Darum gehts
Beat Mörker liebt den grossen Auftritt. Über eine halbe Million Menschen folgen ihm auf Tiktok. Er inszeniert sich dort als «König des Klopapiers» vor seiner Villa mit Helilandeplatz, zeigt seinen Fuhrpark mit Ferrari, Lamborghini und Rolls-Royce – und seine Schwäche für Louis Vuitton. Das typische Karo-Logo hat er sich gleich auf die Brust tätowieren lassen. Beat Mörker hat es geschafft. Aus einfachen Verhältnissen – Vater Lastwagenfahrer, Mutter Putzfrau – zum vielbeachteten Selfmademillionär. Eine moderne Tellerwäscher-Story.
Der Durchbruch gelang Mörker während der Corona-Pandemie, die eine Urangst vieler Menschen offenbarte: kein Toilettenpapier.
Das ist ein Beitrag aus dem «Beobachter». Das Magazin berichtet ohne Scheuklappen – und hilft Ihnen, Zeit, Geld und Nerven zu sparen.
Das ist ein Beitrag aus dem «Beobachter». Das Magazin berichtet ohne Scheuklappen – und hilft Ihnen, Zeit, Geld und Nerven zu sparen.
Mit seiner Marke Roosa gründete er das bis heute florierende Onlinegeschäft, den Verkauf von rosa WC-Papier. Inzwischen beliefert er auch Müller-Drogerien und Edeka-Märkte in Deutschland.
Doch Mörker will nicht nur Geld verdienen, sondern auch Gutes tun – für Kinder, denen es schlecht geht. Das macht er über das Hilfswerk Bündnis Kinderschutz Schweiz, dem er selber vorsteht. Ursprünglich ins Leben gerufen wurde es vom deutschen Ex-Schauspieler Carsten Stahl, um Mobbing an Schulen zu bekämpfen. Mörkers Bündnis hat nichts mit einem anderen Hilfswerk zu tun: dem Kinderschutz Schweiz. Es wird immer wieder mit ihm verwechselt.
Das Geschäft mit dem guten Gewissen
Eine gute Sache, fand ein Beobachter-Leser, bei dem es im Februar an der Haustür klingelte. «Ein älterer Herr stellte sich als Vertreter des Hilfswerks vor. Er sagte, er sei pensioniert und arbeite ehrenamtlich.»
Auf seiner Visitenkarte steht: «Aussendienst, Bündnis Kinderschutz», darüber das Logo des Hilfswerks. Sein Angebot: 58 Rollen WC-Papier für Fr. 49.90. Damit solle das Kinderhilfswerk unterstützt werden. «Voll fürn Arsch. Aber fürn guten Zweck», prangt der «Roosa-Slogan» auf der Verpackung der WC-Rollen.
Etwas teuer, dachte sich der Leser. Aber wegen der guten Sache kaufte er einen Pack. Später recherchierte er im Internet, stiess auf die Videos von Beat Mörker. In einem Video auf Roosa.biz erfuhr er dann, dass nur 70 Rappen seiner Fr. 49.90 an das Bündnis Kinderschutz fliessen werden, gerade mal 1,4 Prozent. «Ich finde das irreführend und frech.» Bei der Migros oder bei Coop hätte er für gleich viel Papier nur rund 38 Franken gezahlt. Ein anderer Kunde berichtet Ähnliches: Der Verkäufer habe den Eindruck erweckt, für das Hilfswerk zu arbeiten, nicht für einen WC-Papier-Händler.
Auf den Verpackungen ist der Spendenanteil nicht deklariert. Und auf Roosa.biz muss zuerst ein mehrminütiges Video angeschaut werden, bis der Anteil erwähnt wird. Ist Roosa vor allem eine Verkaufsmasche, die über das Thema Kinderschutz und Mobbing emotionalisiert? Die Zewo, eine Zertifizierungsstelle für Non-Profit-Organisationen, kritisiert einen Mangel an Transparenz. «Es kommt zwar vor, dass kommerzielle Unternehmen einen Teil des Verkaufserlöses an ein Hilfswerk spenden. Bei seriösen Sammlungen ist aber klar erkennbar, welcher Betrag oder Anteil an das Hilfswerk geht», sagt Moira Fernandez von der Zewo. Das Bündnis Kinderschutz wurde bisher nicht nach Zewo-Standards geprüft.
Alles transparent und sauber getrennt
Die Fragen des Beobachters beantwortet Geschäftsleiter Stéphane Thommen. Mörker liess ausrichten, er habe für ein Gespräch mit einem «kleinen Magazin» keine Zeit – und drehte stattdessen ein Tiktok-Video, in dem er sich über die Fragen von «linken Journalisten» lustig macht.
Thommen widerspricht den Vorwürfen der Beobachter-Leser. Die Verkäufer träten nicht als ehrenamtliche Mitarbeiter auf, sondern als «Vertriebspartner von Roosa». Sie würden auch «streng geschult». «Dazu gehört die transparente Kommunikation, dass ein definierter Betrag pro Verkauf an den Verein Bündnis Kinderschutz gespendet wird.» Alle Mitarbeitenden müssten dies schriftlich bestätigen. Wenn Roosa von Verfehlungen erfahre, würden die Mitarbeiter entsprechend zurechtgewiesen.
Fr. 76’066.55 netto – pro Monat
Der Haustürverkauf spielt laut Thommen sowieso eine geringe Rolle. Wichtiger seien das Telefonmarketing und der Verkauf an Grosshändler, vor allem in Deutschland. Die Verkäufer arbeiten auf Provisionsbasis. Grossverdiener im Geschäft ist Mörker selbst. In einem Tiktok-Video zeigte er kürzlich seine Gehaltsabrechnung: Fr. 76’066.55 netto – in einem Monat.
50’000 Franken für Prävention
Im Jahr 2025 sind laut Thommen über den Verkauf des WC-Papiers mehr als 50’000 Franken für Präventionsprojekte und Schulveranstaltungen in der Schweiz bereitgestellt worden. Die Administration halte man schlank, um möglichst viel Geld in die Projekte zu stecken.
Diese bestehen aus Aktionstagen an Schulen, bei denen Carsten Stahl auftritt. Während Stahl die Schüler mit emotionalen Geschichten berührt – er soll früher selber gemobbt worden sein –, tritt Mörker als Hauptsponsor auf. Am Ende der Veranstaltung werden Schülerinnen und Schüler aufgefordert, gemeinsam ihre Fäuste gegen Mobbing in die Luft zu strecken. Wie nachhaltig solche emotionalisierenden Veranstaltungen sind, ist unter Experten umstritten.
Bei Jugendlichen kommen Multimillionär Mörker und Ex-Schauspieler Stahl dagegen gut an. Man kennt sie von Tiktok. Als sie vor gut zwei Jahren am Basler Bahnhof Roosa-WC-Papier verschenkten, bildeten sich Schlangen für ein Selfie.
Kritik an seinem Geschäftsmodell steckt Mörker auf seine besondere Weise weg: Bereits 2020 hatte ihn der «Kassensturz» wegen eines anderen Geschäfts ins Visier genommen. Damals vertrieb er über Firmen mit amtlich klingenden Namen wie «SMAV Schulmaterial-Verband AG» Druckerpatronen und Schulmaterial. Auch Angestellte von Schulen bestellten und hielten das Unternehmen für eine öffentliche Institution. Jahre später erklärte er in einem Podcast dazu: «Natürlich musst du ein Schlitzohr sein im Verkauf. Das bin ich, das werde ich auch immer bleiben – aber ich weiss, wo die Grenzen sind.»
Und auf Tiktok zitiert er Wilhelm Busch: «Neid ist immer noch die beste Anerkennung für Erfolg.»