Darum gehts
- Gemeinde Kilchberg kündigt Mietwohnungen für Asylunterkünfte bis November 2026
- Familienvater kritisiert gebrochene Zusagen der Gemeinde und fehlende Unterstützung
- Überbauung soll jährlich 500'000 Franken an Unterbringungskosten einsparen
«Die Gemeinde wirft uns raus, damit sie hier Flüchtlinge einquartieren kann», sagt Erhan Ayan (43). Der Bauingenieur hat im letzten Sommer die Kündigung für seine Mietwohnung erhalten, seither sucht er eine neue Bleibe. Ayan wohnt in Kilchberg ZH an der Pfnüselküste am linken Zürichseeufer – ein Steuerparadies und inzwischen die teuerste Wohngemeinde der Schweiz.
Wer in Kilchberg zur Mittelschicht gehört und die Kündigung erhält, hat ein Problem. Denn ohne Topsalär gibt es in der Gemeinde kaum bezahlbare Wohnungen. Das erleben derzeit die Mieterinnen und Mieter einer grossen Überbauung mit 31 Wohnungen an der Grütstrasse direkt neben dem ehemaligen See-Spital. Viele von ihnen müssen bis Ende November 2026 ausziehen.
Gemeinde will halbe Million Franken pro Jahr sparen
Ayan ist in Wolhusen LU geboren und aufgewachsen und lebt seit über zehn Jahren in der Überbauung gemeinsam mit seinen zwei Kindern. Das Sorgerecht teilt er sich mit seiner Ex-Frau, die zu Fuss rund zehn Minuten entfernt wohnt. Die gemeinsame Tochter ist acht Jahre alt, der Sohn zehn. «Die Kinder gehen in Kilchberg zur Schule, haben hier ihre Freunde und verstehen nicht, warum wir aus der Wohnung ausziehen müssen», sagt Ayan, der Mitglied der Feuerwehr in der Gemeinde ist. Er hat lange um das Sorgerecht gekämpft. Der Wohnsitz der Kinder ist beim Vater, deshalb ist Ayan auf eine grosse Wohnung angewiesen.
Die Kilchberger haben im Februar 2025 dem Kauf der zwei Gebäude durch die Gemeinde zugestimmt – vom See-Spital zum Schnäppchenpreis verkauft, da die Überbauung in einer öffentlichen Zone steht. Das Ziel der reichen Gemeinde: hier künftig Asylsuchende unterzubringen und so jährlich eine halbe Million Franken zu sparen. Heute müssen auf dem teuren Kilchberger Mietwohnungsmarkt Unterkünfte zugemietet werden. Auch für ältere Personen oder solche aus wirtschaftlich schwachen Bevölkerungsgruppen sollten die Wohnungen künftig Platz bieten. «Davon ist nun keine Rede mehr», sagt Ayan.
Hat die Gemeinde ihr Wort gebrochen?
Ayan fragt vor der Abstimmung bei der Gemeinde nach, ob die derzeitigen Bewohner auf die Strasse gestellt werden. «Vor der Eigentumsübertragung an die Gemeinde ist keine Entmietung vorgesehen», beruhigt die Gemeinde in einer schriftlichen Antwort, die Blick vorliegt. Auch für die geplanten Instandsetzungsarbeiten des Gebäudes, in dem Ayan lebt, sei keine grundsätzliche Räumung vorgesehen.
Am 4. Juli 2025 folgt der Schock: In Rücksprache mit der Gemeinde spreche man die Kündigung aus, schrieb das See-Spital in einem eingeschriebenen Brief. «Die Gemeinde war nicht ehrlich zu uns», so Ayan. Er findet es bedenklich, dass sich die Gemeinderäte trotz mehrmaliger Kontaktaufnahme nie bei den Betroffenen gemeldet hätten, um gemeinsam Lösungen zu finden. «Das zeigt, dass die Gemeinde das Thema nicht interessiert und die Politik versagt.»
Auch andere verzweifeln an der Wohnungssuche
Als er mit anderen Bewohnern vor die Schlichtungsbehörde geht, bietet ihm die Gemeinde schliesslich in der anderen Gebäudehälfte eine Wohnung an. «Diese war aber zu klein und für eine Familie unpassend. Zudem hätten wir nach zwei Jahren schon wieder umziehen müssen», sagt er konsterniert.
Die aktuelle Miete von 2500 Franken sei für ihn das absolute Maximum. Für diesen Betrag gibt es auf dem Kilchberger Wohnungsmarkt jedoch keine 4,5-Zimmer-Wohnung. «Bald werde ich in meinem Wohnort zum Flüchtling.»
Erhan ist mit seinen Sorgen nicht allein. Auch Silvia Mattle (57) bangt um ihren Lebensmittelpunkt. Blick trifft sie vor der Liegenschaft, als sie gerade auf dem Weg zur Spätschicht ist. Sie wohnt mit ihrem Sohn seit 15 Jahren in einer 3-Zimmer-Wohnung für 1200 Franken pro Monat. Die alleinerziehende Pflegefachfrau hat viele Jahre im See-Spital gearbeitet. «Mein Sohn und ich sind hier verwurzelt. Jetzt müssen wir weg», sagt sie und wischt sich Tränen aus dem Gesicht. «Ich fühle mich von der Gemeinde im Stich gelassen.»
Das sagt die Gemeinde Kilchberg
Für ältere Personen hat es ebenfalls keinen Platz mehr, wie der Fall einer 68-jährigen Frau zeigt. Sie wohnt seit fast 40 Jahren hier und möchte anonym bleiben. Der aktuelle Mietzins: 1580 Franken. «Ich kann mir in der Umgebung keine Wohnung leisten. Aber ich denke nicht, dass wir die Gemeinde interessieren», sagt sie zu Blick.
Kurz darauf muss sie zur Arbeit. Sie packt weiterhin an drei Tagen pro Woche im Spital in Horgen ZH an. Der Arbeitsweg mit dem öffentlichen Verkehr sei perfekt. Falls sie zu weit wegziehen müsse, könne sie wohl nicht mehr in Horgen arbeiten.
Blick hat die Gemeinde Kilchberg mit einer Reihe von Fragen konfrontiert: Unter anderen, ob die Gemeinde etwas dafür tue, dass Mittelstandsfamilien nach einer Kündigung nicht aus dem Ort wegziehen müssen? Und ob man mit Blick auf die Kündigungen wortbrüchig geworden sei? Die schriftliche Antwort: «Unter Hinweis auf das laufende Verfahren wird auf eine Stellungnahme verzichtet.»