikamenten kommen», so Schinecker.
Muskeln zeigen
Sekundiert wurde er in den Tagen darauf auch von Novartis-Schweiz-Chef David Traub: «Es wird für Pharmafirmen künftig ökonomisch nicht mehr möglich sein, in der Schweiz neue Medikamente zu einem substanziell tieferen Preis zu lancieren. Denn das wäre ein Risiko für die Vergütung in den USA», liess er die Medien wissen. Es handle sich bei Schineckers Worten um eine «unverhohlene Drohung», urteilt die «Neue Zürcher Zeitung» in einem Kommentar, eine Drohung, so die «NZZ», die notabene in ähnlicher Form schon Narasimhan im Gespräch mit der Zeitung ausgesprochen habe. Die Warnungen würden «schriller», konstatierte die linke Wochenzeitung «WoZ» Mitte Januar, gedroht werde «mittlerweile im Wochentakt».
Die Firmen befinden sich bei diesem Spiel in einer starken Position: Pharma ist heute die tragende Säule der Schweizer Wirtschaft. Die chemisch-pharmazeutische Industrie sorgte 2025 für 53 Prozent der Exporte und liegt damit meilenweit vor der zweitwichtigsten Warengruppe, dem Bereich Maschinen, Elektronik und Apparate, mit rund 18 Prozent, auf Platz drei folgen die Uhren mit knapp 9 Prozent.
Laut der Konjunkturforschungsstelle KOF war die Pharmabranche in den letzten 25 Jahren der wichtigste Wachstumsmotor der Schweizer Wirtschaft, über viele Jahre sorgte sie für rund ein Drittel des realen Wachstums des BIP. 29 Milliarden Franken trägt allein Roche jährlich zur Schweizer Wertschöpfung bei, drei Prozent des gesamten BIP. Bei Novartis sind es ähnliche Zahlen, womit allein diese zwei Firmen heute für sechs Prozent des gesamten Schweizer Wirtschaftsaufkommens sorgen.
Unter Einbezug von Zulieferern erreicht der Wertschöpfungsanteil gar rund zehn Prozent. Über 50'000 Personen sind direkt in der Pharma beschäftigt, weitere 250'000 Stellen entstanden in anderen Branchen entlang der Wertschöpfungskette. Es sind oft gut bezahlte Jobs, der Wertschöpfungsanteil pro Pharmaarbeitsplatz lag 2022 bei über 900'000 Franken – fünf Mal so viel wie der Schweizer Durchschnitt. Rund fünf Milliarden Franken zahlen die Schweizer Pharmafirmen jährlich an Steuern in die Staatskassen ein.
Wertschöpfung
«Die Pharmaindustrie ist ein zentraler Pfeiler für Beschäftigung, Wertschöpfung und Wohlstand in diesem Land», betont Stephan Mumenthaler, Direktor des Verbands Scienceindustries. René Buholzer, Geschäftsführer von Interpharma, dem Verband der forschenden pharmazeutischen Industrie, will die Aussagen der Chefs der Pharmakonzerne nach dem Besuch bei Trump denn auch nicht als Drohung verstehen: «Wir sehen es vielmehr als unsere Verantwortung, der Schweizer Bevölkerung klar aufzuzeigen, in welcher Situation wir uns befinden und welche Konsequenzen die aktuelle Entwicklung haben kann.» Dass viel Augenmerk auf die USA gelegt werde, sei logisch. «Die USA sind bei Weitem der wichtigste Absatzmarkt.»
Die Fronten verhärten sich. Zuständig für die Festlegung der Preise ist in der Schweiz das Bundesamt für Gesundheit (BAG). Die Tonalität in der Diskussion mit der Pharmabranche habe sich verändert, hat Kristian Schneider, Stellvertretender Direktor des BAG, festgestellt. Schon in der Vergangenheit gab es immer wieder Differenzen zwischen dem BAG und den Pharmaproduzenten, etwa letzten Sommer, als Roche das von Swissmedic nur befristet zugelassene Krebsmedikament Lunsumio vom Schweizer Markt zurückzog – weil Roche Swissmedic und dem Bund die Daten für eine definitive Marktzulassung und Vergütung nicht vorlegen wollte.
Jetzt aber wird dem Amt vonseiten der Branche vermehrt grundsätzlich Trägheit oder Unverständnis für die Situation vorgeworfen. Das lässt das BAG nicht auf sich sitzen: «Wir handeln gemäss unserem Auftrag», sagt BAG-Direktorin Anne Lévy, «und der besteht darin, die Verfügbarkeit und den Zugang zu Medikamenten zu sichern und gleichzeitig sicherzustellen, dass die Kosten für das Gesundheitswesen für die Bevölkerung bezahlbar bleiben.»
Intransparenz
Stets werde ein konstruktiver Dialog gesucht: «Wo wir uns alle einig sind», sagt Lévy, «ist, dass die Schweiz als starker Standort für Pharma erhalten bleibt.» Moniert wird vom BAG allerdings die Intransparenz über die Abmachungen von Roche und Novartis mit der Trump-Regierung. «Wir sind offen für Gespräche. Es fehlen uns derzeit aber transparente Zahlen und Fakten zu den tatsächlichen Effekten der US-Entscheide auf die Profitabilität der Pharmafirmen», so BAG-Vizedirektor Schneider. Doch die Auseinandersetzung mit dem BAG ist nur ein Punkt. Deutlich schwieriger wird es für die Pharmaindustrie sein, die breite Schweizer Bevölkerung davon zu überzeugen, dass der einzelne Patient (beziehungsweise seine Krankenkasse) fortan höhere Preise für Medikamente zahlen soll.
Das Problem ist gross: «Die Gesundheitskosten rangieren zuoberst auf dem Sorgenbarometer der Bevölkerung», so Schneider. Das Verständnis für die Sorgen der Pharmariesen dürfte sich indes in Grenzen halten: Novartis erzielte 2025 einen Gewinn von 17 Milliarden Dollar, Roche von 14 Milliarden Franken. Der Kurs der beiden Konzerne ist auf dem Höhenflug, mit einem Plus von 16,2 (Novartis) und 12,5 Prozent (Roche) gehören die Aktien zu den Top 5 im laufenden Börsenjahr (Stand 19. Februar).
Zu reden gab auch, dass Novartis im Rahmen der Produktionsoptimierung bis zu 550 Arbeitsstellen in der Schweiz abzubauen plant, Roche hat jüngst bekannt gegeben, ihre Produktion von Antibiotika in Kaiseraugst wegen zu hoher Kosten zu stoppen. Gleichzeitig haben Novartis und Roche Trump Dutzende von Milliarden an Investitionen in den USA versprochen. Ja, sagt Schinecker, aber das gehe nicht auf Kosten der Schweiz – allein in den letzten zehn Jahren habe Roche 41 Milliarden in der Schweiz investiert.
«In Geiselhaft»
Nicht unbedingt Freunde geschaffen haben sich die Pharmachefs aber auch in weiteren Kreisen der Wirtschaft. Letzten Sommer, als Trumps Zollhammer runtersauste und zeitenweise Zölle von 39 Prozent im Raum standen, liess Georges Kern, Chef des Uhrenherstellers Breitling, seinem Ärger freien Lauf. Pharma nehme die Schweiz «in Geiselhaft», liess er wissen, verärgert ob der Tatsache, dass die Pharmagiganten für einen Grossteil des von Trump erwähnten Handelsüberschusses mit den USA verantwortlich, selber aber von den Zöllen ausgenommen waren.
Selbst in der chemisch-pharmazeutischen Industrie ist das Kräfteverhältnis ungleich. Über die Zeit hat sich auch die relative Bedeutung von Chemie und Pharma verändert. War der Anteil von Pharma an den Exporten der chemisch-pharmazeutischen Industrie im Jahr 1980 noch 40 Prozent, so war es 2025 mit fast 80 Prozent schon fast das Doppelte. «Der Strukturwandel schreitet auch innerhalb der Industrie stetig voran», so Scienceindustries-Direktor Mumenthaler. Immer wieder auf Konfrontationskurs mit der Position der Branche geht Ems-Chemie-Chefin und SVP-Nationalrätin Magdalena Martullo-Blocher, unter anderem auch weil sie der klaren Pro-EU-Politik der Branchen- und Wirtschaftsverbände nicht viel abgewinnen kann.
Stefan Brupbacher, Direktor von Swissmem, wo KMUs und Grossfirmen aus der Techindustrie untergebracht sind, wiederum mahnt, man möge angesichts des Aufhebens um die grossen Pharmafirmen nicht vergessen, dass es nicht im Interesse des Landes sein könne, nur in einem Bereich führend zu sein. Die Schweizer Techindustrie mit ihren rund 350'000 Mitarbeitenden habe ein sehr breites Spektrum von in ihrem Bereich global führenden Firmen und sei geografisch breit über die Schweiz verteilt: «Diese Diversität ist für alle ein Vorteil.»
Nun müssen sich auch die Schweizer Politiker in Stellung bringen. «Es sollte uns Sorgen machen, dass sich die Welt verändert hat, aber im Bundesrat scheint das noch nicht richtig angekommen», sagte die Basler SP-Ständerätin Eva Herzog Ende Dezember in einem Interview mit der «NZZ». Als langjährige Finanzdirektorin des Kantons Basel-Stadt weiss sie aus erster Hand um die Bedeutung von Novartis und Roche. Sie ärgerte sich, dass noch im Sommer 2025 ihre Motion für die Formulierung einer Pharmastrategie von der Landesregierung abgelehnt wurde. Erst als der Ständerat im September die Motion mit 45 zu 0 Stimmen verabschiedete, kam es zum Umdenken.
Inzwischen wurde vom Bund eine Arbeitsgruppe geschaffen. Dort müssen sich nun die Vertreter der Industrie, der Lobbyverbände, des Bundes und der Kantone zusammenraufen (siehe Seite 42). Die Signale aus Washington seien klar, und «ein nationaler Konsens ist jetzt entscheidend – für unser Land, für Patienten und für unsere Souveränität», formuliert Roche-Chef Schinecker etwas pathetisch in einem schriftlich geführten Interview mit BILANZ.
Die Mühlen mahlen langsam: Das erste Treffen der Arbeitsgruppe fand am 12. Januar statt, «bis Ende 2026» soll ein Bericht vorliegen. Nach Dynamik tönt das nicht. Derweil verändern sich die Umstände stetig. So erklärte der oberste Gerichtshof am 20. Februar in einem Aufsehen erregenden Entscheid die Zollpolitik des Präsidenten für rechtswidrig. Auch wenn Trump andere Wege finden will, seine Zölle doch noch anzubringen, hat dies seine Verhandlungsposition geschwächt. Dabei hatten erst kurz zuvor die Verhandlungen mit der Schweiz über ein Zollabkommen begonnen, mit dem Ziel, bis März einen Vertrag abzuschliessen. Angesichts der neuen Ausgangslage forderten einzelne Schweizer Politiker den Stopp der Verhandlungen, doch die Landesregierung kündigte an, die Gespräche würden weitergehen.
Vernehmlassung
Generell zeigt sich die Landesregierung auffallend aktiv. Mitte Februar eröffnete der Bundesrat die Vernehmlassung zu den Verordnungsanpassungen im Kostendämpfungspaket II, in dem spezifisch auch die Kosten von Medikamenten angegangen werden sollen. Eines der umstrittensten Elemente: Ab 15 Millionen Jahresumsatz soll es Rabatte geben. Das passt der Pharmabranche ganz und gar nicht, die schon während der Parlamentsberatungen versuchte, das Rabattsystem zu verhindern. Angesichts der Vorgaben Trumps steht dies nach Ansicht der Branche heute besonders schief in der Landschaft.
Die Forderungen aus verschiedenen Kreisen der Politik bestanden schon länger, im Januar reagierte der Bundesrat: Wirtschaftsminister Guy -Parmelin und Innenministerin Elisabeth Baume-Schneider setzen eine Arbeitsgruppe ein, die prüfen soll, wie die bestmöglichen Rahmenbedingungen für die Life Sciences und die pharmazeutische Industrie in der Schweiz geschaffen werden können.
In der achtköpfigen Auswahl sind alle Interessengruppen vertreten, von der Pharmaindustrie über die Konferenz der kantonalen -Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren (GDK) und das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) bis zum Bundesamt für Gesundheit (BAG). Die Gruppe steht unter der Leitung des Berner Regierungsrats und -Gesundheitsdirektors Pierre Alain Schnegg. Sie soll die Probleme identifizieren und konkrete Vorschläge machen, bis Ende 2026 soll ein Bericht vorliegen.
In Ruhe arbeiten können dürfte die Gruppe bis dahin kaum, begann der Bundesrat doch schon, ihr neue Themen zu servieren, kaum hatte sie angefangen. Etwa mit der Mitte Februar gestarteten Vernehmlassung zur Krankenversicherungsverordnung (KVV), was beim Branchenverband Interpharma umgehend für -einen Aufschrei sorgte: «Wir halten den Start der Vernehmlassung zum jetzigen Zeitpunkt ohne voll-umfänglichen Einbezug der finalen Schlussfolgerungen der Arbeitsgruppe Life-Sciences-Standort Schweiz als weder prozedural hilfreich noch sachlich gerechtfertigt», schreibt er. Die internationale Lage habe sich verändert, jetzt brauche es eine sorgfältige Neueinschätzung, wie sie von der Arbeitsgruppe vor-genommen werde, so Interpharma-Geschäftsführer René Buholzer. Für erste Kontroversen ist also -bereits gesorgt, weitere dürften noch folgen.
Die Forderungen aus verschiedenen Kreisen der Politik bestanden schon länger, im Januar reagierte der Bundesrat: Wirtschaftsminister Guy -Parmelin und Innenministerin Elisabeth Baume-Schneider setzen eine Arbeitsgruppe ein, die prüfen soll, wie die bestmöglichen Rahmenbedingungen für die Life Sciences und die pharmazeutische Industrie in der Schweiz geschaffen werden können.
In der achtköpfigen Auswahl sind alle Interessengruppen vertreten, von der Pharmaindustrie über die Konferenz der kantonalen -Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren (GDK) und das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) bis zum Bundesamt für Gesundheit (BAG). Die Gruppe steht unter der Leitung des Berner Regierungsrats und -Gesundheitsdirektors Pierre Alain Schnegg. Sie soll die Probleme identifizieren und konkrete Vorschläge machen, bis Ende 2026 soll ein Bericht vorliegen.
In Ruhe arbeiten können dürfte die Gruppe bis dahin kaum, begann der Bundesrat doch schon, ihr neue Themen zu servieren, kaum hatte sie angefangen. Etwa mit der Mitte Februar gestarteten Vernehmlassung zur Krankenversicherungsverordnung (KVV), was beim Branchenverband Interpharma umgehend für -einen Aufschrei sorgte: «Wir halten den Start der Vernehmlassung zum jetzigen Zeitpunkt ohne voll-umfänglichen Einbezug der finalen Schlussfolgerungen der Arbeitsgruppe Life-Sciences-Standort Schweiz als weder prozedural hilfreich noch sachlich gerechtfertigt», schreibt er. Die internationale Lage habe sich verändert, jetzt brauche es eine sorgfältige Neueinschätzung, wie sie von der Arbeitsgruppe vor-genommen werde, so Interpharma-Geschäftsführer René Buholzer. Für erste Kontroversen ist also -bereits gesorgt, weitere dürften noch folgen.
Obwohl von links bis rechts höhere Kosten im Gesundheitswesen grundsätzlich bekämpft werden und die SP gar jede Instrumentalisierung des internationalen Preisdrucks für höhere Preise im Inland ablehnt, ist im bürgerlichen Lager viel Verständnis für die Position der Pharmakonzerne zu spüren. Schon am Tag nach dem Treffen von Narasimhan und Magargee bei Trump liess FDP-Nationalrat Andri Silberschmidt den «Tages-Anzeiger» wissen, dass sich «die Schweiz künftig bei wenigen, hochinnovativen Medikamenten auf höhere Preise einstellen» müsse, es sei richtig, dass man kaufkraftbereinigt denselben Preis zahle wie andere europäische Länder.
Alle Interessengruppen bringen sich in Stellung, die Pharmabranche etwa über ihre Lobbyisten und ihre Vertreter bei den Verbänden, so mit Annette Luther von Roche, die Präsidentin von Scienceindustries und zugleich Vizepräsidentin des Wirtschaftsdachverbandes Economiesuisse ist: «Im Grundsatz ist es anerkannt, dass unsere Industrie wichtig ist», sagt Luther, «aber angesichts des geopolitischen Drucks muss ein intensiver Dialog mit allen Interessengruppen geführt werden, um den neuen Herausforderungen zu begegnen.» Diesen Dialog führe man jetzt in der genannten Arbeitsgruppe.
Auch die Krankenversicherer klopfen auf den Tisch, Helsana etwa im Dezember mit der Publikation zu den «rekordhohen Medikamentenkosten» in der Grundversicherung, die inzwischen auf 9,4 Milliarden Franken gestiegen sind: «Medikamente bleiben ein zentraler und konstant wachsender Kostenblock in der Gesundheitsversicherung.» Schinecker hält dagegen: Innovative Medikamente würden nur 3,5 Prozent der Gesamtkosten ausmachen. «Ganz ehrlich: Selbst wenn wir ab morgen alle Medikamente gratis verteilen würden, hätten wir das Kostenproblem im Gesundheitswesen nicht gelöst», schreibt er.
Wohin der politische Prozess führen wird, ist im derzeitigen lauten Gepolter von allen Seiten schwer abzuschätzen. Klar ist aber, dass sich die Schweiz entscheiden muss, welchen Spielraum sie ihrer wichtigsten Branche geben will, wo aber auch die Grenzen des Verständnisses liegen. Dass sich Narasimhan just jetzt einen Rekordlohn von 25 Millionen Franken auszahlen lässt, hilft der Branche in der aufgeheizten Diskussion kaum. Vielleicht gehört ja auch das zur Schweiz: zu spüren, was angemessen ist. UBS-Chef Sergio Ermotti etwa hätte im Vorjahr einen Lohn in ähnlicher Höhe zugute gehabt, begnügte sich jedoch mit 15 Millionen, weil die Bank angesichts der Diskussion um die Regulierung den Kopf unten halten wollte. Bei Big Pharma ist von diesem Gespür noch wenig zu sehen.