Darum gehts
Mittel, die versprechen, «Zombiezellen» zu bekämpfen, Rotlichttherapien, die unsere Haut verjüngen, Blutreinigung, die Mikroplastik aus dem Körper filtert: Die Longevity-Industrie bietet eine breite Palette an Behandlungen für ein längeres Leben an.
Neben spezialisierten Kliniken führen mittlerweile auch Fitnesscenter Therapien im Angebot, etwa Kältekammern zur Stärkung des Abwehrsystems. Wobei die Branche statt Longevity jüngst den Begriff «Healthspan» in den Vordergrund rückt. Statt zu einem möglichst langen Leben zu verhelfen, sollen Behandlungen die Jahre des Lebens, die ein Mensch bei guter Gesundheit, frei von chronischen Krankheiten, verbringt, erhöhen. Denn: Ein möglichst langes Leben steht nicht unbedingt auf jeder Wunschliste. Möglichst lange gesund zu bleiben, dagegen schon. Wer will das nicht?
Einen Überblick bei all den Angeboten zu behalten, ist schwierig. Das spürt auch Kevin Bürchler, CEO des SIP Medical Family Office, das vermögende Personen weltweit in den Bereichen Medizin, Prävention und Krankenversicherungen berät. «Wir haben relativ viele Kunden, die möglichst 100 Jahre alt werden wollen», sagt er. Neue Methoden und Therapien sollen dabei helfen. Doch viele angebotene Behandlungen bergen Risiken, während es keine ausreichende Evidenz für deren Nutzen gibt. «Ein Grossteil unserer Beratung im Bereich Longevity besteht darin, von gewissen Behandlungen abzuraten.»
Der Netflix-Star
Longevity-Promis wie der 48-jährige Bryan Johnson tragen zum Hype bei. Die Streamingplattform Netflix widmete dem Tech-Millionär eine Doku unter dem Motto «Don’t Die». Er tauschte vor ein paar Jahren Blutplasma mit seinem damals 17-jährigen Sohn, experimentiert mit Gentherapien und schluckt bis zu 130 Pillen pro Tag. Zum Programm gehören ein striktes Schlaf- und Ernährungsregime – jeden Tag zur gleichen Zeit ins Bett und die Aufnahme von exakt 1977 Kilokalorien.
Isabell von Loga, Molekularbiologin und Gründerin von Nexus Longevity, einem Unternehmen, das Gesundheitsberatungen anbietet, hält von extremen Massnahmen wenig. «Pragmatische Optimierungen beim Lebensstil haben meist die grösste Wirkung», sagt sie und empfiehlt, in Sachen Longevity-Behandlungen genau hinzuschauen. «Eine wichtige Aufgabe ist es, den Sinn von Unsinn zu unterscheiden.
Und es gibt vieles, was wissenschaftlich nicht ausreichend belegt und gleichzeitig stark überinterpretiert ist» , sagt von Loga. «Bei Verfahren wie der Blutreinigung sehen wir eine schlechte Nutzen-Risiko-Bilanz: potenziell relevante Risiken, aber kein belastbar nachgewiesener Nutzen.» Wie bei jedem invasiven Eingriff, bei dem ein Zugang zur Vene gelegt wird, besteht beispielsweise ein Infektionsrisiko.
Auch die zahlreichen angebotenen Tests bringen Patientinnen und Patienten oft nicht weiter. «Der diagnostische Aufwand, der im Longevity-Bereich oft betrieben wird, erscheint mir in vielen Fällen fragwürdig und nicht wissenschaftlich fundiert.» Zum Beispiel der Mikrobiom-Test: Anbieter werben mit Erkenntnissen über die jeweilige Darmflora mit wichtigen Werten zu Stoffwechselprozessen wie Blutzucker, Blutdruck und Leberfunktion. «Viele Ergebnisse, zum Beispiel aus Mikrobiom-Tests, lassen sich für Einzelpersonen derzeit nur sehr eingeschränkt interpretieren, weil die wissenschaftliche Grundlage für konkrete individuelle Empfehlungen oft noch fehlt», sagt von Loga.
Andere Faktoren als Longevity-Therapien geben den entscheidenden Ausschlag für ein längeres gesundes Leben. «Mit grob 70 Prozent hat Lebensstil den grössten Einfluss auf Gesundheit und Lebensdauer», sagt von Loga. Danach komme die Genetik mit etwa 20 Prozent. «Erst dann geht es um die Feinjustierung, die letzten 10 Prozent – genau dort liegt aber oft das grösste Interesse vieler Kunden.»
Dazu gehören auch Angebote wie die Bestimmung des biologischen Alters, das anhand eines Bluttests Aufschluss über den Zustand des Körpers geben soll. Isabell von Loga hat mit derselben Blutprobe beim selben Anbieter gleichzeitig drei epigenetische Tests zur Bestimmung des biologischen Alters machen lassen. Resultat: Altersangaben, die um bis zu 40 Prozent voneinander abwichen. «So was ist inakzeptabel», sagt sie.
Ein besonders lukratives Geschäftsfeld sind Nahrungsergänzungsmittel mit Longevity-Versprechen. Dazu gehören Präparate mit kryptischen Abkürzungen, die angeblich Zellen reparieren oder den Alterungsprozess bremsen – etwa NMN-Tabletten oder NAD-Infusionen. Auch hier ist Skepsis angebracht: «Für NMN-Tabletten und NAD-Infusionen gibt es bisher keinen belastbaren Nachweis, dass sie bei gesunden Menschen zu einem längeren oder besseren Leben führen. Gleichzeitig bleiben Wirksamkeit und Sicherheit in wichtigen Punkten unklar», sagt von Loga.
Freunde als Jungbrunnen
Die erwiesenen Grundlagen für ein längeres Leben sind keine Rocket Science: gesunde Ernährung, ausreichend Bewegung, guter Schlaf und stabile soziale Beziehungen. Letztgenannte sind ein Faktor, der im Bewusstsein vieler womöglich weniger präsent ist, jedoch durch zahlreiche Studien belegt wird: Einsamkeit schadet der Gesundheit, während Freundschaften und ein funktionierendes soziales Umfeld ihr entgegenkommen. Eine Wanderung mit Freunden an der frischen Bergluft hat womöglich einen grösseren Effekt als die hyperbare Sauerstofftherapie, wo man in einer Druckkammer reinen Sauerstoff bei erhöhtem Umgebungsdruck einatmet.
Ähnliches gilt bei Kältebehandlungen, bei denen man sich in eine bis zu minus 110 Grad kalte Kammer begibt. Sie sind gerade besonders angesagt. «Statt allein Zeit in einer Kältekammer zu verbringen, kann man auch im Winter im See mit Freunden schwimmen. Das ist ziemlich sicher sinnvoller, weil es mehr Spass macht», sagt Kevin Bürchler. Bei der Rotlichttherapie wiederum steht wohl weniger eine lebensverlängernde Wirkung im Vordergrund als eine schönere Haut. Bei Akne kann die Therapie helfen.
Zu den unumstritten sinnvollen Vorsorgeuntersuchungen zählt Etabliertes wie die Koloskopie, je nach Risikoprofil schon ab 40 Jahren, und auch Bluttests, um Mangelerscheinungen zu erkennen, ergeben Sinn. Bei zu wenig Vitamin D helfen Vitaminpräparate. Ein Bluttest gibt auch Aufschluss über einen möglichen Eisenmangel. Gerade vor geplanten Operationen ist das extrem wichtig. Denn eine unentdeckte Blutarmut – also ein zu niedriger Hämoglobinwert – lässt das Risiko für Komplikationen während eines chirurgischen Eingriffs drastisch in die Höhe schnellen. In vielen Kliniken gehört es allerdings immer noch nicht zum Standard, vor einem Eingriff abzuklären, ob die Patientinnen und Patienten an Blutarmut leiden.
Die Longevity-Industrie setzt derweil nicht nur auf noch wenig erforschte Methoden, sondern nutzt auch etablierte. Im Trend sind derzeit Ganz-Körper-MRIs als Vorsorgemassnahme. Nach Einschätzung von Isabell von Loga kann dies je nach individuellem Risikoprofil sinnvoll sein. Dazu gehören etwa Erkrankungen in der Familiengeschichte, Vorerkrankungen oder ungesunde Gewohnheiten wie Rauchen. Allerdings kann diese Form der Vorsorge Nachteile bringen. «Das Resultat eines solchen MRI kann auch belasten – etwa dann, wenn ein Krebsverdacht im Raum steht, der sich später als Fehlalarm herausstellt.»
Kevin Bürchler verweist auf einen anderen entscheidenden Faktor für ein längeres gesundes Leben, der nichts mit Longevity-Behandlungen zu tun hat: die Wahl der richtigen Therapie und des geeigneten Arztes, wenn eine medizinisch notwendige Behandlung ansteht. «Fehler und unnötige Eingriffe zu verhindern, ist weitaus wichtiger für die eigene Longevity als jede Pille», sagt er.