Darum gehts
Kaum ein Produkt trifft den Schweizer Massengeschmack wie der Senf aus der hellblauen Tube. Das seit bald hundert Jahren unter «Thomy» vermarktete Produkt hat mit der Tube einst den Vertrieb revolutioniert und beherrscht heute den Schweizer Markt als klare Nummer eins.
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Die Menge: Nestlé gibt fast überall seinen Senf dazu
An Thomy-Senf kommt kaum jemand vorbei. Allein vom hellblauen Senf, der laut Nestlé 80 Prozent der Senfproduktion im Schweizer Werk ausmacht, werden pro Jahr 9 bis 10 Millionen Tuben verkauft. Laut Schätzungen sind es rund 2300 Tonnen Senf jährlich, wobei die Menge in den letzten zwanzig Jahren deutlich zugenommen hat. Damit kommt Thomy auf einen offiziellen Marktanteil von 65 Prozent. 500 Tonnen, auch das ist eine offizielle Zahl, gehen jedes Jahr allein in Kübeln für die Gastronomie raus.
Nebst kleinen und mittelgrossen Senfproduzenten wie Beyeler in Dornach SO dürften die grössten Konkurrenten im Ausland zu finden sein. Einerseits bei Herstellern typischer Senfe wie scharfem Dijoner Senf oder süssem Senf aus Bayern, anderseits bei Handelsmarkenherstellern wie der französischen Idhéa, die bis Anfang 2026 zum Migros-Konzern gehörte und die für diesen weiterhin Senf produziert.
Die Geschichte: von Helvetia in Langenthal zu Thomy in Basel
Ab 1907 produzierte die Firma Helvetia von Friedrich Thomi und Karl Meister in Langenthal BE Tafelsenf, der damals noch in Töpfen verkauft wurde. Es war der erste industriell hergestellte Senf der Schweiz. 1930 fusionierte Helvetia mit der Basler Heinrich Franck Söhne («Franck Aroma») zu Thomi + Franck. Die Produktion wurde nach Basel verlagert, der Senf erhielt die moderne Marke «Thomy», zunächst noch als «Thomy’s Senf». 1957 lancierte die Firma den Kaffeeersatz «Incarom». In den 1960er-Jahren kommen Firmen wie Leisi oder die Essigfabrik Bern zur Thomy-Gruppe.
1971 steigt Nestlé mit einer 51-Prozent-Mehrheit ein. 1989 übernimmt der Nahrungsmittelkonzern die restlichen 49 Prozent, Thomy wird integriert.
In letzter Zeit mehren sich Fragezeichen zum Standort Basel (Bild oben). Nestlé fokussierte die Produktion dort vor ein paar Jahren auf Mayonnaise und Senf, 2022 wurde ein Teil des Areals verkauft. Immer wieder wird über eine Schliessung spekuliert.
In den vergangenen Jahren seien 15 Millionen Franken in die Fabrik investiert worden, betont Nestlé in ihrer Antwort auf die Frage nach einer Standortschliessung. «Pläne für eine Verlegung bestehen deshalb nicht.»
Der Inhalt: ein simples Produkt in Variationen
Die Herstellung des hellblauen Thomy-Senfs hat sich in den Jahren kaum verändert. Laut Nestlé wurde vor zehn Jahren letztmals der Salzanteil leicht reduziert. Senf besteht hauptsächlich aus Wasser, Essig und Senfsaat sowie Gewürzen. Die unterschiedlich scharfen Sorten unterscheiden sich im Verhältnis dieser Zutaten und in der Dauer, während der man die Senfmaische in der Produktion fermentieren lässt.
Neben dem meistverkauften hellblauen Senf der Sorte «mild» (auf Französisch interessanterweise «mi-forte») produziert Nestlé in der Schweiz derzeit zehn weitere Senfsorten. Zuletzt neu lanciert wurde ein extrascharfer Senf mit Chili.
Anders als bei der Mayonnaise mit der unlängst lancierten Sorte «Zweifel Paprika» gab es beim Thomy-Senf bislang keine Markenkooperationen. Aufgrund der guten Resonanz bei der Mayo könne man sich solche Ideen beim Senf aber auch vorstellen, sagt eine Nestlé-Sprecherin.
Die Verpackung: die Sache mit der Tube
Kaum eine Lebensmittelmarke wird so sehr mit Tuben assoziiert wie Thomy, und das zu Recht. 90 Prozent der Senfprodukte würden in der Schweiz in Tuben verkauft, heisst es bei Nestlé – deutlich mehr als in anderen Ländern. Thomy kann sich sogar als Erfinderin der Senftube rühmen, wurde diese doch bereits 1934, kurz nach der Fusion zu Thomi + Franck, als Weltneuheit lanciert. 1951 kam dann die weltweit erste Industriemayonnaise dazu. Natürlich ebenfalls in der Tube.
Die Werbung: singende Tuben, Senf im Stadion
Auch in der Werbung setzt Thomy hierzulande voll auf das Motiv. Bereits kurz nach der Erfindung der Senftube verwandelte sich die Thomy-Werbefigur in eine Tube. Legendär wurden die Schweizer Fernsehwerbespots der 80er- und 90er-Jahre mit ihren singenden Senf- und Mayonnaisetuben. Selbst im Fussball kam das Motiv zum Einsatz: In Stadien wie Basel und Bern betraten die Spieler das Feld zeitweise durch einen Tunnel in Form einer Senftube.
Die Herkunft: ein Schweizer Produkt ohne Schweizerkreuz
Wichtigster Lieferant für den Rohstoff ist Kanada. Von den 2025 in die Schweiz eingeführten 1478 Tonnen Senfsamen für die Lebensmittelherstellung stammten zwei Drittel von dort. Weitere 30 Prozent verteilten sich zuletzt auf die Länder Guatemala, Ukraine, Russland und Deutschland.
Mit 20 bis 40 Prozent Anteil wird der importierte Senf zum Swissness-Killer. Aufgrund der 80-Prozent-Regel für Schweizer Rohstoffe muss Nestlé seit 2017 trotz Produktion in Basel auf das Schweizerkreuz auf den Verpackungen verzichten.