Darum gehts
- Giftstoffe in Babynahrung und Rückrufe verunsichern Eltern in der Schweiz
- Verunreinigung noch nicht vollständig geklärt, vermutlich durch chinesisches Öl
- 15 Krankheitsfälle gemeldet, erste Testergebnisse werden nächste Woche erwartet
Herr Beer, was sagen Sie jungen Eltern, die dringend Säuglingsmilch für ihr Baby brauchen?
Michael Beer: Ich verstehe, dass Eltern verunsichert sind. Sicherheit steht an erster Stelle – erst recht, wenn es um Nahrung für Babys geht. Die gute Nachricht lautet: Die fraglichen Produkte sind aus dem Verkehr gezogen. Wir gehen nicht davon aus, dass es noch grossflächige Rückrufe geben wird. Wer jetzt Säuglingsnahrung im Detailhandel kauft, muss sich keine Sorgen machen.
Und wenn ich daheim noch Babymilch habe?
Dann sollten Sie die unbedingt überprüfen. Auf unserer Homepage finden Sie die notwendigen Angaben, welche Produkte betroffen sind und welche nicht. Anhand des Haltbarkeitsdatums und der Chargenmummer lässt sich überprüfen, ob die Milch konsumierbar ist oder nicht. Im Zweifelsfall: wegwerfen.
Wie konnten so gefährliche Stoffe in Babynahrung gelangen?
Das wissen wir noch nicht. Die Hersteller gehen davon aus, dass Cereulid in einem Öl aus China enthalten ist, das Säuglingsmilch während der Produktion beigemischt wird. Dieser Giftstoff kann zu Übelkeit und starkem Erbrechen führen.
Michael Beer (60) ist Lebensmittelingenieur und wurde an der ETH Zürich promoviert. Der Solothurner arbeitete für Novartis, als der Pharmakonzern noch einen Lebensmittelzweig hatte. Beer ist stellvertretender Direktor des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen. Privat kocht er gerne und treibt viel Sport.
Michael Beer (60) ist Lebensmittelingenieur und wurde an der ETH Zürich promoviert. Der Solothurner arbeitete für Novartis, als der Pharmakonzern noch einen Lebensmittelzweig hatte. Beer ist stellvertretender Direktor des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen. Privat kocht er gerne und treibt viel Sport.
Wer wusste wann von den Verunreinigungen – und warum hat es so lange gedauert, bis die Ware aus dem Verkehr gezogen wurde?
Die Firma Nestlé, die das Problem als erste entdeckte, teilte mit, man habe das Problem Anfang Dezember festgestellt. Zuerst wurde vermutet, es stamme aus einer niederländischen Produktionslinie. Im Rahmen der Abklärungen zeigte sich, dass das Cereulid im Öl eines Zulieferers enthalten war. Dann begann die Knochenarbeit, um abzuklären, in welchen Produktionschargen das verunreinigte Öl eingesetzt worden war. Diese Arbeit ist komplex und umfangreich. Sobald klar war, welche Produkte betroffen waren, wurden diese von den Herstellern zurückgerufen.
Andere Länder riefen bereits Mitte Dezember Produkte zurück. Warum hat das in der Schweiz länger gedauert?
Die erste Information an uns im Dezember lautete, die Schweiz sei nicht betroffen. Sie können sich darauf verlassen, dass wir Druck gemacht haben, damit uns die Lebensmittelhersteller alle Informationen liefern. Zum Teil mussten wir auch sehr deutlich werden und sagen: Wir brauchen die Daten heute noch. Und nicht erst morgen. Konzerne wie Nestlé, Danone und Lactalis sind rechtlich verpflichtet, sofort zu reagieren – bereits bei einem Verdacht auf ein Gesundheitsrisiko.
Haben die Hersteller sofort reagiert?
Das können wir Stand jetzt noch nicht beurteilen. Wir haben uns zusammen mit den kantonalen Vollzugsstellen in einem ersten Schritt darauf konzentriert, die betroffene Ware aus dem Verkehr zu ziehen. Parallel laufen Laboruntersuchungen. In einem nächsten Schritt werden dann die Vorkommnisse der letzten Wochen aufgearbeitet. Sollte sich herausstellen, dass die Konzerne Zeit verstreichen liessen oder ihren Sorgfaltspflichten nicht nachgekommen sind, drohen Bussen und Strafverfahren.
Was sagen die involvierten Labore?
Bis Freitag wurden uns von Eltern insgesamt 15 mögliche Krankheitsfälle gemeldet. Labore analysieren die Säuglingsmilch, soweit sie in diesen Familien noch vorhanden war. Sie prüfen, ob sie Cereulid enthält oder ob es einen anderen Grund dafür gibt, dass die Babys erbrechen mussten. Uns ist wichtig, gesicherte Ergebnisse zu haben – daher haben wir einen doppelten Test angeordnet. Nächste Woche liegen erste Ergebnisse vor. Wichtig ist aber: Auch mit den Laborergebnissen gibt es keinen absoluten Beweis, dass die Babys wegen Cereulid krank wurden. Ist das Toxin in den Produkten vorhanden, ist das lediglich eine Korrelation, nicht unbedingt eine Kausalität.
Was empört Sie am meisten?
Es darf nicht sein, dass Gift in Nahrung gelangt, aber nicht sofort gehandelt wird. Bei einer möglichen Gesundheitsgefährdung muss sofort breit zurückgerufen werden – lieber zu viel als zu wenig. Erst recht, wenn es um Babynahrung geht! Die Hersteller müssen alles tun, um Kontaminierungen zu verhindern, und müssen sich auch ihre Lieferanten besser anschauen. Die Lebensmittelsicherheitskultur muss noch besser werden. Im Zweifelsfall müssen Produkte umgehend und ohne zeitaufwendige weitere Abklärungen zurückgerufen werden.
Danone hüllte sich wochenlang in Schweigen. Die Stiftung für Konsumentenschutz wirft Ihnen vor, die Konzerne zu schonen. Gehen Sie zu nett mit der Industrie um?
Es ist Aufgabe der Stiftung Konsumentenschutz, Kritik zu üben. Auch ich bin nicht zufrieden, wie die Konzerne reagiert haben – vor allem so spät. Aber ich versichere Ihnen, dass wir als Behörde alles getan haben, was wir konnten. Wir werden den Fall lückenlos aufarbeiten.
Was sind Ihre Forderungen an die CEOs von Nestlé, Danone und Lactalis?
Lebensmittelsicherheit steht an erster, zweiter und dritter Stelle. Schon bei einem Verdachtsfall erwarten wir, dass Produkte sofort vom Markt genommen werden. Einzelne Konzerne hätten schneller reagieren können. Wir schauen uns das alles genau an, um gemeinsam für die Zukunft zu lernen.
Das heisst, Nestlé-CEO Philipp Navratil muss sich auf eine Standpauke gefasst machen?
Wir pflegen einen respektvollen Umgang und treffen die zuständigen Personen der Lebensmittelindustrie mindestens einmal pro Jahr. Aber ja, wir formulieren unsere Erwartungen jeweils klar und deutlich.
Weshalb hat die Schweiz deutlich später reagiert als die Niederlande oder Österreich?
Zum einen wurde erst im Lauf umfangreicher Abklärungen klar, dass die Schweiz betroffen ist. Zum anderen erhalten wir die Informationen teilweise erst verzögert, weil wir nicht Mitglied der EU sind. Für die Lebensmittelsicherheit sind die Bilateralen III sehr wichtig. Momentan sind wir nicht vollständig in das Lebensmittelsicherheitssystem eingebunden. Mit dem EU-Vertragspaket hätten wir die rechtliche Sicherheit, dass wir alle Informationen zeitnah erhalten und bei allen relevanten Entscheidungen mit am Tisch sitzen.
Welche Nachteile hat es, wenn Brüssel stärker über die Schweizer Lebensmittelsicherheit entscheidet?
Für die Konsumentinnen und Konsumenten, aber auch für die Schweizer Lebensmittelkonzerne sehe ich durch das EU-Dossier nur Vorteile. Lebensmittelketten sind schon heute international. Wir leben in einer globalisierten Welt. Je schneller und präziser wir Informationen austauschen können, desto besser ist das für alle Seiten.